Hamburg

Virtueller Rundgang durch die Fabrik der Künste

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Stefan Reckziegel
Otto Möller, „Drei Wäscherinnen im Boot“ Öl auf Leinwand, 1931

Otto Möller, „Drei Wäscherinnen im Boot“ Öl auf Leinwand, 1931

Foto: Fabrik der Künste

Die Schau „Kunst zu Beginn des 20sten Jahrhunderts – Ein Aufbruch“ zeigt 70 Werke von zwölf bemerkenswerten Künstlern.

Hamburg.  Es sind wahre Schätze, die in den beiden Stockwerken der Fabrik der Künste hängen: 70 Werke von zwölf namhaften Künstlern, vereint in der Schau „Kunst zu Beginn des 20sten Jahrhunderts – Ein Aufbruch“. Besonders wertvoll sei „Zwei kauernde Mädchen“, bekannt auch als „Zwei Akte“, von Otto Mueller aus dem Jahr 1924, sagt Horst Werner.

Weil sein vor zwölf Jahren eröffnetes Ausstellungshaus im Industriegebiet in Hamburg-Hamm als Museum eingestuft wird, musste die aufwendige und teure Schau in der Fabrik der Künste Anfang November bereits nach nur zehn Tagen wieder schließen.

Das Lebensgefühl der 1920er-Jahre

Zu wenige Kunst-Interessierte seien deshalb in den Genuss der verschiedenen Werke aus dem Fundus der Berliner Galerie Nierendorf gekommen, meint Horst Werner. Die Hauptstadt-Galerie feierte im vergangenen Jahr ihren 100.Geburtstag, und so hat der Leiter des privat betriebenen Hamburger Museums mithilfe seines kleinen Teams jetzt eigens einen virtuellen Rundgang durch die Fabrik entwickelt.

Mit ihm wird kontakt- und risikolos speziell das Lebensgefühl der nicht bloß Goldenen 1920er-Jahre erlebbar, wenn einem Bilder von Max Beckmann, Erich Heckel, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde oder Max Pechstein begegnen. Sie zeigen das Ende der Prüderie zur Jahrhundertwende und das Lebensgefühl jener Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Emanzipation, einen Neuanfang, die Industrialisierung, den Hunger nach Vergnügen aller Art, jedoch auch Armut und Entbehrung.

Otto Dix war von Beginn an der Hauptkünstler der Galerie Nierendorf, er ist natürlich auch in der Fabrik der Künste vertreten. Unterteilt hat Kurator Werner die Ausstellung indes nicht nach Künstlerinnen und Künstlern, sondern nach Themen wie den Bereich Musik, Tanz und Theater. Dort hängt Otto Muellers Frauenakt, angereichert etwa von Bildern Erich Heckels und Ernst Ludwig Kirchners, einst Mitglieder der Künstlervereinigung „Die Brücke“.

Es lohnt sich bei Georg Grosz zu verweilen

Beim Thema Industrialisierung ist durchaus Sozialkritisches zu sehen. Conrad Felixmüllers farbige Lithografie „Kohlenbergarbeiter“von 1920 zeigt einen ob seiner harten Arbeit abgemagerten Proletarier mit großen Augen. Auch Käthe Kollwitz, eine der wenigen Künstlerinnen der damaligen Zeit, beschönigt trotz ihres zarten Strichs in ihren Lithografien nichts - bei ihr blicken die Frauen meist traurig und die Kinder oft verschreckt. Auch das gehört zur Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts.

Und beim Thema Berlin - aus Hamburger Sucht ja immer besonders amüsant - lohnt es, bei George Grosz zu verweilen. Als einer der wichtigsten politisch-satirischen Künstler der Weimarer Republik wirken insbesondere seine frühen Werke radikal-dadaistisch. In „Der Brillantenschieber im Café Kaiserhof“ karikiert er die Berliner Gesellschaft, die in den 1920ern oft mit zwielichtigen Geschäften Geld verdiente - Seitenhiebe auf den Kapitalismus, mit denen sich Grosz viele Feinde machte.

Das Bild schaffte es aber ins Verzeichnis „national wertvollen Kulturguts“. Statt ursprünglich nur bis zum 17. Januar sollen die 70 Werke nun bis mindestens Mitte Februar in der Fabrik zu bewundern sein - nach Ende des Lockdowns auch vor Ort.

„Kunst zu Beginn des 20sten Jahrhunderts - Ein Aufbruch“ noch bis Mitte Feb. in der Fabrik der Künste, virtueller Rundgang unter fabrikderkuenste.de/veranstaltungen