Underground-Künstler

Provokante T-Shirt-Kunst von Envie Koepke

| Lesedauer: 3 Minuten
Falk Schreiber
Die Kollektion erschließt sich auf den zweiten Blick.

Die Kollektion erschließt sich auf den zweiten Blick.

Foto: Koepke

Wer hilft uns durch den Kultur-Lockdown? Künstler wie der Hamburger Envie Koepke, mit buntem, vieldeutigem Underground-Design.

Hamburg.  Die Stadt ist grau. Die Museen haben geschlossen, Kunst ist aus dem Alltag verbannt. Die Corona-Schutzmaßnahmen sind notwendig, aber angenehmer werden die Tage nicht, ohne Kunst, ohne Kultur. Ein Ausweg: die Mode. Wobei Mode oft mehr Wirtschaft ist als Kunst, zumindest in ihrer massentauglichen Ausprägung. Aber: Wo es Mainstream gibt, da gibt es auch Underground. Zum Beispiel beim Hamburger Envie Koepke, der T-Shirts mit popsatten, provokanten Motiven bedruckt. Und sich selbst nicht als Mode-Unternehmer versteht, sondern als echter Underground-Künstler.

Geboren wurde Koepke 1988 im westafrikanischen Côte d’Ivoire, der Vater war Ivorer, die Mutter stammt aus Togo. Als Zehnjähriger kam er nach Deutschland, wo seine Mutter zum zweiten Mal heiratete, daher der deutsche Nachname. „Mode, Musik, Popkultur haben mich immer schon interessiert“, erzählt er, aufgewachsen mit Helden wie David Bowie, Prince, Madonna oder Michael Jackson. Und ein Zugang zu dieser Modewelt war nach dem Hauptschulabschluss: eine Schneiderlehre. „Als ich jünger war, dachte ich: Wie cool wäre das, wenn ich nähen könnte! Denn dann könnte ich mir selbst Sachen nähen, die man nirgends findet!“ Cool. Aber natürlich ist man dann gefangen in Arbeitsstrukturen, in seinem Fall: als Herrenschneider am Theater.

Sein afrikanisches Erbe ist ihm wichtig

„Als Underground-Künstler kannst du künstlerisch tun und lassen, was du willst“, meint er. „Sonst ist man zu sehr eingebunden, die einen sagen ,Mach dies!‘, die anderen ,Mach jenes‘, das will ich nicht.“ Lieber ist ihm die lustvolle Nische seiner T-Shirts, in deren Designs sich erigierte Penisse verstecken, geöffnete Vulven, zerhackte Comicszenen, chaotisch, sinnlich, vieldeutig. Eine Vieldeutigkeit, die man auch in seinem Vornamen findet: „Envie“ wird in Deutschland meist englisch ausgesprochen, „Envy“, „Neid“, und den Bezug zum Gucci-Parfüm „Envy Me“ findet auch Koepke charmant. Aber in seinem Herkunftsland spricht man Französisch, der Name kommt von „En vie“, was eher auf die Schiene „Leben/Begierde/Lust“ verweist.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Was ist ihm sonst wichtig? Sein afrikanisches Erbe. Seine Bisexualität. „Wenn jemand sagt, ,Ich bin hetero‘, ist das kein Problem. Schwul? Kein Problem. Aber wenn jemand beide Geschlechter mag, können die Leute damit nicht umgehen.“ Für ihn bedeutet seine Sexualität vor allem Freiheit, sich nicht vorschreiben zu lassen, wen man zu lieben hat. Und das ist dann auch wieder ziemlich nahe an seiner Kunst, die zwischen Underground und Massentauglichkeit, zwischen Pop und Hochkultur schillert. Was Koepke mit großem Charme gleich wieder ironisiert: „Warum sollte ich mich zwischen Eiscreme und Kuchen entscheiden, wenn beides gut schmeckt?“

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Kommerziell steht Koepkes T-Shirt-Produktion noch auf tönernen Füßen. Ein Onlineshop ist erst im Aufbau, den Kontakt hält man am besten über seine Facebook-Präsenz „The Underestimated Icon“ unter @ChameleonEnvie. Underground bleiben, sich nicht in den Ausverkauf begeben. Ein Gönner wäre nicht schlecht. Solange der auf sich warten lässt, muss man die Miete eben irgendwie anders verdienen.

Über längere Zeit hat Koepke morgens im Supermarkt Putzjobs übernommen, mittags kleine Aufträge genäht und abends den Realschulabschluss nachgemacht. Aktuell macht er eine Ausbildung im Pflegebereich. Und dazu: immer wieder Kunst. „Künstlerische Berufe sind schon cool. Aber man braucht doch auch was Sicheres.“