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Charly Hübner und Sophie von Kessel – wenn die Uhr tickt

| Lesedauer: 4 Minuten
Volker Behrens
Philosophie-Professorin Judith (Sophie von Kessel) beantwortet die Fragen von Polizist Thomas (Charly Hübner) in einer Szene des Films "Das Verhör in der Nacht", am Freitag bei Arte

Philosophie-Professorin Judith (Sophie von Kessel) beantwortet die Fragen von Polizist Thomas (Charly Hübner) in einer Szene des Films "Das Verhör in der Nacht", am Freitag bei Arte

Foto: Sandra Hoever / dpa

Ratlos im Dunkeln: Ein Gespräch mit Regisseur Matti Geschonneck über seinen Film „Das Verhör in der Nacht“ und ein neues Projekt.

Hamburg. Matti Geschonneck gilt als einer der erfolgreichsten deutschen TV-Regisseure. Der 68-Jährige hat fast alle wichtigen Fernsehpreise gewonnen. Er hat ein gutes Händchen für stimmige Milieu- und Charakterstudien. Zu seinen großen Erfolgen zählen die Filme „Die Nachrichten“, „Das Ende einer Nacht“ sowie mehrere „Tatort“-Folgen. In „Das Verhör in der Nacht“ – heute auf Arte zu sehen – verfilmte er das Theaterstück „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann als Kammerspiel mit Charly Hübner und Sophie von Kessel. Sie spielt eine Philosophieprofessorin, die unter Verdacht steht, mit ihrem Ex irgendwo eine Bombe platziert zu haben.

Er versucht ihr das mit allen rhetorischen Tricks nachzuweisen. Aber die Uhr tickt, es bleiben nur 90 Minuten. Es passiert wenig, aber die Dialoge werden immer spannender.

Hamburger Abendblatt: Sie inszenieren in „Das Verhör in der Nacht“ ein Zwei-Personen-Stück. Ist das leichter als ein großes Ensemble zu dirigieren?

Matti Geschonneck: Es ist genauso schwer.

Wie macht man aus einem Theaterstück einen Film, der die Abstraktion des Theaterstücks bewahrt, nicht beschädigt?

Daniel Kehlmann war gegenüber unserem Vorhaben von Anfang an sehr offen, er war neugierig, zugewandt. Du musst dich als Regisseur – bei allem Respekt vor der Vorlage – davon auch lösen und deine eigene Erzählwelt schaffen, um schließlich wieder zu ihr zurückzukehren.

Charly Hübner und Sophie von Kessel – eine intuitive Entscheidung

Der Film lebt von starken Dialogen und überzeugenden Schauspielern. Kannten Sie Sophie von Kessel und Charly Hübner schon vorher?

Ja, ich hatte mit beiden bereits mehrmals gearbeitet. Diese Konstellation war – wie so oft bei der Besetzung – eine letztendlich intuitive Entscheidung.

Ist einer der Charaktere moralisch im Recht? Hegen Sie für einen von beiden mehr Sympathien?

Es war ja die Absicht von Daniel Kehlmann, in dem Fall zwischen Freiheit auf der einen Seite und Sicherheit auf der anderen einen unlösbaren Konflikt zu inszenieren. Ein Schlagabtausch zwischen System und Systemkritik. Wenn einer der beiden Protagonisten im Recht wäre, würde die Geschichte in Propaganda umschlagen. Es gibt keinen eindeutigen Gewinner und Verlierer. Ich verstehe beide Seiten. Die Ratlosigkeit, mit der wir am Ende zurückgelassen werden, macht den Reiz der Geschichte aus. Auf das Nichtgesagte, auf die Zwischenräume kommt es mir insbesondere an.

Am Ende heißt es: Manchmal ist es besser, etwas Falsches zu tun als nichts. Unterschreiben Sie das?

Ich verstehe den Satz.

Was bedeutete diese Konstellation für die Schauspielerführung? Die beiden sind ja ständig im Bild.

Ich konzentriere mich auf die jeweilige Situation, in der sich die Figur gerade befindet. Die nonverbale Kommunikation bekommt eine noch entscheidendere Bedeutung, habe ich den Eindruck.

Matti Geschonneck plant Film über die Wannseekonferenz

Wenn man sich Ihre Filmografie ansieht, findet man dort nicht nur „Das Verhör in der Nacht“, sondern auch „Duell in der Nacht“, „Das Ende einer Nacht“ und „Reise in die Nacht“. Sind Sie eine Nachteule, Herr Geschonneck?

Ganz im Gegenteil. Diese Filme behandeln zwar unterschiedliche Themen, sind aber durchaus miteinander verwandt. Man findet ja auch etwas, wovon man glaubt, dass es zu einem passt, ohne dass man konkret danach gesucht hat.

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Wie sind Sie bisher durch die verrückte Zeit gekommen?

Leider sind wir da ja noch mittendrin. Ich werde hier in Berlin einen Film über die Wannseekonferenz drehen und hoffe, wir kommen gut durch.

Da werden Sie aber nicht mit zwei Schauspielern auskommen, oder?

Unter anderem spielen mit Philipp Hochmair, Maximilian Brückner, Simon Schwarz, Thomas Loibl, Godehard Giese. Es sind 15 Männer und eine Sekretärin, die in einer Villa am Wannsee zusammenkommen, um in einem nüchtern sachbezogenen Dialog die Deportation und Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas sicherzustellen. Sie haben dazu lediglich anderthalb Stunden gebraucht. Adolf Eichmann hatte die Besprechung mit anschließendem Frühstück vorbereitet. Reinhard Heydrich hatte eingeladen. Es war eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte.

Also schon wieder Nacht.

„Das Verhör in der Nacht“ 20.15 Uhr, Arte