Weltmusik

Musik aus dem Iran, veröffentlicht in Hamburg

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Holger True
Matthias Koch, aufgenommen bei einer seiner Reisen in den Iran.

Matthias Koch, aufgenommen bei einer seiner Reisen in den Iran.

Foto: Matthias Koch

Das neu gegründete Label 30M Records gibt exotischen wie faszinierenden Klängen ein Forum. Das erste Album ist gerade erschienen.

Hamburg.  Alles fing mit einem Rucksackurlaub an. Vor fünf Jahren machte Matthias Koch sich erstmals auf den Weg in den Iran, um das Land, das ihn schon länger fasziniert hatte, mit eigenen Augen zu sehen. Und seine Erwartungen wurden übertroffen.

Da war die Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen, die er auf den Straßen Teherans oder im Überlandbus kennenlernte, da war die überwältigende kulturelle Geschichte – und die erstaunlich vielfältige Musikszene, von der im Westen kaum jemand weiß. Koch war am Haken und kehrte immer wieder in den Iran zurück.

Seit 20 Jahren im Musikgeschäft

Im Winter 2016/2017 für drei Monate als Sprachstudent, später, um Konzerte mit Elektronik- und Neoklassik-Musikern wie Martin Kohlstedt, Ólafur Arnalds oder Frederico Albanese zu organisieren, häufig in Kooperation mit dem Goethe Institut. Was sich eben so ergeben kann, wenn man wie der 49-Jährige schon seit mehr als 20 Jahren im Musikgeschäft arbeitet – unter anderem für das französische Naïve-Label, in der Vergangenheit Heimat von Künstlern wie der algerischen Sängerin Souad Massi und dem türkischen Pianisten Fazil Say.

Aus der Begegnung mit iranischen Musikern erwuchs schließlich der Wunsch, ihre Musik auch im Westen zugänglich zu machen: die Geburtsstunde des Labels 30M Records, dessen Name auf eine persische Fabel aus dem 12. Jahrhundert verweist. Die erste Veröffentlichung, „RAAZ“ (erhältlich als CD, Vinyl und Download), ist eine Zusammenarbeitet der iranischen Musiker Bamdad Afshar und Hooshyar Khayam.

Traditionelle Gwati-Musik aus der Provinz Belutschistan, der eine heilende Wirkung zugeschrieben wird, trifft hier auf moderne Klänge. Im begleitenden Video zum Song „Chār“, das im Teheraner Laleh Park aufgenommen wurde, ist eine junge Frau zu sehen, die eine Tanzperformance abliefert.

Gratwanderung: Grundsätzlich ist Frauen der Sologesang verboten

Eine Gratwanderung, wie Koch erklärt: den iranischen Gesetzen entsprechend, musste die Kleidung weit und das Haar verhüllt sein; wichtig war auch, dass es sich hier um abstrakte Bewegungen, nicht um in irgendeiner Form aufreizenden Tanz handelt. Grundsätzlich sei Frauen der Sologesang verboten, auf der Bühne dürfen sie nicht im Vordergrund stehen und „als Objekte wahrgenommen werden“.

Allerdings gelte auch: „Viele Regeln werden mal schärfer, mal laxer ausgelegt.“ Wenig Spielraum gebe es jedoch bei Gentes wie Hip-Hop und Metal, von der Zensur grundsätzlich als westlich-dekadent betrachtet. Gehört werde all das dennoch, auch wenn wegen der bestehenden Wirtschaftssanktionen kein Iraner einen Streamingdienst wie Spotify oder Apple Music abonnieren kann.

Doch Hip-Hop und Metal stehen derzeit eh nicht aufs Kochs Veröffentlichungsliste. Für das Frühjahr ist vielmehr der Sampler „This is Tehran?“ geplant, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Hauptstadt-Szene, die Singer/Songwriter, Electro-Frickler und Neoklassik-Künstler vereint. Und dann? Möchte Koch nach der Corona-Zwangspause endlich wieder in den Iran reisen. Viel zu sehen gebe es für ihn da nämlich immer noch. Und zu hören erst recht.