Literatur

Die mächtige Stadt und der radikale Blick der Schriftsteller

| Lesedauer: 10 Minuten
Werner Irro  ist Lektor und Herausgeber des Gedichtbands „Aus den Wolken fallen die  Heringe“.

Werner Irro ist Lektor und Herausgeber des Gedichtbands „Aus den Wolken fallen die Heringe“.

Foto: S. Richter

Auch Klassiker wie Heine, Wagner und Ringelnatz sind im Gedichtband „Aus den Wolken fallen die Heringe“ enthalten.

Hamburg. „Aus den Wolken fallen die Heringe“ heißt dieser Band, und der Titel ist klug gewählt, denn es ist überhaupt tatsächlich der schönste Vers in all diesen Hamburg-Gedichten. Er stammt von Yoko Tawada, einer Japanerin, die längere Zeit in Hamburg lebte und auch auf Deutsch schrieb. Tawada ist eine der Entdeckungen, die man bei der Lektüre dieser ausgewählten Hanseatenlyrik machen kann. Die Anthologie ist ein dichterisches Best-of, es sind also auch die Klassiker Heine, Ringelnatz, Biermann und Claudius vertreten. Das Abendblatt sprach mit Herausgeber Werner Irro.

Hamburger Abendblatt: Ist Hamburg eine besonders häufig in Gedichten besungene Stadt?

Werner Irro: Mein Gefühl sagt mir: Ja. Das Verhältnis von Stadt und Literatur ist ein besonderes. Angefangen mit dem Senator und Juristen Barthold Heinrich Brockes, der auch Schriftsteller war und ein unglaublich feinsinniger Stilist – in welcher anderen Stadt wäre so eine Doppelbegabung denkbar? Ähnliches gilt für Klopstock, eine Person des öffentlichen Lebens in der Hansestadt damals. Und schön, dass Sie von „Besingen“ sprechen. Ich glaube, das ist kein Zufall. Mit dem Lobgesang ist es zwar schon lange vorbei, aber das Bild stellt sich sofort ein, wenn wir an „Dichter“ und „Hamburg“ denken. Bei der ganz überwiegenden Zahl der von mir gesammelten Gedichte ist ein starkes Selbstbewusstsein der Autoren unübersehbar, zugleich aber auch eine spürbare Verbindung mit der Stadt.

Wenn Sie einen Tipp abgeben müssten: Welche Stadt ist die am meisten in Gedichten verewigte?

Irro: Vielleicht so etwas Einzigartiges wie Venedig? Ich weiß es nicht. Bei den Autorinnen und Autoren der Anthologie fällt auf, dass alle für längere Zeit in Hamburg lebten, also mit anderen als touristischen Augen auf die Stadt blickten und blicken. Ich glaube, dass Hamburg starke Impulse aussendet und daher auch leicht zum Gegenstand eines Gedichts wird.

Es scheint mir eine Weile her zu sein, dass ein Hamburglyrik-Kompendium erschien. Gab es eigentlich überhaupt schon einmal ein zufriedenstellendes?

Irro: Das hat mich selbst überrascht: Wenn man von längst vergriffenen Sammlungen absieht, die entweder thematisch oder zeitlich begrenzt waren, gibt es heute gar nichts. Vor einigen Jahren gab es den Versuch, einfach alles, was zu finden ist, nebeneinanderzustellen, das löst bei der Lektüre jedoch eher Verwirrung aus. Es mag erstaunlich klingen, aber die Anthologie ist tatsächlich die erste ihrer Art. Bei der Zusammenstellung ergab sich die Anordnung der Gedichte fast von selbst. Die frühen Gedichte, angefangen bei Hagedorn, Klopstock, Claudius, beschreiben konkrete Hamburger Orte. In den 1920er- und 1930er-Jahren gibt es dann einen ganzen Schwung Seemanns- und St.-Pauli-Gedichte, gefolgt von bitteren Texten über die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung und die Zerstörung der Stadt im Krieg. Ab den 1950er-Jahren lässt sich ein neuer Ton vernehmen, für den exemplarisch Alice Ekert-Rotholz stehen kann. Am Beispiel der Gäste im Alsterpavillon lässt sie die Zeiten Revue passieren bis zum modernen „Girl trifft Boy“: „Die Liebe feiert ihren Frühlingssieg.“

Welche Voraussetzung musste ein Gedicht erfüllen, um Aufnahme in „Aus den Wolken fallen die Heringe“ zu finden?

Irro: Schiffe mussten vorkommen, die Reeperbahn, Heringe und unbedingt das „Rundstück warm“! Spaß beiseite – natürlich gab es keine Voraussetzungen, aber bestimmte Wörter tauchen doch häufig auf, bis hin zu den „Lustbarkeiten“ auf der Alster. Umso schöner, wenn es dann auch um Lohbrügge geht, um Waltershof oder das Millerntor, Orte, deren Poesie noch nicht so durchbuchstabiert ist. Zunächst war ich einfach neugierig, zu sehen, was man finden kann über das eine Dutzend immer wieder zitierter Gedichte hinaus. Ich suchte und sammelte ohne eine explizite Erwartung. Es zeigte sich, dass gerade bei den historischen Gedichten schnell klar wird, welche uns heute noch etwas zu sagen haben, weil sie unmittelbar zu uns sprechen, weil sie Vergangenes erzählen oder weil sie nicht wirklich gealtert sind. Wolfgang Borchert oder Arie Goral-Sternheim berühren unverändert, Johann Peter Eckermann bringt uns frisch und anschaulich das Treiben im Hamburger Hafen Anfang des 19. Jahrhunderts näher, und die Sottisen eines Heinrich Heine sind heute noch so scharf wie vor 200 Jahren.

Beansprucht Ihre Anthologie Vollständigkeit, was die wirklich wichtigen Hamburg-Gedichte angeht?

Irro: Auch wenn es vermessen klingen mag: Ja, ich meine schon, dass die wichtigen Gedichte zu der Stadt enthalten sind. Aber natürlich ist meine Zusammenstellung subjektiv und will es sein. In den meisten Fällen galt die Regel: pro Autor ein Gedicht, das beschränkte die Auswahl. Ich wollte auf alle Fälle ein klar strukturiertes, gut lesbares Buch machen, das man gern in die Hand nimmt und in dem man gern blättert. Mit dem man eine Weile umgeht, weil es auf dem Tisch liegt und man immer wieder ein neues Gedicht liest. Sollte aber jemand ein tolles, bislang übersehenes Hamburg-Gedicht ausgraben oder entdecken, würde ich mich selbstverständlich freuen.

Was passiert Ihrer Meinung nach, was muss passieren, wenn sich Stadt und Betrachter begegnen, damit diese Begegnung literarisch fruchtbar wird?

Irro: Brockes spricht von der „nimmersatten Lust der Augen“. Das ist ein schönes, frisches Bild auch für uns, wenn wir mit offenen Augen in der Stadt unterwegs sind. Ich stehe an einem Ort, ich blicke mich um. Was dann geschieht, ist ganz subjektiv. So gehen wir alle durch die Stadt, durch unseren Alltag. Jetzt braucht’s nur noch den Schriftsteller, der weiß, wie er solche Momente zu einem guten Text transformieren kann. Oder es gibt eine grundsätzliche Erfahrung, die eine Autorin, ein Autor in Lyrik umsetzt, Wolf Biermann etwa bei seiner Reise von Ost-Berlin nach Hamburg, oder Walter Mehring oder Joachim Ringelnatz, wenn sie über das Seemannsleben schreiben. Oder wenn Anja Kampmann heute über die Geschichte des Duvenstedter Brooks schreibt, den der Hamburger Reichsstatthalter zu seinem privaten Jagdrevier erkor. Zeiten und Orte werden in einem solchen Text transzendiert und zu einer größeren Aussage.

Romantische Idealisierung gibt es sicher auch nicht zu knapp in Ihrer Sammlung. Was aber macht die hier abgedruckten Werke über diese in schönen Worten ausgesprochenen Lobpreisungen hinaus aus?

Irro: Dass die Autoren den Moment einer Begegnung gestalten und damit öffnen. Sie interpretieren ihn, sie zeigen uns ein besonderes Bild, und nicht zuletzt zeigen sie uns etwas von sich selbst. In diesem Dreieck von Thema/Objekt, Autor oder Autorin und Leser oder Leserin kann alles stattfinden.

Ulla Hahn weist in ihrem Vorwort zu Recht darauf hin, dass die Hamburgpoeten häufig in lukullischen Gefilden (Matthias Claudius: „Fleisch und Fisch und Wein/Sind hier sehr gut, das merke!“) unterwegs sind. Das ist dann doch ein wenig verwunderlich, oder nicht?

Irro: Ja, das stimmt. Es hat meines Erachtens damit zu tun, dass gerade die historischen Gedichte oft ausgesprochen sinnlich beschreiben, was zu sehen, zu riechen, zu erleben ist. Also der Hafen, die Märkte am Hafen, das Treiben in der Stadt, auf dem Jungfernstieg oder in Blankenese. Hamburg als großer, quirliger Marktplatz ist ein fester Topos in den literarischen Zeugnissen der letzten Jahrhunderte,und die Völlereien damals müssen gewaltig gewesen sein. Heute ist dieser Aspekt völlig verschwunden und damit auch der Hinweis auf Speis und Trank. Allein über die Elbe wird nach wie vor geschrieben, doch vor allem als Ort zum Spazierengehen, als Schifffahrtsweg, als Ausflugsziel.

Welchem Gedicht gelingt es Ihrer Meinung nach am besten, Hamburg im Innersten zu fassen zu bekommen? Geht es darum überhaupt?

Irro: Jedes der Gedichte ist ein Versuch, etwas von der Stadt zu fassen zu bekommen, aber keines wird so einen überzogenen Anspruch haben. Vermutlich wäre „das Innerste“ nur ein langweiliger Allgemeinplatz, während ich sofort neugierig werde, wenn mir ein Autor seine spezielle Version von einer Begegnung oder einem Erlebnis erzählt. Gedichte sind formstrenge Geschichten, verdichtete Momente, überraschende Bilder. Die mächtige, alte Stadt und der radikale Blick der Schriftsteller – auf die Funken, die aus dieser Reibung entstehen, kommt es an. Das Gedicht der lange in Hamburg lebenden und sehr gut Deutsch sprechenden Japanerin Yoko Tawada, dem wir den Titel für die Anthologie entliehen haben, kommt einem Bild der Hamburger und damit auch der Stadt schon sehr nahe. Es trägt den Titel „Der hanseatische Komparativ“.

In einem der zwischen die Gedichte gestellten Prosatexte heißt es von Gerhard Mauz: „Hamburg will nicht erkannt werden. Hamburg wünscht, ungreifbar zu bleiben, und darum lobt in Hamburgs Augen die Stadt, wer sie unbegreiflich schilt.“ Eine prima Anti-Stadtmarketing-Sentenz – sollten sich PR-Leute nicht am besten ein Beispiel an der Bedeutungsschwebe der Hamburg­lyrik nehmen?

Irro: Unbedingt. Sobald wir meinen, etwas „begriffen“ zu haben, interessiert es uns gleich weniger. Wollen wir nicht viel lieber die Schärfe von ungesicherten Gedanken, den Glanz origineller Fantasien und das Versprechen auf Unerhörtes? Darum geht es doch in Gedichten, zumindest ging es mir darum, als ich die Sammlung zusammenstellte. Auf jeder Seite eine Überraschung, ein neues Bild, eine unerwartete Wendung. Und ein fantasievoll-spielerischer Umgang mit Sprache.

( tha )