Kunstaktion

Eindringlich: Naziverbrechen als Opernstoff

Die Schule am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort.

Die Schule am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort.

Foto: Imago

„The Village“soll im April in St. Katharinen Premiere haben. Schon jetzt gab es eine Installation zum Thema.

Hamburg.  Sonntagnachmittag ist wenig los auf dem Bahnhof Reeperbahn. Ein paar Angetrunkene, ein älteres Paar. Und ein Mann, dünn, graue, kurze Haare, optisch niemand, der einem sofort auffallen würde. Einzig sein Koffer ist ungewöhnlich: ein altmodisches, grünes Kunstlederexemplar, so etwas trägt heute kaum jemand bei sich.

Der Mann ist Thomas Geiger, und er ist Teil einer Kunstaktion: „Searching For Maman“ , eine die gesamte Stadt umfassende Vorbereitung auf Joel Mandelbaums Oper „The Village“ , die – sofern die Corona-Pandemie es zulässt – im April nächsten Jahres unter der Regie von Agnes Oberauer in der Katharinenkirche aufgeführt werden soll. Aus allen Himmelsrichtungen bewegen sich Freiwillige den gesamten Sonntag über durch die Stadt, um früher oder später in Rothenburgsort einzutreffen. Hier, an der Gedenkstätte Bullenhuser Damm , lassen sie ihre Koffer zurück, nach und nach füllt sich so der Hof der Gedenkstätte mit Kleidung, Schuhen, Objekten. Und der Pianist Tjaard Kirsch spielt Passagen aus dem Musikstück.

Erinnerungen an die Kleidungslager in Auschwitz

Im April 1945 ermordeten die Nazis am Bullenhuser Damm 20 jüdische Kinder und mindestens 28 Erwachsene, Mandelbaums Oper behandelt dieses grausame Verbrechen. „Searching For Maman“ legt ein virtuelles Netz über den Stadtraum, indem einerseits der klare Bezug zum Musiktheater gewahrt bleibt, andererseits die Kunst in den Hamburger Alltag des Jahres 2020 überführt wird: Insgesamt mehr als 60 Teilnehmer lassen die Installation in Rothenburgsort wachsen, vom frühen Morgen bis in die Abenddämmerung. Und parallel dazu wandert Kathryn Wieckhorst in der Rolle der „Maman“ durch die Stadt, hinterlässt kleine, schwer erklärbare Spuren und verschafft einem eine Ahnung von der Monstrosität des Geschehens.

Das Bild des bald von Koffern und Schuhen gefüllten Hofes ist dabei nicht unproblematisch. Oberausers Installation ruft Erinnerungen an die Kleidungslager in Auschwitz auf, was das reale Grauen des Holocausts in ein bedrückendes Kunstbild überträgt – und es damit auch auf eine schwer zu rechtfertigende Weise trivialisiert.

Versuch, künstlerisch auf ein historisches Geschehen zu reagieren

Das aber ist eine Kritik, die zu gegebener Zeit angebracht werden kann, bis dahin bleibt „Searching For Maman“ vor allem der Versuch, künstlerisch auf ein historisches Geschehen zu reagieren und dabei einerseits sichtbar zu bleiben, andererseits aber die Beschränkungen in Zeiten der Corona-Pandemie zu berücksichtigen. Denn tatsächlich: Thomas Geigers Weg durch die Stadt ist eine Performance, der Koffer ein Requisit, der Stadtraum eine Bühne. „Searching For Maman“ ist Theater, und als Theater in schwierigen Zeiten ist das Projekt eine Leistung, die weit über die Installation in der Gedenkstätte hinausgeht.

„The Village“ besteht noch aus weiteren Teilen, darunter bis zum 19. November die Kunstinstallation „The Displaced“ in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme als ästhetische Hinführung zu einer der aktuell ambitioniertesten künstlerischen Aktionen Hamburgs.

„The Village“ 9./10.4. 2021, St. Katharinenkirche. Kunstinstallation „The Displaced, bis 19.11., KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Jean-Dolidier-Weg 75, www.villagehamburgonline.net