Interview mit Alexander Klar

Hamburger Kunsthalle hofft auf eine schnelle Öffnung

| Lesedauer: 9 Minuten
Vera Fengler
Alexander Klar in der Hamburger Kunsthalle, die er seit August 2019 leitet.

Alexander Klar in der Hamburger Kunsthalle, die er seit August 2019 leitet.

Foto: Roland Magunia

Direktor möchte am 14. Februar das Ausstellungsprogramm für 2021 vorstellen und freut sich auf Open-air-Party im Sommer.

Hamburg.  Schon beim ersten Lockdown waren Museen die ersten Kultureinrichtungen, die wieder für Publikum öffnen durften. Da die Situation in vielen Häusern mittlerweile sehr angespannt ist, drängen Museumsdirektoren nun darauf, bei eventuellen Lockerungen sofort berücksichtigt zu werden. Das fordert auch Kunsthallen-Chef Alexander Klar.

Hamburger Abendblatt: Museen sind gemeinhin nicht für offensive Lobbyarbeit bekannt. Das ändert sich gerade. Warum?

Alexander Klar: Die Mitglieder des Leipziger Kreises, zu denen ich gehöre, haben einen internen Brief an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters geschrieben. Wir wollten die Ministerin ermutigen, dass wir zu den Ersten gehören sollten, wenn es zu einer Lockerung der Beschränkungen kommt.

Schon im ersten Lockdown waren die Hamburger Museen unter der Leitung von Hans-Jörg Czech federführend bei der Erarbeitung der Abstands- und Hygienekonzepte. Das hat aber nicht dafür gesorgt, dass sie vom zweiten Lockdown verschont blieben. Was bieten Sie nun Neues an, um gehört zu werden?

Klar: Neben der Sicherheit, dass wirklich wenig Ansteckungsgefahr in großen Ausstellungshäusern besteht, können Museen als Orte der moralischen, ethischen und psychologischen Aufrüstung dienen. Wir haben laut geäußert, dass wir von vielen Menschen gehört haben, dass ein Museumsbesuch ein wichtiger Teil ihrer Lebensqualität ist. Substanziell geht es um die Bewertung der Frage, wie wichtig es ist, dass Museen offen sind.

Der erwähnte Brief führt auch das Argument an, dass Schulklassen die Museen viel stärker als sichere Lernorte nutzen könnten. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Klar: Natürlich haben wir Kontakt zu Schulen wie zu Lehrkräften und können größere und klimatisch besser ausgestattete Räumlichkeiten als die Schulen bieten. Es ist aber schlicht so, dass allein die Anfahrt für Schülerinnen und Schüler in die Kunsthalle zu weit ist. Schulen sind wohnortnah, Museen eher nicht. Ansonsten sind wir gut vorbereitet auf eine sichere Wiedereröffnung. Bei der Max- Beckmann- und Giorgio-de-Chirico-Ausstellung, die für viele Besucher konzipiert wurden, würden wir natürlich darauf achten, dass nicht alle auf einen Schlag kommen. Aber unsere Dringlichkeit zielte eher darauf ab, der Politik beim Ausstiegsszenario aus dem Lockdown zu helfen.

Der Deutsche Museumsbund unterstützt Sie bei dieser Forderung. Er verweist auf bedrohte Existenzen kleinerer Häuser, zudem verhindere die Planungsunsicherheit wichtige Arbeitsprozesse und Perspektiven. Finden Sie, dass die Museen bisher zu wenig für sich getrommelt haben?

Klar: Naja, wir hatten natürlich zunächst eine Beißhemmung, weil man in der Pandemie das Gefühl hat, dass es erst einmal dringlichere Probleme zu lösen gibt. Aber wenn man sich als Kulturnation definiert, dann sollte ganz klar auf der obersten Prioritätenliste die Frage stehen: Wie richtet man sich denn wieder auf an der Kultur? Es gibt eine Analogie zum Zweiten Weltkrieg. In der Nachkriegszeit hieß es, dass der größte Bedarf nach Essen und dem Dach über dem Kopf die Kultur ist. Ich habe das Gefühl, dass das auch heute nicht nur die Museumsleute glauben. Aber in der Politik ist dieses Denken nicht angekommen. Und da bringen wir uns jetzt mit größerem Druck ein.

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Bei Hamburgs Kultursenator dürften Sie mit Ihrem Vorstoß wohl offene Türen einrennen. Er hatte sich ja bis zuletzt dagegen gewehrt, die Museen ein zweites Mal zu schließen.

Klar: Mit den Hamburger Kolleginnen und Kollegen in den Museen sowie mit Kultursenator Carsten Brosda gibt es über das Vorgehen höchstes Einvernehmen, und Herr Brosda hat eine gewichtige Stimme in der Länderrunde.

Gab es schon ein Feedback aus Berlin?

Klar: Kein offizielles, aber durch die Verlautbarungen von Frau Grütters in den vergangenen Tagen merkt man, dass ihr der Brief eine zusätzliche Argumentationshilfe geleistet hat.

Gehen Sie davon aus, dass die Museen nach dem 14. Februar wieder öffnen werden?

Klar: Das ist durchaus denkbar. Wir würden gerne zu dem Zeitpunkt unser Jahresprogramm verkünden.

Wie ist denn die Stimmung in der Hamburger Kunsthalle? Immerhin hatte die großartige Beckmann-Schau bisher kaum Publikum. Und Sie hatten 2020 angekündigt, dass bei einer erneuten Schließung Projekte gestrichen werden müssten.

Klar: Den Umständen entsprechend ganz gut. Unsere Hauptarbeit liegt ja nicht darin, für das Publikum da zu sein, sondern zu forschen, zu sammeln, zu bewahren. Aber es fehlt natürlich ganz klar die Ermunterung durch das Publikum. Auch, wenn wir gerade bei der De-Chirico-Schau sehr hohe YouTube-Zahlen haben. Aber die Kunsthalle lebt, wenn in ihr gelebt wird. Sonst hängen dort lediglich Bilder an der Wand. Bei der Beckmann-Ausstellung haben wir im schlimmsten Fall alles für nichts organisiert; im besten Fall ist die Ausstellung noch zwei Wochen zu sehen. Ich versuche, möglichst viel Ruhe in den Betrieb zu bringen und die wirtschaftliche Entwicklung im Blick zu behalten. Die künftigen großen Projekte sind zum Glück alle in der Spur. Nur eine große Ausstellung – eine Doppelschau zu Vija Celmins und Gerhard Richter – haben wir sehr weit nach hinten verschoben, weil wir dafür noch Zeit hatten. Die Kuratorinnen und Kuratoren haben mehr Arbeit als zuvor durch das Verlegen von Ausstellungen. Aber es hat zur Stimmung beigetragen, zu merken, dass wir ein sehr flexibles, kreatives Team sind, das sich gegenseitig aushilft.

Ein gutes Stichwort: Man hat das Gefühl, dass die Museen sehr gut vorbereitet auf den Tag X sind, wenn es zur Wiedereröffnung kommt. Aber in der jetzt doch sehr langen Schließzeit fehlte es zuweilen an kreativen Ideen rund um Sammlung und Ausstellungen etwa im Digitalbereich. Wäre da nicht mehr drin gewesen?

Klar: Wir haben für de Chirico ein sehr respektables digitales Programm aufgestellt. Digital ist aber dennoch nicht die bessere Version eines Museums, sondern nur die zweitbeste. Das ganz große Publikum springt nicht auf die Angebote im Netz an. Wobei wir im vergangenen Jahr mit 80.000 Followern bei Insta­gram alle deutschen Museen überholt haben. Das Medium Internet stößt einfach an seine Grenzen. Vielleicht gibt es da mittlerweile auch eine digitale Überfütterung durch den Lockdown.

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Also ist das Museum der Zukunft kein virtuelles?

Klar: Ich habe mit meinem Dienstantritt das digitale Museum in der Kunsthalle als eins unserer Ziele definiert. Digital ist da toll, wo man sich vernetzen, austauschen, beteiligen kann. Digital hat nur den einen Nachteil: Das Original hängt an der Wand, und das möchte der Mensch sehen. Und er möchte sich davor mit anderen Menschen darüber unterhalten. Wir machen daher digital nur das, was digital besser ist als analog. Die Zukunft des Museums liegt also im Digitalen, aber sicher nicht ausschließlich. Dieses Neue muss auch vom Publikum gelernt werden. Wir haben zwar schon 80.000 Follower, aber live haben wir jährlich 380.000 Besucher.

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Carsten Brosda hatte kürzlich im Interview zwei Szenarien für das Publikumsverhalten nach dem Ende des Lockdowns entworfen: Entweder man tastet sich vorsichtig an die kulturellen Angebote heran oder es gibt einen orgiastischen Vollrausch und die Menschen stürmen in Theater, Museen und Konzerte. Was glauben Sie?

Klar: Ich glaube, dass es ein Crescendo geben wird. Der Mensch hat eine gewisse Trägheit, man muss sich erst mal an etwas Neues gewöhnen. Wir machen jetzt das Licht in der Galerie der Gegenwart wieder an, sodass man von draußen schon mal reingucken kann. Ich denke, der Publikumsverkehr wird erst einmal schwach beginnen, und im Sommer wird es die Party geben. Dann werden wir draußen auf der Kunsthallen-Plaza die Kunst feiern.

Leipziger Kreis

  • Direktorinnen und Direktoren der bedeutendsten deutschen Kunstmuseen haben sich zum Leipziger Kreis zusammengeschlossen, der 2005 erstmals als informeller Gesprächskreis im Leipziger Museum der bildenden Künste tagte – was ihm seinen Namen gab.
  • Mittlerweile haben sich 15 Häuser dem Leipziger Kreis angeschlossen, darunter die Hamburger Kunsthalle, das Sprengel Museum in Hannover, die Staatlichen Museen zu Berlin, das Museum Ludwig in Köln, die Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main sowie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
  • Vom Kreis initiierte Projekte waren etwa der Tag der Schenkung, um bürgerliches Engagement zu würdigen, und der Tag der Restaurierung.