Corona und Kultur

Im Theater-Lockdown quer durch ganz Europa

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Theatermacherin Emma Rice.

Theatermacherin Emma Rice.

Foto: Thalia Theater

...und auch weiter. Das Deutsche Schauspielhaus und das Thalia Theater schicken ihr Publikum auf die Reise.

Hamburg. In Moskau schaut der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow in die Kamera und erklärt sich spöttisch zum „Experten für Selbstisolation“. Mehrfach stand er unter Hausarrest, ihm wurde der Pass abgenommen, er durfte nicht reisen, nicht arbeiten. Erfahrungen, die er – aus vollkommen anderen Gründen und in anderen Ausprägungen, versteht sich – plötzlich mit Kollegen europäischer Bühnen teilt.

Auch in anderen Metropolen sitzen die Direktoren und Regisseurinnen nun seit Wochen zu Hause oder in ihren Theaterbüros und sind mit ihrem Publikum und anderen Theatermachern nur via Bildschirm verbunden. Was bisweilen charmante Einblicke erlaubt: In Antwerpen wird das Bücherregal des belgischen Regisseurs Guy Cassiers bald zusammenbrechen. In Amsterdam entdeckt der Theatermacher Ivo van Hove seine Nachbarn – die er nie zuvor gesehen hat. In Hamburg spricht Thalia-Intendant Joachim Lux in Schal und Mütze ins offenbar unbeheizte Nachtasyl.

Der künstlerische und intellektuelle Austausch findet trotz Corona statt

In der englischen Grafschaft Gloucestershire filmt der britische Regisseur und Schauspieler Simon McBurney die Landschaft vor seinem Haus und erklärt anhand eines Ackers, was das Theater zu leisten imstande ist: „Es zeigt uns nicht auf, was uns trennt, sondern vielmehr, wie sehr wir verbunden sind.“ Auch während einer Pandemie, auch wenn gegenseitige Besuche nahezu unmöglich geworden sind. Der künstlerische und intellektuelle Austausch findet trotzdem statt – unabhängig voneinander sind am Thalia Theater und am Schauspielhaus zwei Formate entstanden, die den Blick (und das Herz) weiten und das jeweilige Publikum gedanklich auf die Reise schicken.

Der Film „Voices of Europe“, „Europäische Stimmen“ also, ist ein vom Thalia Theater anlässlich der heute beginnenden (digitalen) Lessingtage initiierter und ausgesprochen inspirierender Gedankenaustausch europäischer Künstlerinnen und Künstler aus allen Himmelsrichtungen. Ästhetisch eher handgemacht (man kennt das ja inzwischen von Zoom-Konferenzen, Skype-Gesprächen und Facetime-Partys), werden Positionen und Visionen einer künftigen Gesellschaft, eines möglichen Theaterlebens ausgelotet, subjektiv, assoziativ, persönlich.

Paneuropäische Couch des Thalia

Da spricht sich Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, die russische Festivalleiterin Marina Davydova bemerkt, dass internationale Theaterarbeiten durch die eigentlich unfreiwillige digitale Verfügbarkeit nun auch für jene sichtbarer werden, die sich sonst keine Opernkarte leisten konnten - geschweige denn ein Flugticket zu einem Theaterfestival in Avignon oder Hamburg. Und während Kirill Serebrennikow berichtet, dass in Moskau die Bühnen noch immer für ein Viertel des sonst üblichen Publikum geöffnet sind, betont Ivo van Hove, Direktor der Amsterdamer Toneelgroep, der auch am Broadway und am Londoner Westend arbeitet und als Regisseur eine Art Wanderer zwischen den Welten ist, noch einmal den Kontrast zwischen subventioniertem und kommerziellem Theater: Letztere, prophezeit er, „werden nicht öffnen, bevor sie nicht vor dem gesamten Publikum spielen können“.

​​An den Hamburger Staatstheatern will man unterdessen bewusst offen bleiben – gerade weil alles geschlossen ist. „Die Antwort des Thalia auf die Pandemie ist eine paneuropäische Couch“, wirbt Intendant Lux für sein diesjähriges Festivalformat: „Verabreden Sie sich mit ihren lange nicht gesehenen europäischen Freunden in den Niederlanden, Frankreich, Polen, Russland, Italien oder Spanien bei einer Flasche Thalia-Wein zum gemeinsamen und zeitgleichen ‚Besuch‘!“

Deutsches Schauspielhaus bittet auf einen Stream in die Sofaecke

Und auch das Deutsche Schauspielhaus bittet auf ein Glas und einen Stream in die Sofaecke. Den europäischen Freund bringen sie gleich selbst mit, es gibt türkische Teigröllchen, gute Gespräche und jede Menge starke Texte: „Im Lockdown um die Welt​“ heißt die neue Theater-Talkshow der hauseigenen Website, für die sich Ensemblemitglieder Gäste einladen, jede Folge widmet sich einer kulturell und politisch aufgeladenen Metropole.

Zum Auftakt führt der Städtetrip nach Istanbul. In gemütlicher Wohnzimmer-Kulisse sitzt der deutsch-türkische Arzt und Theatermacher Tuğsal Moğul mit den Schauspielern Ute Hannig, Yorck Dippe und Christoph Jöde im Rangfoyer beieinander. Warmes Licht, rote Tapete, Rakı auf Eis, eine vertraute Runde. Als sie noch durften, haben sie gemeinsam Moğuls medizinisch-theatrale Produktion „Wir haben getan, was wir konnten“ im Malersaal herausgebracht. Jetzt will das Ensemble mehr wissen und fragt den zweisprachig aufgewachsenen Westfalen, dessen Eltern aus der Türkei stammen, nach Herkunft und Heimat, nach dem Geschmack von „Löwenmilch“ und türkischer Schauspielkunst, nach politischen Einschätzungen und seinen eigenen Gastaufenthalten in Istanbul.

Es ist die perfekte Plauderstunde, getragen von spürbarem, ernsthaftem Interesse am Thema, garniert mit Sinnlichkeit und Unterhaltung. Tuğsal Moğul erzählt, wie es sich anfühlt, ein Erdbeben mitten in der Generalprobe zu erleben, Yorck Dippe hat Deniz Yücels Kolumnen mitgebracht, Christoph Jöde liest Orhan Pamuk, Ute Hannig aus Asli Erdogans „Das Haus aus Stein“. Eine Lektüre, die sie nachhaltig beeindruckt hat: „Das war wie über heiße Herdplatten zu laufen.“ Die Heterogenität des Landes wird tatsächlich (be)greifbar; „Im Lockdown um die Welt“ ist ein verblüffend dichtes, tolles Format, das noch in dieser Woche mit „Jerusalem“ und dem Schriftsteller David Grossmann in die die zweite Runde gehen soll.

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Sollte jemand allerdings geglaubt haben, eine der Produktionen, der paneuropäische Thalia-Film oder die Städte-Talkshow aus dem Schauspielhaus, könnte das Fernweh lindern - das Gegenteil ist natürlich der Fall. Die Schauspielerin Ute Hannig fasst es am Ende so treffend wie trocken zusammen: „Jetzt hab ich das Gefühl, Reisen fehlt mir mehr als Theaterspielen.“

Film & Talkshow:

„Im Lockdown um die Welt“, jederzeit abrufbar unter www. schauspielhaus.de Auch die Lessingtage sind bis Ende Januar international, jew. 19-24 Uhr auf www.thalia-theater.de, gratis mit Ausnahme der Eröffnung:

  • Thalia Theater, Hamburg: Mi 20.1. „Paradies fluten/hungern/ spielen“, Regie: Christopher Rüping, zahlungspflichtiger Livestream (9/erm. 6 Euro) „Voices of Europe“, 21.1., 19 Uhr (abrufbar bis Mitternacht)
  • Dramaten, Stockholm: Fr 22.1., „Der Idiot/Idioten“, Regie: Mattias Andersson
  • Toneelhuis, Antwerpen: Sa 23.1., „Antigone in Molenbeek“/ „Tiresias“, Regie: Guy Cassiers
  • Berliner Ensemble: So 24.1., „Der Kaukasische Kreidekreis“, Regie: Michael Thalheimer
  • Teatro Stabile Torino – Nationaltheater: Mo 25.1., „So ist es (wenn es Ihnen so scheint) / Così è (se vi pare)“, Regie: Filippo Dini
  • Deutsches Theater, Berlin: 26.1., „Maria Stuart“, Regie: Anne Lenk
  • Theater der Nationen, Moskau: Mi 27.1., „Der Idiot“, Regie: Maxim Didenko
  • Teatre Lliure, Barcelona: Do 28.1., „UNA (Eine Frau)“, Regie: Raquel Cors
  • Schauspielhaus Düsseldorf: Fr 29.1., „Volksfeind for Future“, Regie: Volker Lösch
  • L’Odéon − Théâtre de l’Europe, Paris: Sa 30.1., „Der Himmel ist keine Kulisse / Il cielo nonèun fondale“, Performance von Daria Deflorian und Antonio Tagliarini
  • Katona József Theatre, Budapest: So 31.1., „Nora“, Regie: Kriszta Székely