Interview

Hamburger Forscher: "Netflix ist irgendwann ausgeschöpft"

Der Publizist, Trend- und Zukunftsforscher Mattias Horx (65) glaubt, zynisch gegen „die da oben“ zu sein, das sei „irgendwie öde in einer Zeit, in der wir mehr Vertrauen brauchen“.

Der Publizist, Trend- und Zukunftsforscher Mattias Horx (65) glaubt, zynisch gegen „die da oben“ zu sein, das sei „irgendwie öde in einer Zeit, in der wir mehr Vertrauen brauchen“.

Foto: Gregor Fischer / picture alliance / Gregor Fischer/dpa

Zukunftsexperte Matthias Horx über Chancen der Corona-Zeit, Lachen als Eingeständnis von Schwäche und Kultur als Veränderungstreiber.

Hamburg. In den aus heutiger Sicht unbeschwerten 1990er-Jahren lebte und arbeitete Matthias Horx (65) noch in Hamburg, das hiesige Trendbüro ist quasi sein Baby, auch seine beiden Söhne sind hier geboren. Hamburg vermisse er „nicht wirklich“, sagt der Wahl-Wiener dennoch. Aber Horx hat bis heute gute Freunde hier, in die Hansestadt kehrt er immer wieder beruflich zurück – auch in der Pandemie. Er laufe dann gern um die Alster und genieße das Hamburg-Gefühl. „So viel hat sich ja gar nicht verändert“, meint er. Stagnation gibt es für den Zukunftsforscher indes nicht, eher schon einen Wandel im menschlichen Kulturverhalten. Ein Interview.


Hamburger Abendblatt: Können Sie sich erinnern, wann Sie zuletzt ein Konzert, Kino, Theater oder Museum besucht haben?

Matthias Horx: Ja, in Wien waren zeitweise die Museen wieder auf, und dort war es dann auch leerer, aber auch intensiver als sonst. Kino vermisse ich nicht, weil ich ein kleines Heimkino habe, Konzerte sind nicht so mein Ding. Viel Kulturelles läuft heute auch medial, da gibt es schon auch Aufregendes zu sehen. Aber klar: Es muss bald wieder losgehen mit der Menschenbegegnung in der Kultur...


Was war das noch mal für ein Gefühl, dieses Kulturerlebnis, beglückend oder sogar berauschend?

Immer ein bisschen beklemmend, weil Kulturereignisse ja heute etwas Distanziertes haben müssen.

In dem von Ihnen kürzlich herausgegebenen „Zukunftsreport 2021“ heißt es im von Ihrer Frau Oona Horx-Strathern verfassten Kapitel „Humor in der Krise“ dazu: „Je schlimmer, desto mehr macht man Witze.“ Demnach müssten die Spaßmacher ja in diesem Winter Hochkonjunktur haben...?

Ja, nicht der harte und leicht untergriffige Humor, wie er seit Harald Schmidt Mode geworden ist. Die Hardcore-Satiriker, die einst große Stars im Fernsehen waren, sind ja irgendwie abgestürzt. Weil der dunkle, oft auch zynische „kritische“ Humor der letzten Jahrzehnte in der Epidemie nicht mehr funktioniert. Man findet diese wortgewaltigen und manchmal überdrehten Humorformen angesichts der realen Verhältnisse nicht mehr lustig. Auch zynisch gegen „die da oben“, gegen die Politik zu sein, das ist irgendwie öde geworden in einer Zeit, in der wir mehr Vertrauen brauchen. Ich habe früher immer die ZDF ,heute show‘ genossen, jetzt denke ich mir: Warum das eigentlich? Und was meine Frau Oona meint, ist eher ein Humor des Herzens, der uns miteinander verbinden kann. Eine feine Art, mit Paradoxien umzugehen, die uns jetzt ganz fürchterlich bedrängen. Lachen nicht als Zeigefingerei oder Worthuberei, sondern als Spannungsabbau, als Eingeständnis von Schwäche, vielleicht sogar als Trost.

Im neuen Buch zählen Sie außer Streaming-Portalen wie Netflix oder Video-Konferenz-Anbietern wie Zoom auch die kleinen originellen Kulturprojekte zu den „Coviteuren“, sprich zu Gewinnern der Covid-Krise. Viele freischaffende Künstler können seit zehn Monaten jedoch nicht mehr auftreten und selbst von kreativen Online-Auftritten kaum leben!

Ja, so ist das, aber ich hoffe, der Staat hilft hier aus. Es gibt eben beides: Manche erfinden sich in der Krise neu. Ein italienisches Cafe nicht weit von meiner Wohnung hat im Lockdown plötzlich die Home-Auslieferung von exzellenten Pannetoni - Spezialitäten aus allen italienischen Regionen - als Geschäftsmodell entwickelt. Pannetoni ist eine echte Krisen-Trost-Speise, und das war ein Super-Erfolg. Andere schaffen das nicht, weil es nicht immer eine Alternative geben kann.

Nach dem ersten Lockdown im vorigen Frühjahr hieß es auch in Hamburg, es gebe beim Publikum einen großen kulturellen Nachholbedarf. Gewöhnen wir uns nicht mit jedem Tag des Stillstands mehr ans gleichsam vom Staat verordnete Zuhausebleiben mit möglichst wenig Kontakten, aber viel technischem Schnickschnack – die Live-Kultur inmitten vieler Menschen und Lust auf Neues hingegen bleiben in Zukunft auf der Strecke?
Meine Erfahrung ist, dass das, von dem wir glauben, dass es „auf der Strecke“ bleibt, sich immer wieder in Veränderung neu erfindet. Es gibt eine Art Renaissance-Prinzip: Alles kehrt wieder, auf neue Weise. Die Zukunft entsteht aus Schleifen, in denen sich Altes mit Neuem anders rekombiniert. Wir telefonieren zum Beispiel wieder mehr, in richtigen, zuhörenden Dialogen - im alten Normal haben wir eher Mini-Botschaften, kurze Teaser geschickt. Netflix ist irgendwann auch ausgeschöpft. Dann geht man womöglich zusammen auf neue Weise wandern. Menschliches Kommunikationsverhalten ist vielfältig, aber klar, wir wollen alle, dass die Welt wieder „aufgeht“:

Wie verändert sich zukünftig generell das menschliche Kulturverhalten?

Wir kommen in eine neue Wandel-Epoche, in der sich unser Verhältnis zur Gesellschaft, zur Natur, zu unseren Produktionsweisen und Reiseformen, aber auch zu uns selbst stark verändern wird. Corona ist eine Zeitenwende. In solchen Zeiten ist die Kultur ja das Schlüsselelement, der eigentliche Treiber der Veränderung. Kultur berührt ja die inneren Codes der Gesellschaft, unsere Sicht- und Fühlweisen, da tut sich jetzt Gewaltiges.

Halten Sie Ihre Vorträge zukünftig nur noch digital, ebenso wie Schriftsteller ihre Lesungen? Würde überhaupt was fehlen?

Ich genieße in der Tat momentan die Möglichkeit, mal nicht reisen zu müssen und viele Vorträge in meinem kleinen Studio zu Hause halten zu können. Ich bemühe mich auch, trotzdem eine Nähe zu meinem Publikum herzustellen, also auch online neue Kulturtechniken zu finden. Aber irgendwann wird mich natürlich auch die Sehnsucht nach der körperlichen Präsenz packen. Wir können immer noch etwas anderes ausprobieren, mit Technik, mit Trommeln, mit Rauchzeichen. Der Philosoph Hans Jonas hat mal gesagt: „Wir Menschen sind die Wesen, die Abstand nehmen können, um uns so mit anderen über sich selbst zu verständigen.“