Theater-Stream

Ein Spaziergang durch Hamburg als Theater-Experiment

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele
Toini Ruhnke in „Park. Ein Statt-Gespräch“.

Toini Ruhnke in „Park. Ein Statt-Gespräch“.

Foto: Célia Hofmann

„Park. Ein Statt-Gespräch“ wurde vom Thalia im Videochat-Programm Zoom live gestreamt. Es gibt zwei weitere Termine.

Hamburg. Die Kunst des Spaziergangs, das Flanieren, steht in diesen Zeiten hoch im Kurs. Viel anderes kann man im Augenblick ja ohnehin nicht tun.

Arnold (Steffen Siegmund) flaniert durch Berlin, zwischendurch ist er auch mal in Paris. Er geht und geht und spricht und spricht. Die Worte fallen in langen Assoziationsketten aus seinem Mund. „Seitdem die Welt untergeht, sieht alles irgendwie besser aus“, sagt er.

Uraufführung von „Park. Ein Statt-Gespräch“

Es passt gut in die Zeit, dass Regisseur Moritz Reichardt „Park. Ein Statt-Gespräch“ nach dem Roman von Marius Goldhorn als ­„Live-Walk“ durch Hamburgs City uraufführt. Das Zoom-Theaterstück ist Auftakt der Regie-Nachwuchs-Reihe „Freiflug“, die demnächst im Nachtasyl unter dem Dach des Thalia Theaters ihre feste Bühne finden soll.

Ein kleines Intro beginnt im verwaisten Café des Artistes (Raumkonzept Celia Hofmann). Dort treffen Arnold und Odile, gespielt von Toini Ruhnke, erstmals aufeinander. Der Ton knirscht, Steffen Siegmund spricht in die von ihm selbst navigierte, wackelige Handykamera. „Kennst du die Angst vor dem Sprechen, aus Angst nur das Naheliegende zu sagen?“, fragt Arnold. Er formuliert Sehnsuchtstexte und Gedichte für Odile, die plötzlich verschwunden ist.

Spaziergang über die leere Mönckebergstraße

Inzwischen mit Mund-Nasenschutz versehen, läuft Siegmunds Arnold über die leere Mönckebergstraße Richtung Hauptbahnhof, besteigt eine S-Bahn, landet an den Elbbrücken und schließlich in der HafenCity. In seinen Texten hängt er irgendwo zwischen Berlin, Paris, Athen und der Mongolei.

Munter springt er zwischen Themen hin und her. Mal geht es um die Mahlzeiten von Pandabären, dann um ein Artischockenfestival. Eine Kontur im Sinne einer Figur erhält dieser Arnold nicht. Es bleibt offen, was eigentlich real, was virtuell ist.

Seine Worte werden mehr und mehr zur Selbstvergewisserung eines jungen Mannes, der durch Metropolen und Gegenden streift, die längst zu Kulissen der Unsicherheit geworden sind. Dabei rezitiert er weiter unaufhörlich Gelesenes, Aufgeschnapptes, Gefühltes, aus Chats, Spam-Ordnern und YouTube-Videos zusammengeklaubt, bevölkert von Terroristen, Delfinen – und immer wieder auch von Odile.

Ufo, Schneebälle und ein Hotelzimmer

Bald scheint sich der Spaziergang endgültig in einen Albtraum zu verwandeln, in dem ein Ufo Arnold aus seinem Hotelzimmer entführt. Immerhin ist Odile wieder da. Leider darf sie lediglich ein paar Stichworte geben und ein paar Schneebälle werfen. Nur gelegentlich entwickelt sich ein wirkliches Zwiegespräch zwischen diesen beiden Vertretern der Millennial-Generation auf der Suche nach sich selbst – und dem Anderen.

Allerdings fängt das Stück ihr Lebensgefühl erstaunlich präzise ein, weshalb dieser Live-Walk funktioniert. Zum Schluss entblößt Arnold seinen Oberkörper und spricht durch eine Panda-Maske: „Ich hab eigentlich überhaupt keine Ahnung, worum es hier noch geht.“ Macht nichts. Genauer kann man die grassierende Verunsicherung nicht auf den Punkt bringen.

„Park“ weitere Termine: 6.2. und 20.2, jeweils 15.30 Uhr. Infos unter www.thalia-theater.de