Buchkritik

J. K. Rowlings 1200 Krimiseiten

| Lesedauer: 4 Minuten
Volker Albers
J.K. Rowling hat alias Robert Galbraith nun den fünften Band ihrer Spannungsreihe vorgelegt.

J.K. Rowling hat alias Robert Galbraith nun den fünften Band ihrer Spannungsreihe vorgelegt.

Foto: Debra Hurford Brown

Als Robert Galbraith schreibt die Harry-Potter-Autorin Detektivgeschichten. „Böses Blut“ ist besonders umfangreich

Die Fantasie der Joanne K. Rowling scheint keine Grenzen zu kennen. Bereits durch ihre Harry-Potter-Romane strömte ein nicht enden wollenden Fluss von Ideen und erzählerischen Arabesken, je mehr Bücher erschienen, je länger wurden sie. Auch bei den Kriminalromanen, die Joanne K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt, verhält es sich so. Mit „Böses Blut“ ist jetzt der bereits fünfte Titel der Reihe erschienen – und mit satten 1200 Seiten ist er der (bislang) umfangreichste.

Rowlings/Galbraiths Serienheld, der Privatermittler Cormoran Strike, bekommt es dieses Mal mit einem sogenannten cold case zu tun, einem Jahre zurückliegenden, noch immer jedoch unaufgeklärten Fall. Als Strike an einem warmen Augustabend in einem Pub in Cornwall sitzt, wird er von einer ihm unbekannten Frau beobachtet, die ihn kurze Zeit später anspricht. Anna, so ihr Name, bittet Strike, nach ihrer Mutter Margot zu suchen, die vor 40 Jahren spurlos verschwunden ist, die Ermittlungen verliefen damals letztlich im Sand. Natürlich zögert Strike, sich der Sache anzunehmen. Was, fragt er sich, soll er nach 40 Jahren schon noch Neues herausfinden?

Doch etwas fasziniert Strike an Annas Geschichte, und das ist nicht nur der Umstand, dass damals ein mittlerweile verurteilter Serienmörder in den Fokus der Ermittlungen geraten war, der sich dann aber als bezüglich der verschwundenen Frau als unschuldig erwiesen hatte. Es ist das eigentlich Unmögliche, das der Aufklärung dieses längst in den Kellerregalen der Ermittlungsakten verstaubten Falles innewohnt, das den Privatdetektiv herausfordert.

Die Handlungsstränge bündeln sich zum Ende hin schlüssig

Mit Hilfe seiner guten Kontakte zur Polizei gelingt es Strike, in den Besitz der alten Akte zu gelangen, was ihm und Robin Ellacott, seiner Partnerin in der Detektei, Zugang zu möglichen neuen Spuren verschafft. So erfahren sie, dass die verschwundene Frau als junge Ärztin in einer Gemeinschaftspraxis gearbeitet hat, deren Ruf nach außen hin zwar gut war, intern aber hatte es dort offenbar etliche Streitigkeiten und allerlei Missgunst gegeben.

Das Problem: Viele Mitarbeiter des recht großen Praxisteams sind bereits gestorben. Doch Strike und Ellacott machen immerhin Margots engsten Kollegen ausfindig, eine Arzthelferin sowie die Tochter der damaligen Putzfrau. Wie weit aber kann man deren Aussagen heute noch trauen? Nach solch langen Jahren spielt die Erinnerung schließlich gern den einen oder anderen Streich.

Strike und Ellacott machen sich auf den langen Weg in eine Vergangenheit, deren Wahrheit hinter einem dichten Schleier verborgen liegt. Ein ganzes Jahr soll ihre Suche dauern, schließlich hat ihre Detektei noch eine Reihe anderer Fälle zu recherchieren, die für das finanzielle Auskommen wichtiger sind als die Suche nach der verschwundenen Frau. Dann endlich zeigt sich dank einer scheinbaren Nebensächlichkeit und der Intuition Strikes eine Erfolg versprechende Spur. Doch am Ziel sind die Ermittler damit noch lange nicht, die Geschichte hält für sie noch eine Vielzahl von Fährten bereit.

Es ist eine weit ausholende Story, eine in Teilen labyrinthisch anmutende Erzählstruktur, die Rowling/Galbraith in „Böses Blut“ ausbreitet, deren diverse Handlungsstränge sich zum Ende hin jedoch schlüssig bündeln. Zwar benötigt man beim Lesen von 1200 Seiten naturgemäß einen durchaus einen etwas längeren Atem, die Geschichte aber fesselt immer wieder aufs Neue. Zudem ist Joanne K. Rowling eine sprachlich überaus versierte Autorin, was sie auch mit dieser epischen Detektivgeschichte eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und mit Cormoran Strike und Robin Ellacott hat Rowling überdies ein Ermittlerpaar geschaffen, das es so eher selten gibt: Wie zwei vom Leben seelisch malträtierte Königskinder, die nicht zusammenkommen können, begeben sich die beiden auf die Suche nach ein wenig Licht in diesem ganzen Dunkel der Welt.

„Böses Blut“ ist ein Kriminalroman für die graue Jahreszeit, für die kurzen Tage und für die langen Nächte. Für jene Wochen also, in denen man am liebsten zuhause bleibt – oder zuhause bleiben muss ... Wenn es das Wort Schmöker nicht schon gebe, für diesen kunstvoll entwickelten Roman hätte es erfunden werden müssen.