Musik

Achtung, Aufnahme: Wenn die Laeiszhalle zum Tonstudio wird

| Lesedauer: 6 Minuten
Holger True
Sylvain Cambreling wollte, dass möglichst viele der Hamburger Symphoniker an den Projekt beteiligt sind.

Sylvain Cambreling wollte, dass möglichst viele der Hamburger Symphoniker an den Projekt beteiligt sind.

Foto: Michael Rauhe

Die Symphoniker Hamburg nehmen mit ihrem Chefdirigenten Sylvain Cambreling eine CD auf. Ein Ortstermin.

Hamburg.  Still liegt die Laeiszhalle da. Die schweren Türen des Hauptportals sind geschlossen an diesem Novembermorgen und werden es auch am Abend bleiben. Lockdown-Zeit , keine Konzerte, nirgendwo. Und doch herrscht ein paar Meter weiter, am Bühneneingang, geschäftiges Treiben. Immer mehr Mitglieder der Symphoniker Hamburg treffen ein, begrüßen einander, steigen nach Eintrag in eine Anwesenheitsliste und Handdesinfektion die Treppenstufen hoch zum Großen Saal . Denn hier hat das musikalische Leben in diesen schwierigen Coronatagen wieder Fahrt aufgenommen.

Intendant Daniel Kühnel und Chefdirigent Sylvain Cambreling haben binnen kürzester Zeit ein Projekt ersonnen, an dem nun alle Anwesenden mit der Begeisterung lange Ausgebremster arbeiten: die Aufnahme einer CD mit Werken von Manuel de Falla, Luciano Berio und Xavier Montsalvatge. Keine 1000-mal eingespielten Publikumslieblinge, sondern ein echter Spezialisten-Cocktail – und damit um so interessanter.

Musiker sehnten sich danach, wieder zusammen zu spielen

In einer zum Technikraum umgebauten Künstlergarderobe sitzt Tonmeister Uli Holst, der bereits mit
Größen wie Zubin Mehta und Mischa Maisky gearbeitet hat, an seinem großen Mischpult, als die Musikerinnen und Musiker auf die Bühne strömen. Während Dirigent Cambreling noch einmal Details der Partitur studiert, kommt auch Sopranistin Catriona Morison mit langsamem Schritt und sichtbar konzentriert aus dem Backstagebereich. Wie alle hier trägt sie auf den Zu- und Abwegen eine Mund-Nasen-Maske. Noch ein Schluck aus der Wasserflasche, dann geht es los – Berios „Folk Songs“ sollen an diesem Tag aufgenommen werden, ein anspruchsvoller, insgesamt elfteiliger Liederzyklus, bei dem Morison auf Armenisch, Aserbaidschanisch,
Italienisch, Englisch und Französisch singt.

Knapp 30 Musikerinnen und Musiker sitzen zwischen meterhohen Mikrofonständern, die zwischendurch auch mal umgestellt werden. Cambreling nutzt eine der Pausen, um mit seiner Sängerin eine schwierigere Passage aus dem Lied „Black Is The Color (Of My True Love’s Hair)“ nicht nur theoretisch durchzugehen, er singt sie auch gleich vor – natürlich mit Maske. Zwei, drei Durchläufe, dann ist der Tonmeister zufrieden. Für das nächste Stück kommen die Bläser auf die Bühne. „Oh, ist das schön“, entfährt es Cambreling, der später berichtet, er habe „so viele Orchestermitglieder wie möglich“ an diesem Projekt beteiligen wollen. Schließlich sehnten sich alle so sehr danach, wieder zusammen zu spielen. Und sei es erst einmal ohne Publikum.

Emotionale Berg-und-Talfahrt

So geht es auch Catriona Morison, 2017 Siegerin beim international renommierten „Singer of the World“-Wettbewerb im walisischen Cardiff. Die vergangenen Monate seien eine emotionale Berg-und-Talfahrt gewesen, sagt die gebürtige Schottin, die derzeit in Berlin lebt, und jetzt hier in der Laeiszhalle zu singen sei „der pure Luxus“. Zwar habe sie Soforthilfe erhalten, aber die Unsicherheit, nicht nur die finanzielle, sei für freiberufliche Künstler wie sie außerordentlich belastend und jede Absage eines Engagements „wie ein Stich ins Herz“.

Ihr Glück war, dass Sylvain Cambreling bei der Suche nach einer passenden Sängerin für sämtliche einzuspielende Werke durch YouTube-Videos auf sie aufmerksam wurde. Nicht nur in der Rolle der Carmen und als Charlotte in Jules Massenets „Werther“ überzeugte sie ihn, die 34-Jährige hatte auch schon einmal Berios „Folk Songs“ gesungen. Cambrelings Augen strahlen, wenn er von diesem unerwarteten Volltreffer berichtet. Einziges Problem: Bis zum Beginn der Aufnahmen waren es da nur noch sieben Tage...

Hoher Zeitdruck

Ein turbulente Woche vor allem mit ihrem Spanisch-Coach liege hinter ihr, sagt Morison, musste sie sich doch de Fallas „El amor brujo“ und Montsalvatges „5 Canciones Negras“ im Eiltempo erarbeiten. Ein hoher Zeitdruck, gewiss, aber wenn sie davon berichtet, ist zu spüren, dass sie nichts lieber wollte, als sich Hals über Kopf in dieses musikalische Abenteuer zu stürzen.

Inzwischen ist das letzte Lied des Aufnahmetages dran: Berios „Azerbaijan Love Song“, gesangstechnisch durchaus anspruchsvoll mit einem furiosen Finale, bei dem Catriona Morison ein beherztes „Papalam!“ in den Saal schleudert. Nach dem ersten Take seufzt sie: „Das ist schwer“, nach dem letzten bedankt sich der Tonmeister bei ihr und das Orchester spendet Applaus. Während die Musikerinnen und Musiker danach für diesen Tag zusammenpacken, diskutieren Dirigent und Sängerin noch die Aufnahme, die Cambreling in den kommenden Tagen ganz in Ruhe durchhören wird.

Das Album soll noch zum Weihnachtsgeschäft fertig sein

Allerdings ist auch hier ein wenig Eile geboten, denn das Album, dessen Titel noch nicht feststeht und das die Symphoniker Hamburg in Eigenregie herausbringen, soll möglichst ab dem 15. Dezember in den Läden stehen – rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft.

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„Eigentlich hätten wir jetzt Konzerte gehabt, stattdessen nehmen wir nun eine CD auf“, sagt Cambreling, aber ein Notnagel ist dieses Projekt nicht. Sondern nach erstem Höreindruck ein Album, das das Profil des Orchesters weiter schärfen wird. Und das für alle Beteiligte ein nicht zu unterschätzender Hoffnungsschimmer in diesen Tagen ist – auch wenn die Laeiszhallen-Türen weiterhin geschlossen bleiben, während der Wind die Blätter über den verwaisten Johannes-Brahms-Platz fegt.

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