Pandemie

Kino in Corona-Zeiten: Ein (fast) unmöglicher Filmdreh

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Volker Behrens
Lucy Frickes Betseller „Töchter“ wurde verfilmt

Lucy Frickes Betseller „Töchter“ wurde verfilmt

Foto: DAGMAR MORATH

Lucy Frickes Roman „Töchter“ entstand inmitten der Pandemie in drei europäischen Ländern. Ein Roadmovie mit Corona im Rückspiegel.

Hamburg.  Immer wieder abgebrochene Dreharbeiten, geschlossene Grenzen, komplexe Hygienekonzepte – und als Begleitmusik die ständige Unsicherheit, ob nicht doch alles vergebens ist: Das Team der Bestsellerverfilmung„Töchter“ ist in den vergangenen Monaten an die Belastungsgrenzen und darüber hinaus gegangen. Doch anders als viele Filmprojekte, die während der Corona-Pandemie gar nicht erst gestartet wurden, konnte die internationale Koproduktion mit Alexandra Maria Lara, Birgit Minichmayr und Josef Bierbichler in den Hauptrollen tatsächlich gedreht werden – in Deutschland, Italien und Griechenland. Die Romanvorlage und auch das Drehbuch lieferte die in Hamburg geborene Autorin Lucy Fricke.

Erzählt wird die Geschichte der Freundinnen Martha und Betty, die auf dem Weg in die Schweiz sind. Auf der Rückbank ihres Autos liegt Marthas todkranker Vater, der nicht mehr leben möchte. Stichwort: aktive Sterbehilfe. Doch so schnell geht das nicht, und der Weg des Trios führt zunächst über Italien bis nach Griechenland.

„Töchter“ stand 24 Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und wird zurzeit in acht Sprachen übersetzt. Eine gelungene Mischung aus Leichtigkeit und Tiefsinn attestierten Kritiker dem Stoff. Fast 40 Produzentinnen und Produzenten, die ihn verfilmen wollten, meldeten sich bei Fricke. Die hatte, bevor sie Autorin wurde, beim Film im Bereich Schnitt/Continuity gearbeitet und unter anderem an Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“ sowie Sebastian Schippers „Absolute Giganten“ mitgewirkt. Mit Regisseurin Nana Neul verband sie bereits eine längere Freundschaft, da passte es perfekt, dass Neul schließlich die „Töchter“-Regie übernahm.

Eine meiner schlimmsten beruflichen Erfahrungen

Aber mit dem, was dann kam, konnten Neul und Fricke nicht rechnen. Produzentin Bettina Brokemper (Heimat Film) erinnert sich: „Wir mussten den Dreh zum ersten Mal im März unterbrechen. Damals waren wir an der Grenze zu Italien und konnten nicht mehr in das Land einreisen. Ich musste am 13. März dem kompletten Filmteam kündigen. Wir haben alles eingepackt und uns gefragt, wie es wohl weitergeht.“ Immer wieder wurden in den folgenden Wochen Pläne geschmiedet, keiner ging auf.

Als aber Griechenland am 15. Juni seine Grenzen öffnete, reiste das Team sofort dorthin. Ein erhebliches finanzielles Risiko, denn es gab noch keinen Ausfallfonds, keine Versicherung. Weil der internationale Flugplan stark reduziert war, flog das Filmteam mit einem Privatjet nach Athen. Von dort ging die Reise weiter zur Kykladen-Insel Amorgos, dem Drehort. Laut Onlineportal „deadline.com“ war die „Töchter“-Crew die erste, die nach dem Corona-Ausbruch eine internationale Koproduktion drehte. Es sei „superschön“ gewesen auf Amorgos, erzählt Bettina Brokemper. „Ich hatte zuerst Angst, dass die uns da gar nicht willkommen heißen, aber die Menschen waren sehr froh, uns da zu haben.“ Corona-Infektionen habe es zu dem Zeitpunkt auf der Insel nicht gegeben, die Hygieneauflagen seien dort sogar noch strenger gewesen als in Deutschland. „Wir hatten eigens einen Hygiene-Manager und vier Assistenten, die jeden Tag Fieber gemessen und entsprechende Protokolle geschrieben haben.“

Weiter ging es ab September in Italien. Mittlerweile gab es zwar Ausfallfonds und Versicherungen, allerdings waren die nicht für europäische Koproduktionen im Ausland gültig, und an „Töchter“ sind Firmen aus Deutschland, Griechenland und Italien beteiligt. „Ich musste also schon wieder ohne Netz und doppelten Boden arbeiten. Unser Film ist ja ein Roadmovie und wir hatten Corona ständig im Rückspiegel. Ich fand es furchtbar, es war eine meiner schlimmsten beruflichen Erfahrungen. Das mache ich nicht noch einmal“, sagt die erfahrene Produzentin, die zuvor mehrfach mit Regisseur Lars von Trier („Dancer In The Dark“, „Melancholia“) gearbeitet hatte. Ein Mann, der im Ruf steht, ausgesprochen kompliziert und anstrengend zu sein.

Es sind noch längst nicht alle Klippen umschifft

Hohe, ursprünglich natürlich nicht eingeplante Kosten entstanden durch die Corona-Umstände, auch weil die Dreharbeiten insgesamt dreimal unterbrochen werden mussten. Erstaunlich: Nur eine einzige Szene konnte nicht wie vorgesehen gedreht werden. Die sollte in einer Straße in Rom spielen, doch sämtliche Darstellerinnen und Darsteller hätten dafür zwingend einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, was natürlich nicht in einen Film gepasst hätte, in dem Corona ansonsten keine Rolle spielt. Eine fordernde Zeit für alle Beteiligten war das, aber hat sich aus der Situation etwas lernen lassen? „Ja, Demut“, sagt Bettina Brokemper.

Und tatsächlich sind noch längst nicht alle Klippen umschifft. Zwar läuft derzeit die Postproduktion, wird der Film also endgültig fertiggestellt, doch wann „Töchter“ in die Kinos kommt und ob er – auch das ist für die Vermarktung wichtig – vorab auf Festivals zu sehen sein wird, steht angesichts der weiterhin um sich greifenden Pandemie in den Sternen. Der permanente Test der Belastungsgrenzen, er ist noch nicht vollends überstanden.