Lessingtage im Thalia

„Man sehnt sich im Theater doch nach Nähe“

| Lesedauer: 11 Minuten
Christopher
Rüping, Jahrgang 1985, hat in
Hamburg Regie
studiert. Am
Thalia hat er u.a.
„Panikherz“ inszeniert.

Christopher Rüping, Jahrgang 1985, hat in Hamburg Regie studiert. Am Thalia hat er u.a. „Panikherz“ inszeniert.

Foto: Tien Nguyen

Regisseur Christopher Rüping eröffnet die Thalia-Lessingtage. Gespräch über die Krise der Versammlung und die Zukunft des Theaters.

Hamburg. Christopher Rüping befindet sich in Quarantäne. Kein Grund, es nicht trotzdem krachen zu lassen: Hinter dem Dachfenster seiner Hamburger Theaterwohnung jedenfalls grollt während des Video-Interviews der Donner, so gehört sich das wahrscheinlich für einen Theatermacher, der 2019 zum „Regisseur des Jahres“ gekürt und nicht nur von der „New York Times“ als „einer der spannendsten Jungregisseure Deutschlands​„ eingeordnet wird: ordentlich Theaterdonner! Morgen eröffnet Rüpings Inszenierung „Paradies“, die im September analoge Premiere feierte, die Lessingtage - als Geistervorstellung im leeren Thalia Theater, online live übertragen.

Hamburger Abendblatt: Kurz vor der Premiere fiel Ihnen ein Hauptdarsteller aus, jetzt bringen Sie ein Stück ins Netz, das eigentlich als analoge Produktion konzipiert ist. Am Theater ist man es gewohnt zu reagieren, zu improvisieren. Kann das Theater in einer Situation wie der aktuellen ein Vorbild sein, von dem eine Gesellschaft lernen kann?

Christopher Rüping: Es ist immer gut, das Theater zu befragen. Aus dem Theater Ansätze zum gesellschaftlichen Umgang mit bestimmten Fragen und Themen abzuleiten, ist sinnvoll. Wenn es dem Theater dann auch noch gelingt, sich als Institution weiter aus den superfestgefahrenen, hierarchischen, patriarchalen Strukturen zu befreien, kann es zum guten Vorbild für eine Gesellschaft werden, ja.

Sie haben während des ersten Lockdowns am Schauspielhaus Zürich eine mehrteilige Netz-Serie erfunden, die live gestreamt und in jeder Folge von rund 1000 Zuschauern gesehen wurde. Sie haben also Erfahrungen gesammelt in diesem Corona-Jahr, was Theater auch sein kann - wenn es muss. Oder auch sonst?

Rüping: Wir wären nicht auf die Idee gekommen, wenn unsere eigentlichen Bühnen zur Verfügung gestanden hätten. Aber ich finde schon, dass sich da eine eigene Kunstform entwickelt. Es würde sich lohnen, die Bühnen im digitalen Raum auch dann weiter zu bespielen, wenn die analogen Bühnen wieder zur Verfügung stehen.

Hat Ihnen das – bei allem Frust über die geschlossenen Häuser - Spaß gemacht? Das Reagieren, das Erfinden? Gab es da so etwas wie Abenteuerlust?

Rüping: Ich habe ja in Hamburg Regie studiert und mein Studium 2011 abgeschlossen. Seitdem sind zehn Jahre vergangen, in denen ich an verschiedenen Theatern inszeniert habe. Ich bin zwar noch kein „Profi“, inzwischen aber ein „Fortgeschrittener“ in meinem Beruf, würde ich sagen. Als wir die Netz-Serie „Dekalog“ gemacht haben, fühlte sich das allerdings wieder wie im ersten Studienjahr an. Es gibt zwar schon länger einen Diskurs über Theater im digitalen Raum, aber für mich persönlich waren es die ersten Gehversuche. Also: Bewegung. Bewegung erzeugt Reibung – und was ist das anderes als Kreativität? Es entsteht etwas. Ich habe das als bereichernd empfunden.

Ist das für Sie die Skala der Möglichkeiten – auf der einen Seite ein dynamischer Internetstream ohne Vor-Ort-Publikum, auf der anderen Ihre überbordende, zehnstündige „Dionysos Stadt“-Arbeit an den Münchner Kammerspielen – schönste Überforderung für jeden, der das Theater liebt.

Rüping: Ja, genau. Ich kann mich glücklich schätzen, mich relativ frei auf der Skala des Möglichen bewegen zu können. Für mich gibt es aber auch eine Verwandtschaft zwischen den unterschiedlichen Arbeiten. Beim „Dekalog“-Stream war der Ausgangspunkt die Form - gelingt es, zwischen einer Schauspielerin, die vor einer Kamera in Zürich steht, und Zuschauern im gesamten deutschsprachigen Raum vor ihren Bildschirmen eine Begegnung zu ermöglichen? Genau das ist letzten Endes auch der Versuch bei den zehn Stunden „Dionysos Stadt“ im analogen Theater. Man sehnt sich im Theater doch nach einer Nähe.

Inwiefern beeinflusst Corona Ihre Arbeit nicht nur formal, sondern auch inhaltlich? Suchen Sie andere Stoffe?

Rüping: Ja, schon. In Zürich fangen wir bald mit den Proben zu den „Nachtstücken“ von E.T.A. Hoffmann an. Die werden wir nachts spielen, von 23 Uhr bis 1 Uhr. Für mich als Nachtmensch ist es ein großes Unglück dieser Zeit, dass die Nächte so leer bleiben. Nachts kannst du gar nichts mehr machen, keine Leute sehen, auf kein Konzert gehen, in keine Bar. Ich wollte ein Format für Nachtschwärmer erfinden. Die „Nachtstücke“ sind eigentlich fantastische Geschichten, die ums Lagerfeuer erzählt werden. Es geht also um die Flucht vor der Logik des Tages in die Nacht – Eskapismus pur. Eskapismus hat mich früher am Theater nie interessiert. Aber jetzt kriege ich permanent so viel über die Welt mit, ich weiß, wie viele Corona-Tote es jeden Tag in Nordrhein-Westfalen gibt, ich werde bombardiert mit Nachrichten über die neusten Verbrechen des US-Präsidenten. Gleichzeitig fehlt uns die Imagination. Die suche ich am Theater. Da wende ich mich gerade einer Welt zu, die jenseits dieser echten Welt liegt.

Eigentlich war auch Ihre Hamburger „Paradies“-Inszenierung am Thalia Theater als ein mehrstündiger Mammutabend konzipiert, der dann, Corona geschuldet, auf zwei Stunden eingedampft wurde. Was fehlt dem Abend?

Rüping: Zeit! Die Texte sind mehr als 450 Seiten lang. Lange Betrachtungen, Gedanken, Assoziationsketten – das ist fast meditativ. In der Kurzversion wird die Handlung wichtiger. Dem Abend fehlt also das Überbordende und Diskursive. Aber: Der ursprünglich geplanten Marathon-Inszenierung hätte womöglich das Stringente, die Klarheit gefehlt. Es sind also beides mögliche Inszenierungen desselben Textes. Die eine gibt es, die andere halt nicht.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Die Web-Serie in Zürich war explizit fürs Streamen erfunden. Das ist bei „Paradies“ nicht so. Was ist der entscheidende Unterschied?

Rüping: Inszenierungen, die eigentlich nicht für den digitalen Raum gedacht sind, brauchen eine Übertragung. Ich muss also etwas ändern und mache das zusammen mit der Videokünstlerin Rebecca Meining. Wir werden insgesamt vier Kameras haben, eine filmt die Totale, ein Kameramann wird auf der Bühne sein. Für die Schauspieler und Schauspielerinnen ist der Adressat nicht mehr das Publikum im Raum, sondern es sind die Leute an ihren Bildschirmen. Das verändert alles. Der Live-Stream von „Paradies“ ist ein Experiment mit völlig offenem Ausgang.

Der Live-Effekt hilft vermutlich, oder? Es gibt immerhin das Bewusstsein, dass im selben Moment irgendwo ein unsichtbares Publikum sitzt und zuschaut.

Rüping: Auf jeden Fall. Aufzeichnungen von Theaterstücken finde ich eher komisch. Das ist dann wie Netflix – oder wie Museum, bei alten Inszenierungen. Inszenierungen, die für den digitalen Raum erfunden sind, müssen meiner Meinung nach live sein, interaktiv, flüchtig – und etwas Suchendes haben. Bei der Übersetzung einer eigentlich für den analogen Raum gedachten Produktion ins Digitale kann man diese Kriterien nicht alle erfüllen. Die Hamburger Geistervorstellung von „Paradies“ ist zum Beispiel nicht interaktiv.

Gar nicht? Sie selbst sind viel auf Twitter unterwegs – werden Sie sich keinen Hashtag für den Abend überlegen und nicht parallel live kommunizieren?

Rüping: Ich werde mir sogar ganz bestimmt einen Hashtag ausdenken! #Paradiesstream oder #Streamofparadise oder so etwas, mal schauen. Aber mit Interaktion meine ich nicht, dass etwas gesendet wird und ein Echo erzeugt. Sondern ich meine, dass dieses Echo wiederum Auswirkungen auf das Gesendete hat. Aber das ist bei „Paradies“ nicht so – die Schauspielerinnen und Schauspieler lesen ja nicht beim Spielen die Twitter-Kommentare.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Viele Theater haben sich aufgrund der momentanen Infektionslage aktiv gegen mögliche Livestreams entschieden. Wie arbeiten Sie am Thalia?

Rüping: Ich bin gerade in vorsorglicher Quarantäne, weil ich aus der Schweiz eingereist bin. Im Thalia Theater werden ohnehin alle Abstands- und Hygieneregeln beachtet, die „Paradies“-Premiere hat ja bereits unter Corona-Bedingungen stattgefunden. Vor den Proben werden alle Beteiligten noch einmal getestet. Das, was wir da machen, ist sicherer als im Supermarkt einkaufen zu gehen.

Wie innovativ sind die Theater bisher grundsätzlich mit der Krise umgegangen? Was ist Ihr Eindruck?

Rüping: Es gibt alles, vom Rückzug ins Schneckenhaus bis zur Experimentierlust. Ist ja auch klar, am Theater arbeiten so viele verschiedene Menschen. Ich verstehe zum Beispiel, wenn eine Theatermacherin sagt, sie interessiert der digitale Raum nicht. Sucht man sich stattdessen vielleicht andere analoge Räume: Balkone, Fußballstadien, öffentliche Parks. Freilufttheater. Schwierig finde ich eher, wenn jemand schweigend darauf wartet, dass alles wieder wird, wie es mal war.

Sie glauben nicht an eine Rückkehr des Theaters in gewohnter Form?

Rüping: Es geht mir nicht nur ums Theater. Mein Eindruck ist, dass die Versammlung an sich gerade bedroht ist. Früher war es fester Bestandteil unserer Leben, sich mit Fremden an einem Ort zu versammeln – in Bars, Clubs, Kinos, am Elbstrand, im Park, auf einer Demo. Diese Versammlungen sind jetzt zur Bedrohung geworden, sie haben ihre Unschuld verloren. Und ich glaube, die Krise der Versammlung wird sich nicht in Luft auflösen, wenn die Leute nach und nach geimpft werden. Das wird dauern, man muss dafür kämpfen.

Digitale Lessingtage:

  • Christopher Rüpings Inszenierung von Thomas Köcks „Paradies - Fluten/Hungern/Spielen“ eröffnet am Mittwoch, 20.1., um 19 Uhr als Livestream die Lessingtage am Thalia Theater.
  • Karten für den Stream (9 Euro/erm. 6 Euro) gibt es unter www.thalia-theater.de.
  • Die Lessingtage finden als Kooperation mit dem Stockholmer Dramaten statt; die weiteren Streams aus verschiedenen europäischen Theatern (in den jeweiligen Originalsprachen mit englischen Untertiteln) sind kostenlos.

Fürchten Sie, dass sich das Publikum in der langen Phase der geschlossenen Bühnen entwöhnt?

Rüping: Nein. Es ist allerdings wirklich bemerkenswert, wie viele Theaterschaffende offenbar glauben, dass sie sofort vergessen werden. Das ist ein Reflex, der viel über die Branche aussagt. Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis nach Theater. Vielleicht wird einem nicht sofort wieder die Bude eingerannt, aber ich habe keine Sorge, dass das Publikum es tatsächlich besser finden könnte, gar nicht mehr ins Theater zu gehen.

Man muss sich nach einem langen Bruch neu dafür entscheiden. Das ist nicht ganz ohne.

Rüping: Ja, stimmt. Das musste man vor Corona allerdings auch. Ein Theaterbesuch ist immer eine Entscheidung. Selbst als treue, routinierte Abonnentin – man muss sich entscheiden, loszugehen. Denn eins kann man ja mal feststellen: Es geht immer ohne Theater. Es ging auch schon immer ohne Theater. Niemand auf der Welt ist für sein physisches Überleben auf das Theater angewiesen. Die Leute kommen trotzdem - weil sie sich dafür entscheiden. Wenn wir interessantes Theater machen, werden es genügend Leute sehen wollen.​

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.