Aufklärung

Zahlreiche Theater beschäftigen sich mit NSU-Taten

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Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und viele Taten des „NSU“ sollen künstlerisch aufgearbeitet werden.

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und viele Taten des „NSU“ sollen künstlerisch aufgearbeitet werden.

Foto: Boris Roessler / dpa

Eine bundesweite Initiative tut sich zum Projekt „Kein Schlussstrich!“ zusammen. Auch eine Hamburger Einrichtung ist dabei.

Hamburg.  Die Dimension des Projektes vermittelt sich schon anhand der Teilnehmerzahl der Zoom-Pressekonferenz: 86 Interessierte haben eingeschaltet. Die Mordserie des rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), dem bundesweit neun Menschen mit migrantischem Hintergrund und eine Polizistin zum Opfer fielen, sind bis heute für viele unbefriedigend aufgearbeitet.

Auch nach der Verurteilung der Mittäterin Beate Zschäpe und weiterer Gehilfen blieben Ungereimtheiten. Das Narrativ von Einzeltätern hält sich, obwohl es Ermittlungspannen gab, Akten vernichtet wurden und eine Verstrickung des Verfassungsschutzes bis heute nicht geklärt ist.

Für Hamburg ist Kampnagel mit dabei

Eine bundesweite kulturelle Initiative hat sich darum unter der Federführung des Vereins „Licht ins Dunkel e.V.“ zu dem Projekt „Kein Schlussstrich!“ zusammengetan. Ausgehend davon haben sich zahlreiche Stadttheater, freie Produktionshäuser, Institutionen und Stiftungen aus 14 direkt oder indirekt vom NSU-Komplex betroffenen Städten zusammengefunden, um bundesweit vom 21. Oktober bis 7. November 2021 interdisziplinär künstlerische Projekte umzusetzen. Für Hamburg ist Kampnagel mit dabei. Intendantin Amelie Deuflhard teilt sich mit Jonas Zipf (Werkleiter von JenaKultur) den Vereinsvorstand.

„Die Wunde ist weiterhin offen, gerade weil die Verstrickung behördlicher Organe und staatlicher Strukturen nicht befriedigend genug aufgeklärt wurden“, so Amelie Deuflhard. „Wir wollen keinen Schlussstrich ziehen, solange rassistische, antisemitische und menschenverachtende Haltungen weit in unsere Gesellschaft und unsere Institutionen hinein präsent sind.“ Der Glaube an die Kunst und ihre Wirksamkeit sei wichtiger denn je.

Mit künstlerischen Mitteln Taten weiter aufarbeiten

Es gelte, mit künstlerischen Mitteln an der Schnittstelle zu Politik, Diskurs und Aktivismus diese Taten weiter aufzuarbeiten, den Stimmen der Betroffenen Gehör zu verschaffen und die nötigen Lehren zu ziehen, so Jonas Zipf. Auch und gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Taten des rechten Terrors, der Anschläge 2020 in Hanau und des Urteils im Mordfall Walter Lübcke.

Die künstlerische Leitung des Projektes haben die Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie die Kuratorin Ayse Gülec inne. Ein Beirat ist unter anderem mit der Autorin und Journalistin Ferda Ataman und der Schauspielerin und Comedienne Idil Baydar prominent besetzt. Unter den beteiligten Häusern sind die Münchner Kammerspiele, das Schauspiel Köln und das Deutsche Nationaltheater Weimar.

Hamburger Künstlerin präsentiert installatives Live-Hörspiel

Geplant ist, dass alle Beteiligten ein künstlerisches Projekt in ihrer Stadt realisieren. Auf Kampnagel ist ein großes Symposium geplant. Außerdem wird die Hamburger Künstlerin Leyla Yenirce ein installatives Live-Hörspiel präsentieren. Flankierend dazu wird eine von Ayse Gülec und Fritz Laszlo Weber kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Offener Prozess“ und unter anderem Beiträgen von Harun Farocki und Hito Steyerl mehrere Städte bereisen. Der Komponist Marc Sinan bringt ebenfalls auf mehrere Städte verteilt das Oratorium „Manifest(o)“ zur Aufführung.

Die Bedeutung des Theaterprojekts, das sich ausdrücklich mit strukturellem und institutionellem Rassismus auseinandersetzt, wird auch in der Förderung sichtbar. Von den 900.000 Euro übernimmt die Kulturstiftung des Bundes ein Drittel, weitere Gelder kommen von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Der eindringlichste Beitrag in der Pressekonferenz kam am Ende von Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Den mehrfach genannten Namen der Täter setzte sie die Namen der Opfer entgegen.

( asti )