Da ist Musik drin!

Ungewöhnliche Sound-Installation im Bieberhaus

| Lesedauer: 7 Minuten
Vera Fengler
Annika Kahrs hier bei einem Residenzprogramm mit der Band Love-Songs im Fleetstreet Theater.

Annika Kahrs hier bei einem Residenzprogramm mit der Band Love-Songs im Fleetstreet Theater.

Die Hamburger Klang- und Videokünstlerin Annika Kahrs ist aktuell mit einer Arbeit im Bieberhaus zu erleben.

Hamburg. Die türkische Nachtigall singt, dazu erklingt orientalische Lautenmusik, man meint, das Rauschen von Wellen zu hören, es könnte auch Regen sein; dazwischen ist es seltsam still, die Geräusche klingen nach, sie füllen das gesamte Treppenhaus mit Poesie, entführen in eine andere Welt.

Wer das Bieberhaus gegenüber dem Hauptbahnhof zur vollen Stunde betritt, wird Zeuge einer ungewöhnlichen Sound-Installation: „deine stimme ist mein klang ist dein geräusch ist mein echo“ ist eine Gemeinschaftsarbeit der Künstlerin Annika Kahrs und der Sängerin und Musikerin Derya Yıldırım. Eingeladen dazu hat Kurator Sven Christian Schuch, der mit seiner Projektreihe „Mind the Gap“ den stillgelegten Paternoster bis zum Sommer 2021 mit wechselnden Kunstwerken bespielen darf.

Ausgangspunkt war die Frage, wie man ein Familienporträt zwischen Hamburg-Veddel und Cemel in der Türkei akustisch umsetzen kann, wie Erinnerungen und Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in Klänge und Töne übertragen werden können. Jedes der sieben Stockwerke ist einem Familienmitglied gewidmet. Seine jeweilige Geschichte ertönt durch einen Lautsprecher am Boden des Paternoster; Texte der Schriftstellerin Duygu Ağal begleiten das Klangwerk.

Musik ist ihr Material zum Menschenverbinden

Und das Bieberhaus, wo heute Rowohlt Verlag und Pixel Park ihre Büros haben, es spielt ebenso seine Rolle in diesem Stück: Seit den 1970er-Jahren war unter anderem die Ausländerbehörde dort ansässig; für Familie Yıldırım kein Ort positiver Erinnerungen. „Umso wichtiger ist es daher, dass nun ihre Lebensgeschichten diesen Raum musikalisch erfüllen“, sagt Annika Kahrs.

Musik habe sie als Künstlerin von Anfang an fasziniert. „Weil ich damit Geschichten erzählen kann, die eng mit politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Themen verbunden sind. Musik ist direkt, sie braucht keine Erklärungen. Sie ist mein Material.“

Und sie mag das Menschenverbindende: „Ich recherchiere sehr akribisch und bin meistens allein, bevor es an die Umsetzung meiner Projekte geht. Dann bin ich froh, wenn ich spannende Kooperationspartner um mich habe.“ In den vergangenen Jahren waren darunter Wissenschaftler, Komponisten, Musiker, Fahrradkuriere, Zauberer. „Die Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, bewundere ich dafür, was sie tun.“ So auch Derya Yıldırım, deren zu Herzen gehende Stimme im Bieberhaus zu hören ist.

Großes Zutrauen in Performende und Publikum

Annika Kahrs zählt zu den gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation. Sie studierte bildende Kunst in Hamburg, Braunschweig und Wien; ihre Klanginstallationen, Performances und Videoprojektionen wurden in der Hamburger Kunsthalle, im Hamburger Bahnhof und im Museum der Gegenwart in Berlin sowie auf internationalen Biennalen gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Die 36-Jährige lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg; vertreten wird sie von der Produzentengalerie. Mit der Kunsthalle, besonders mit der Leiterin der Galerie der Gegenwart Brigitte Kölle, ist Annika Kahrs eng verbunden. Ehrensache also, dass ihre dort vertretene Arbeit „Strings“ 2019 beim Senatsempfang für das 150. Jubiläum der Kunsthalle Klar aufgeführt wurde.

Ein Streichquartett spielte den ersten Satz aus Ludwig van Beethovens bekanntem Werk c-Moll op. 18 Nr. 4, anschließend wechselten die Musiker ihre Plätze und spielten auf einem jeweils fremden Instrument weiter. Merklich verunsichert kämpften sich die Beteiligten durch die Partitur – ein Spagat zwischen Fragilität und Katastrophe mit aus der Reihe springenden Tönen und bedrückenden Sekunden der Stille. Am Ende waren die Streicher froh, die Performance überstanden zu haben und das Publikum irritiert, ob es nun Beifall klatschen sollte oder nicht. Belustigt erinnert sich die Künstlerin an den Moment, als die Perfektion durchbrochen wurde. „Ich spiele gerne mit Erwartungen und traue sowohl den Performenden als auch dem Publikum viel zu.“

Absurd, so erscheinen ihre Kunstwerke oftmals von außen. Etwa, wenn ein Chor pfeifend vor einer Kirchenorgel steht oder eine Streicherin auf einem 3,85 Meter großen Oktobass vor Giraffen in Hagenbecks Tierpark ein Konzert gibt, um durch Infraschalltöne mit den Tieren zu kommunizieren. Wann beginnt Musik, wo entsteht sie, was passiert an der Grenze zum bloßen Geräusch? Annika Kahrs ist eine Forscherin an den Rändern dessen, was wir Musik nennen. Sie fragt nach ihren kulturellen und sozialen Funktionen, ihren kommunikativen Aspekten, ihrer formalen Beschaffenheit.

Musikbeschallung am Hauptbahnhof wird hinterfragt

Wie für fast alle Künstler ist auch für Annika Kahrs das Jahr 2020 ein außergewöhnliches: „Viele Projekte mussten verschoben werden. Zum Beispiel hätte ich den Sommer über eigentlich in Los Angeles sein sollen, um in der Villa Aurora am Klang von Gravitationswellen zu arbeiten.“ Dafür hätten sich andere, spontane Engagements ergeben wie die Teilnahme am „Corona Sound System“ von Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge.

Zu der rein akustischen Ausstellung steuerte die Künstlerin ihre Klanginstallation „My Favorite Music“ bei. Diese zielt darauf ab, sich kritisch mit der Musikbeschallung am Hauptbahnhof zu beschäftigen, die seit 2001 weniger zum Vergnügen der Reisenden eingesetzt wird, sondern um unerwünschte Menschengruppen zu vertreiben. Ihre Empfehlung: „Einfach mal zum Bahnhof gehen und bewusst der Musik und den vielen anderen Geräuschen zuhören, das ergibt ein ganz eigenes, merkwürdiges Konzert.“

Die enorme Flexibilität, die der Beruf als Künstlerin ohnehin verlangt, sei in diesen Zeiten von Vorteil. „Große Unsicherheiten, auch finanzieller Natur, sind mir nicht unbekannt. Die aktuelle Situation fühlt sich deshalb nicht wirklich neu an. Das heißt natürlich nicht, dass mir das Ganze im Moment Spaß macht. Ich empfinde diese Zeit als extrem anstrengend und fordernd.“ Umso wichtiger sei es während der Krise, dass sich Künstlerinnen und Künstler auf einen gewissen Zusammenhalt fokussierten, sich gegenseitig austauschten und unterstützten. „Das kenne ich ja von meiner eigenen Arbeitsweise.“

2021 wird die Künstlerin den Hamburger Hafen bespielen

Für die Finanzierung ihrer teils sehr aufwändigen Werke hat sie sich drei Standbeine aufgebaut: Verkäufe, Bewerbung um öffentliche Gelder und Stipendien sowie Vorträge und Künstlerhonorare. „Bei den Honoraren tut sich gerade etwas: Es wird selbstverständlicher, Künstlerinnen und Künstler an den Ausstellungen finanziell zu beteiligen.“ Ein Verdienst der nachkommenden Künstlergeneration, die mit dem Thema viel selbstverständlicher und selbstbewusster umgehe, freut sich Annika Kahrs.

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Die Realisierung eines Großprojektes ist schon so gut wie sicher: Im kommenden Jahr soll sie im Auftrag von „Imagine the City“ den Schuppen 29 mit ihrer Multimedia-Installation „to live in the echo of other places“ bespielen. Darin soll die Stimmung von 15 Gesprächspartnern aus prägenden Erinnerungsorten in aller Welt visuell und akustisch in den Hafen übertragen werden. Damit die Welt trotz Corona wieder etwas mehr zusammenrückt.

„deine stimme ist mein klang ist dein geräusch ist mein echo“ bis 13.12. im Bieberhaus (U/S Hauptbahnhof), Heidi-Kabel-Platz 2/Eingang über Hachmannplatz (ggf. klingeln beim Rowohlt Verlag), Mo-Fr 11.00-17.00, Beginn zu jeder vollen Stunde, Eintritt frei, www.mindxgap.de