Wentorf

Stipendiatin der Villa Willemsen veröffentlicht Debütalbum

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Birgit Reuther
CATT heißt eigentlich Catharina Schorling. Die 25-Jährige war im Frühjahr die erste Musik-Stipendiatin im Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung.

CATT heißt eigentlich Catharina Schorling. Die 25-Jährige war im Frühjahr die erste Musik-Stipendiatin im Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung.

Foto: Tran Chau

Die Songs von CATT sind im Haus des verstorbenen Autors bei Hamburg entstanden. Wie es sich dort lebt und arbeitet.

Hamburg. „Ich habe noch nie ein Haus erlebt, das einen so willkommen heißt“, sagt Catharina Schorling und strahlt. Eine wahrhaftige Begeisterung, die sich selbst beim Interview via Videoschaltung überträgt.

Unter dem Künstlernamen CATT hat die 25-Jährige gerade ihr Debütalbum „Why, Why“‟ veröffentlicht. Entstanden sind ihre wunderbar eindringlichen Pianopopsongs im Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung in Wentorf am Rande Hamburgs.

Roger Willemsen starb im Februar 2016

In jener Villa also, die der Autor, Moderator, Produzent, Denker und Menschenfreund Roger Willemsen im Sommer 2015 erwarb. Und in der er nicht einmal einen Jahreszeitenzyklus erleben sollte, bevor er am 7. Februar 2016 an einer Krebserkrankung starb.

„Es fühlt sich an, als würde Roger dort noch leben mit den Möbeln, seiner Musiksammlung, der Bibliothek. Alle Räume besitzen eine ganz warme positive Ausstrahlung“, erzählt CATT. Häufig habe sie am Flügel im Wohnzimmer komponiert, mit Blick auf das große Bücherregal. Eine inspirierende Aura.

Freundkreis betreibt Villa bei Hamburg als Künstlerhaus

Als erste Musikstipendiatin wohnte und arbeitete CATT im Februar und März dieses Jahres in dem 1889 erbauten Anwesen, das der Hamburger Architekt Martin Haller entworfen hat. Wenige Tage vor Roger Willemsens Tod war im Freundeskreis die Idee entstanden, die Villa als Künstlerhaus in seinem Namen zu betreiben.

Willemsens Freund Nikolaus Gelpke realisierte das Vorhaben, indem er mit seinem mare-Verlag eine Stiftung gründete. Das Ziel: „Außergewöhnliche Talente und mutige künstlerische Projekte fördern.“ So wie CATT, die 2019 mit ihrer EP „Moon“ auf sich aufmerksam machte und als Multiinstrumentalistin bereits mit Stars wie Sarah Connor und Judith Holofernes tourte.

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Im Gartenhaus des Areals richtete sich die studierte Musikproduzentin ein Studio ein – mitsamt analogem Synthe­sizer, Percussion-Instrumenten sowie mit Trompete, Horn und Posaune. „Ich habe aber auch Gegenstände um mich herum mit eingebunden. Ein Weinglas, einen Besen oder den Schreibtisch“, sagt CATT und lacht, „der Ort ist also tatsächlich hörbar auf meinem Album“.

Doch nicht nur diese ganz konkreten Klänge flossen in ihre Lieder ein. Auch die gesamte Atmosphäre habe Sound und Texte immens geprägt, betont CATT. „All meine Ideen, Themen und Konflikte haben dort noch einmal einen ganz anderen Raum bekommen“, erzählt die Musikerin, die derzeit in Berlin zu Hause ist, aber in einem Dorf im Wendland aufgewachsen ist. Mitten im Grünen. Ihrem Wesen habe es daher sehr entsprochen, während des Stipendiums mehrere Wochen am Stück direkt am Waldrand ihre Kunst zu erschaffen.

Und so verwundert es nicht, dass ihre organisch klingenden Nummern von Naturmetaphern durchzogen sind. Etwa das sinnliche „Rain“, in dem CATT ihr Piano akzentuiert regnen lässt, während die Beats sachte tröpfeln und die Bläser durchs offene Fenster hineinzuwehen scheinen. „Ich mag Naturbilder, sie bergen eine schöne abstrakte Deutungsfreiheit“, sagt CATT, „ich hoffe, meine Musik hat den Effekt, als ginge jemand mit Chaos im Kopf im Wald spazieren, um dann befreiter und klarer wieder zurückzukommen.“

Mit ihrem Album möchte sie Fragen stellen, Trost spenden und Hoffnung schenken. Gerade jetzt, in diesen besonderen Zeiten. Denn selbst wenn die meisten Lieder kurz vor der Corona-Krise entstanden sind, durchlebte sie in der Abgeschiedenheit des Wentorfer Gartenhauses doch ihre ganz eigene künstlerische Einkehr. Zum Ausdruck kommt ihre innere Zwiesprache etwa in dem Song „Again“, der von Kreisläufen, Wandel und Neubeginn erzählt. Erdig klingt ihre Stimme da, ehe sie sich in transparente Höhen emporschwingt.

2020 fordere uns heraus, Lebensentwürfe zu hinterfragen

„So lange mit sich allein zu sein, setzt ganz viel frei. Das passt zum Jahr 2020, in dem wir so stark auf uns selbst geworfen sind und herausgefordert werden, unsere Lebensentwürfe zu hinterfragen“, sagt die Künstlerin. Gänzlich auf sich gestellt war sie während ihres Aufenthalts in Willemsens Künstlerhaus allerdings nicht.

Zeitgleich mit ihr war die Autorin Annabelle Seubert zu Gast. Gemeinsam mit der Künstlerin Annette Schiedeck, die dauerhaft in der Villa lebt und die Stipendiaten betreut, hätten sie in einer Art „freien WG“‟ gelebt, sagt CATT. Abends saßen die drei Frauen viel zusammen und stellten sich gegenseitig ihre Projekte vor.

„Es war sehr bereichernd, sich auszutauschen und zu spüren, wie die kre­ativen Schaffensprozesse miteinander verwandt sind“, sagt CATT. Ein interdisziplinärer Geist, der ganz im Sinne der Roger Willemsen Stiftung ist. Als Stipendiaten bewerben können sich Akteure aus den Bereichen bildende Kunst, Musik und Komposition, Literatur, Film, Performance sowie politisches Kabarett, wobei der Schwerpunkt seit dem Start des Programms Mitte 2018 bisher auf der schreibenden Zunft lag.

CATT wurde ausgewählt, weil sie „mit Enthusiasmus und Hingabe ihren musikalischen Weg“‟ verfolge, wie es auf der Seite der Stiftung heißt. Zu erleben ist ihre faszinierende Vielstimmigkeit Ende November bei einem Soloauftritt im Musikclub Knust – Lockdown-gerecht ohne Publikum als Livestream. In Hamburg gab CATT auch ihr letztes Konzert mit Band vor der Pandemie. Mitte Februar hatte sie im Kleinen Saal der Elbphilharmonie gespielt. Ob nun digital oder analog: Letztlich zählt für sie, sich über ihre Musik mit den Menschen zu verbinden. Erst recht in diesen Tagen.

CATT solo: Mo 30.11., 21.00, Livestream aus dem Knust, Tickets zu 11,50 unter www.knusthamburg.de/programm/catt