Corona-Pandemie

"Ohne Publikum existiert unsere Kunst nicht"

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Stefan Reckziegel und Annette Stiekele
Leer sind Parketts und Ränge in allen Hamburger Theatern. Am Schauspielhaus geht man pragmatisch mit der Situation um. Karin Beier ist vorbereitet auf eine längere Schließung.

Leer sind Parketts und Ränge in allen Hamburger Theatern. Am Schauspielhaus geht man pragmatisch mit der Situation um. Karin Beier ist vorbereitet auf eine längere Schließung.

Foto: Kristijan Balun

Die Fortsetzung des Lockdowns bedeutet für Hamburgs Theater Produktionen auf Halde. Das Schauspielhaus musste Regisseure ausladen.

Hamburg. Der kluge Mann baut vor, lautet ein altes Sprichwort. Gilt in Pandemie-Zeiten wie diesen auch für Hamburgs Theater-Intendantinnen und -Intendanten, für die die Verlängerung des Lockdowns um drei weitere Wochen bis zunächst Ende Januar beim Bund-Länder-Gipfel am Dienstag alles andere als überraschend kam. Und so bleiben die bereits seit dem 2. November geschlossenen Bühnen der Hansestadt in diesem Winterhalbjahr für mindestens drei komplette Monate dicht.

„Auf so etwas muss man vorbereitet sein. Es zeichnet sich ja seit einer Weile ab, dass es länger dauern könnte“, so Schauspielhaus-Chefin Karin Beier. Wird die zweite Hälfte der Corona-Spielzeit 2020/21 damit zu einem einzigen Premieren-Verschiebebahnhof? So kann man es befürchten - oder es sehen wie der Intendant des Thalia Theaters: Das Genre Theater sei „eine einzige Einladung, sich stetig neu zu erfinden“, formuliert es Joachim Lux.

Nach den Projekten „Theater der Lüfte“, der „telefonischen Poesieambulanz“ und den digitalen Lessingtagen (ab 20. Januar) will das Thalia „die enorme Sehnsucht der Menschen nach dem direkten sozialen Kontakt intensivieren“. „Aber wir haben auch noch zig andere Ideen. Kommt drauf an, was wir dürfen“, so der Chef vom Alstertor und erinnert an den Theatermacher Christoph Schlingensief: „Wir müssen uns mit unseren Aktionen langsam wieder an den realen sozialen Kontakt zu den Menschen heranpirschen. Denn das Soziale ist der Kern der Gesellschaft und auch der Kunst, für die wir stehen: Resilienz gegen Einsamkeit.“

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"Ohne Publikum existiert unsere Kunstform nicht."

Am Schauspielhaus sind acht Stücke premierenfertig. „Einige davon werden wir erst in der kommenden Spielzeit zeigen können“, erklärt Beier. „Ich habe jetzt auch Regisseure für die kommende Saison ausgeladen.“ Sie sei dabei auf eine Mischung aus Schock und Verständnis gestoßen. Ihre eigene Produktion „Kindeswohl“ kommt erst in der nächsten Saison heraus, andere Premieren, wie jene der britischen Regisseurin Katie Mitchell, wurden gleich um zwei Jahre verschoben. René Pollesch hat „J’accuse!“ zu Ende geprobt. „Das geht in den Eisschrank, und der ist voll“. Michael Thalheimers Produktion „Quai West“ habe es hart getroffen, weil er mit der Arbeit gleich unter beide Lockdowns gefallen war.

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Mit der konkreten Planung hält sich Karin Beier nun zurück und hofft, spätestens ab April das Theater wieder öffnen zu dürfen. „Es ist aber auch eine positive Erfahrung, nicht nur in der Kunst sondern auch im Betrieb miteinander schnell reagieren und improvisieren zu können.“

Noch sind auch am Thalia die weiteren Premieren nicht terminiert. „Vermutlich legen wir am Tag X ziemlich kurzfristig und schnell los.“ Die sechs geplanten Premieren im großen Haus und drei in der Gaußstraße, für Joachim Lux sind es „alles Herzensprojekte“. Erst am Montag haben die Proben für Dörte Hansens „Mittagsstunde“ begonnen, „Tod in Venedig“ steckt in den Endproben. In Thomas Manns Roman will sich der Protagonist bekanntlich gegen eine Epidemie in die Kunst, ins Schöne retten - und scheitert. „Es ist dennoch wichtig, dass diese Revolte gegen den Tod aus dem Geist der Kunst stattfindet“, meint Lux, der die Schauspieler beneidet und bedauert: „Sie dürfen weiterhin als Gruppe zusammen an etwas gemeinsam arbeiten. Aber sie dürfen es nicht zeigen. Ohne Publikum existiert unsere Kunstform nicht. Das ist, je länger es dauert, tatsächlich tragisch.“

„Weiterhin kein Theater“

Vor besondere Planungshindernisse stellt die Verlängerung des Lockdowns weiterhin das internationale Produktionshaus Kampnagel. Sie gehe immer gleich von mehreren möglichen Szenarien aus, so Intendantin Amelie Deuflhard. „Deshalb haben wir schon im vergangenen Monat Alternativtermine für fast alle Januar-Produktionen ins Auge gefasst. Das Festival für experimentelle Musik, Klub Katarakt, ist auf Ende Februar verschoben, das Tanz-Gastspiel von Serge Aimé Coulibaly steht jetzt auch erst mal für Februar in unserem Spielplan.“ Parallel zu Verschiebungen arbeitet das Team an ganz neuen Projekten. Deuflhard will über analoge und digitale Räume die Nähe zum Publikum suchen.

„Weiterhin kein Theater“, heißt es unisono auf den Webseiten vom Altonaer und Harburger Theater, bei den Hamburger Kammerspielen und im Haus im Park. „Die Arbeit ist enorm, die es bedeutet, diesen ,Karren‘ mit vier Theatern immer wieder neu in die Spur zu bringen und die Spielpläne anzupassen“, sagt Multi-Intendant Axel Schneider. „Dennoch verstehe ich den Umgang mit der aktuellen Situation als erste Bürgerpflicht.“ Für den Theaterleiter heißt das: „Mir nützen keine offenen Theater, in die kein Mensch hineingehen möchte, da die Verunsicherung noch zu groß ist.“

Allein im Dezember hätten seine Häuser acht Stücke, auch mit Weihnachtsbezug, produziert. Die müsse man jetzt zum Teil bis ins Jahr 2023 schieben. „Ich hoffe sehr, dass wir ab Februar wieder in einen Rhythmus kommen werden, der uns öffentliche Premieren erlaubt“, sagt Schneider. Mit „Der Richter und sein Henker“ zum 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatts in Altona und mit Goethes „Stella“ in den Kammerspielen möchte Schneider die Saison fortsetzen. Dank des Kurzarbeitergeldes bekamen die angestellten Künstler ein Gutteil ihrer Gagen - mit der Aussicht auf volle Gagen, wenn die Stücke auf den Spielplan rücken.

Theaterchefs fühlen sich von Kulturbehörde unterstützt

Von der Kulturbehörde fühlt sich Axel Schneider ebenso gut unterstützt wie Michael Lang. Der Ohnsorg-Intendant hatte den Theaterbetrieb bereits bis Ende Januar ausgesetzt. Zuletzt hatte Lang mehr damit zu tun, dem Steuerberater Zahlen zu liefern. Der muss die November- und Dezemberhilfen beim Bundeswirtschaftsministerium beantragen, um so zumindest 75 Prozent der Umsatzausfälle zu erhalten - in Abstimmung mit der Hamburger Kulturbehörde, die damit entlastet werden soll.

Auch 140.000 Euro Produktionskosten-Zuschuss aus dem Fonds „Neustart Kultur“ der Staatsministerin Monika Grütters (CDU) will der Intendant für das Ohnsorg beantragen. Im Grunde ist Lang zufrieden: „Wir haben fünf Stücke bis zur Generalprobe fertigproduziert.“

Und ob nun Fatalismus oder Realismus: Bereits Ende November während des „Lockdowns light“ rechnete Schmidt-Chef Corny Littmann nicht mit einer Öffnung der Bühnen „vor März oder April“. So bleiben im Schmidt und Schmidts Tivoli wie bei allen Theatern erst einmal nur Hoffnung und Vorfreude auf die Wiedereröffnung - sowie die Möglichkeit, Karten und Unterstützer-Gutscheine zu kaufen.