Regula Grauwiller

„Das nette Mädchen von nebenan wollte ich nicht sein“

Regula Grauwiller und Mehmet Kurtulus in Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“.

Regula Grauwiller und Mehmet Kurtulus in Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“.

Foto: United Archives / kpa Publicity / picture alliance / united archives

Eigentlich sollte Regula Grauwiller jetzt auf der Bühne der Kammerspiele stehen, doch die ersehnte Premiere ist verschoben worden.

Hamburg. Und plötzlich war Schluss. Eigentlich wollte Regula Grauwiller derzeit zusammen mit ihrem Kollegen Stefan Gubser in dem Stück „Die Deutschlehrerin“ auf der Bühne der Kammerspiele stehen. Vier Wochen lang hatten beide Schauspieler bereits geprobt – bis der erneute Lockdown alle aktuellen Pläne zunichte machte: Die Proben wurden abgebrochen. Das Stück entstand nach dem gleichnamigen Roman von Judith W. Taschler, Hausherr Axel Schneider wollte es als deutsche Erstaufführung auf die Bühne bringen. Nun ist die Premiere für den 24. Februar geplant.

In „Die Deutschlehrerin“ spielt Grauwiller Mathilda Kaminski, eine Frau, die vor 15 Jahren von ihrer großen Liebe verlassen worden ist. Nun sehen sie sich zum ersten Mal wieder und knüpfen dort an, wo sie einst aufgehört hatten. Sie erzählen sich gegenseitig ausgedachte Geschichten, die provozieren, berühren und verstören. Aber bringen sie auch die Wahrheit ans Licht?

Vor den Kameras habe sie sich dann wohler gefühlt

Für die 49-Jährige, bestens bekannt vor allem aus dem Fernsehen („Tatort“, „Alarm für Cobra 11“, Katie-Fforde-Verfilmungen), wird es im kommenden Jahr eine doppelte Premiere sein. „Ich habe seit der Schauspielschule nicht mehr Theater gespielt. Jetzt kann ich mir meinen Traum verwirklichen, den ich mit 19 Jahren hatte. Damals bin ich nach Berlin auf die Schauspielschule gegangen, weil ich auf die Bühne wollte. Der Traum wurde mir dort aber komplett ausgetrieben, weil ich einen Lehrer hatte, der so böse war, dass ich als braves Schweizer Mädchen Bauchschmerzen bekam, wenn ich auf die Bühne sollte. Ich hatte immer Angst, dass er wieder seinen Schlüsselbund nach mir wirft, weil ich ihn enttäuscht habe. ,Man sieht dich nicht‘, hat er immer wieder gesagt.“

Regula Grauwiller (49) lebt mit Familie in der Schweiz. Vor den Kameras habe sie sich dann wohler gefühlt. „Dort wurde ich wertgeschätzt. Ich musste erst richtig erwachsen werden, bis ich merkte: Ich kann sehr wohl auf einer Bühne stehen, und es macht riesigen Spaß. Es ist verrückt, dass es 30 Jahre gedauert hat, bis ich es mir jetzt bald ermögliche.“

Sich anschreien? Nur mit sechs Meter Abstand!

Ihren Bühnenpartner Stefan Gubser kennt sie seit etwa 15 Jahren. „Wir sind beide Schweizer, haben szenische Lesungen zusammen gemacht, gemeinsam einen Film in Schweden und einen ,Tatort‘ gedreht. Wir wollten nicht immer warten, bis jemand anruft und haben die Dinge selbst in die Hand genommen. Deshalb haben wir die Firma ,Wortspektakel‘ gegründet und schon viele Projekte angeschoben. Zum Beispiel eines über die Kunstfälscher Wolfgang und Helene Beltracchi. Das haben wir Kammerspiele-Intendant Axel Schneider angeboten.“ Der habe jedoch gezögert und sei unsicher, ob man Kriminellen auf diese Weise eine Plattform bieten soll. Stattdessen schlug er „Die Deutschlehrerin“ vor. „Dieses Stück hat uns gut gefallen“, sagt Regula Grauwiller und schwärmt von der gemeinsamen Arbeit.

Obwohl sie immer wieder auf Corona getestet wurde, musste sie auf der Bühne der Kammerspiele zu Gubser Abstand halten. „Stefan und ich haben noch fünf andere Projekte. Wir sitzen beiein­ander, essen und arbeiten zusammen. Da halten wir den Abstand ja auch nicht ein. Wir sind ein Team, und trotzdem müssen wir auf der Bühne zwei Meter Abstand halten, wenn wir uns anschreien sogar sechs Meter. Das ist absurd.“

Der derzeitige Lockdown ist schon Grauwillers zweite berufliche Corona-Erfahrung. Ende März sollte sie in dem ZDF-„Herzkino“-Film „Ein Sommer auf Elba“ spielen – die Dreharbeiten wurden abgesagt. Ende Juni war sie dann im ersten internationalen Team dabei, das wieder in Italien drehte. „Das war sehr aufregend. Die Italiener waren froh, dass es wieder losgeht. Wir waren alle in einem Hotel und haben wie in Quarantäne gearbeitet. Alle drei Tage gab es Tests.“ Regie führte ihr Mann, der Hamburger Jophi Ries. „Er weiß genau, wie man mit Schauspielern umgeht“, sagt Regula Grauwiller. „Außerdem hat er immer gute Ideen und Geschmack. Ich konnte mich total fallen lassen. Es war unsere erste Zusammenarbeit als Regisseur und Schauspielerin.“

Ihre Verbindungen nach Hamburg sind recht vielfältig

Die beiden haben drei Kinder, 20, 18 und 16 Jahre alt, die sie zuletzt nur noch am Wochenende gesehen hat. „Die erste sturmfreie Woche haben sie noch genossen. Aber dann haben sie gemerkt: Keiner kocht, keiner macht die Wäsche, keiner kauft ein.“ Inzwischen sei das aber kein Problem mehr. In Hamburg ist Regula Grauwiller in den vergangenen Wochen zweimal ins Theater gegangen, hat sich sowohl „Die Kinder“ in den Kammerspielen als auch „Gott“ im Altonaer Theater angesehen. „Beide Inszenierungen fand ich toll.“

Ihre Verbindungen nach Hamburg sind recht vielfältig: Ihr Mann hat hier Verwandtschaft und inszeniert gerade für das ZDF „Die Luft zum Atmen“, eine Verfilmung des Lebens der an Mukoviszidose erkrankten Thalia-Schauspielerin Miriam Maertens. Auch Grauwiller hat darin eine kleine Rolle. Danach wird sie noch im „Großstadtrevier“ gebraucht.

Doch ihre Beziehung zu Hamburg reicht viel weiter zurück: 1998 spielte sie eine der beiden weiblichen Hauptrollen in Fatih Akins Regiedebüt „Kurz und schmerzlos“. Vor wenigen Wochen wurde das Drama in der Reihe „Eine Stadt sieht einen Film“ noch mal in 16 Hamburger Kinos gezeigt. Grauwiller war dabei, traf die alten Kollegen wieder. „Es war herrlich. Ich habe es total genossen.“

Auf Fatih Akin hält sie bis heute große Stücke. „Wir haben damals alle gemerkt, dass er etwas draufhat. Er hat einen genauen Blick und ein gutes Gespür, und er weiß, wie man gute Regieanweisungen gibt.“ Sie sei bis heute stolz auf den Film. „Ich habe viele kitschige Sachen gedreht, und wenn man dann so etwas machen kann, ist es ein Geschenk.“ Sie sei damals sehr gefragt gewesen für Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, habe darauf aber keine Lust gehabt. „Ich habe dann nur Rollen als Prostituierte, Fixerin, psychisch Kranke angenommen. Hauptsache nicht das nette Mädchen von nebenan. Das war ich ja schon, das wollte ich nicht auch noch spielen.“ Inzwischen haben sie aber auch mit Herzschmerz-Rollen ihren Frieden geschlossen und freue sich nun auf einen weiteren Karriereschritt, der sie endlich auf die Theaterbühne führt – auch wenn sie sich dafür noch bis zum Februar gedulden muss.