Ausstellung

Meisterwerke der metaphysischen Malerei in der Kunsthalle

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Falk Schreiber
Kunsthallen-Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers in der Giorgio-de-Chirico-Ausstellung.

Kunsthallen-Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers in der Giorgio-de-Chirico-Ausstellung.

Foto: Laible

Ausstellungsfilm, Audiotour, Fotodokumentation: In der Kunsthalle findet derzeit die große Giorgio-de-Chirico-Schau nur online statt.

Hamburg. Ein weiter, leerer Platz. Im Vordergrund ein Brunnen, leere Säulengänge, ein Uhrturm, am Horizont zieht ein Zug vorbei. Und ein einzelner Mensch steht verloren im Nirgendwo. Der Hansaplatz in Zeiten des Corona-Lockdowns? Nein, Giorgio de Chiricos 1912 entstandenes Gemälde „Die Freuden des Dichters“, ein Hauptwerk der „Pittura metafisica“, der „metaphysischen Malerei“. Und ein zentrales Exponat in der Ausstellung „Giorgio De Chirico – Magische Wirklichkeit“, die am Donnerstag in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird.

Sofern man unter den aktuellen Umständen überhaupt von einer Eröffnung sprechen kann: Die Zeremonie mit Grußworten unter anderem von Bürgermeister Peter Tschentscher und dem italienischen Botschafter Luigi Mattiolo wird um 19 Uhr online als Livestream stattfinden, darüber hinaus soll es eine Audiotour in der Kunsthallen-App geben, eine umfangreiche Fotodokumentation der Räume, und ab 5. Februar ist ein Ausstellungsfilm verfügbar, der einen kurzen Einblick in die Präsentation verspricht. Und dann hofft Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers, dass die Besuchsbeschränkungen vor dem Ausstellungsende am 25. April aufgehoben sein werden, damit das Publikum sich ein eigenes Bild machen kann.

Insgesamt 35 Gemälde sind in der Kunsthalle zu sehen

Die ausgestellten Arbeiten nämlich sind hochkarätig, die sollte man nicht nur auf dem Bildschirm zu sehen bekommen. Insgesamt 35 Gemälde hauptsächlich aus den Jahren zwischen 1909 und 1919 sind zu sehen, dazu noch ein paar Vorläufer dieser metaphysischen Periode, ein Ausblick ins spätere Schaffen de Chiricos, einige Fremdeinflüsse. Görgen-Lammers hat mehrere längst ins allgemeine Bildbewusstsein übergegangene Werke zusammengetragen, „Die Sehnsucht nach dem Unendlichen“ (1911) aus dem New Yorker MoMA, „Der Lohn des Wahrsagers“ aus dem Philadelphia Museum of Art, „Die Unsicherheit des Dichters“ aus der Londoner Tate, viele Exponate aus Privatsammlungen, die nur schwer für eine öffentliche Ausstellung zu bekommen sind und die gerade wegen des Aufwandes nach einer Besichtigung schreien.

Möglich ist das nur, weil die Lasten verteilt sind. Entstanden ist die Schau in Kooperation mit den Pariser Musées d’Orsay et de l’Orangerie, allerdings wurde die Ausstellung in Hamburg noch deutlich erweitert. Und: Kuratorin Görgen-Lammers hat für die Kunsthalle eine einleuchtende Ausstellungsarchitektur entworfen, die das Hubertus-Wald-Forum in eine Piazza verwandeln soll, ähnlich den Plätzen, hinter deren lichtdurchfluteter Offenheit sich bei de Chirico das Geheimnisvolle verbirgt.

Elemente geben Rätsel auf

Hier allerdings erweist sich der Zugriff als holprig. Ja, der Raum ist offen, die ausstellungsarchitektonischen Elemente verteilen sich ähnlich wie die Türme, Säulengänge, Statuen in de Chiricos Gemälden, zudem ermöglicht der Blick vom Eingang eine reizvolle Draufsicht auf das Geschehen. Aber: Das Hubertus-Wald-Forum wird so noch nicht zur Piazza, es ist und bleibt ein lichtloser Raum, der mehr an einen Keller erinnert als an eine offene Fläche. Die Ausstellung löst das, indem sie de Chiricos Bilder auf dunkle Stellwände im Raum verteilt, während die Fremdeinflüsse von den hell gestrichenen Seiten herüberschauen, darunter Picassos „Der Kunsthändler Clovis Sagot“ (1909) und Alberto Magnellis „Mann mit Hut“ (1914).

Das ist wiederum interessant, weil dieses Verhältnis zwischen Innen und Außen auch in der metaphysischen Malerei überaus wichtig ist. Die gezeigten Elemente in „Die Eroberung des Philosophen“ (1914) etwa geben Rätsel auf: eine Kanone, zwei Artischocken, eine Uhr. Miteinander unverbundene Hinweise auf etwas, das sich nicht erklären lässt. Aber hinter einer Wand scheinen zwei Menschen miteinander zu sprechen, ihre Schatten ragen ins Bild hinein, und vielleicht geben diese Schatten eine Antwort auf das, was das Gemälde ansonsten nur andeutet?

„Magische Wirklichkeit“ ist bewusst unvollständig

Eine Antwort fand de Chirico in der Literatur, in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ etwa, das im wahrscheinlich berühmtesten Bild der Schau zitiert wird, „Das Gehirn des Kindes (Der Wiedergänger)“ (1914). Und weil die Ausstellung gut darin ist, Bezüge herzustellen, steht direkt daneben eine kleine Vitrine mit einem antiquarischen Band von Nietzsches Hauptwerk. Ebenso wie im Eingangsbereich Nietzsche-Texte zu hören sein sollen. Oder wie in Nachbarschaft zu einem Porträt von de Chiricos Musiker-Bruder Alberto ein Klavier steht, auf dem eigentlich dessen Komposition „Die Gesänge des Halbtodes“ live gespielt werden sollte (was jetzt coronabedingt als Einspielung realisiert wird).

Der Künstler:

  • Giorgio De Chirico wurde 1888 als Sohn eines italienischen Eisenbahningenieurs und jüngerer Bruder des Komponisten Alberto Savinio im griechischen Volos geboren. Beim Studium in München kam er in Kontakt mit den Spätromantikern Arnold Böcklin und Max Klinger, außerdem las er Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. In Paris und im norditalienischen Ferrara entwickelte er ab 1909 die „Metaphysische Malerei“, die den Surrealismus vorbereitete, viele Surrealisten bezeichnen De Chirico als wichtigen Einfluss, obwohl er sich ab 1920 von zeitgenössischen Strömungen abwandte.
  • In Hamburg wurde seine Arbeit bislang noch nie in einer Einzelpräsentation ausgestellt, auch wenn die Kunsthalle 1957 ein Werk des Malers kaufte–allerdings ist der Markt überschwemmt mit falschen De Chiricos, und auch das Hamburger Gemälde entpuppte sich als Fälschung. 1978 starb Giorgio De Chirico in Rom.

„Magische Wirklichkeit“ ist bewusst unvollständig: Die Rolle de Chiricos als Wegbereiter des Surrealismus wird nur angedeutet, seine Position als viel kopierter Erfolgskünstler kaum reflektiert. Immerhin: In einem Kabinett ist noch die späte Serie „Geheimnisvolle Bäder“ (entstanden ab 1934) zu sehen, was eine direkte Linie zu Max Klingers im Bestand der Hamburger Kunsthalle befindlicher „Brahmsphantasie“ (1894) herstellt.

Die Ausstellung konzentriert sich auf zehn Schaffensjahre

Dass der Meister der metaphysischen Malerei auch ein Künstler zwischen Spätromantik und Avantgarde war, verschweigt die Ausstellung zwar nicht, sie stellt es durch die Konzentration auf seine metaphysische Periode aber sehr in den Hintergrund. Man könnte de Chirico auch anders erzählen, als Wanderer durch die Wirren des 20. Jahrhunderts.

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Als Maler, der ein klassizistisches Kunstideal hochhielt, während die Moderne immer stärker in seine Kunst eingriff. Als Künstler zwischen Italien, Deutschland und Frankreich, zwischen Turin, München und Paris. Dass die Ausstellung sich dagegenentscheidet, ist gleichwohl legitim, ebenso, dass sie sich auf gerade mal zehn Jahre im Leben eines 90 Jahre alt gewordenen Künstlers konzentriert. Jetzt muss man „Magische Wirklichkeit“ nur noch zu sehen bekommen.

„De Chirico – Magische Wirklichkeit“ 21.1.–25.4., Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5. Ein umfangreiches digitales Angebot ergänzt die Ausstellung, solange der Besuch vor Ort untersagt ist; Internet: hamburger-kunsthalle.de