Buch-Tipp

Ein Leben zwischen Mauerbau und Stones-Konzert

Christian Berkel zählt zu den beliebtesten deutschen Schauspielern. Im Kino war er unter anderem in „Der Untergang“ und „Das Experiment“ zu sehen.

Christian Berkel zählt zu den beliebtesten deutschen Schauspielern. Im Kino war er unter anderem in „Der Untergang“ und „Das Experiment“ zu sehen.

Foto: Anikka Bauer

Mit „Ada“, seinem zweiten Roman, erweist Schauspieler Christian Berkel sich erneut als überzeugender und sprachgewaltiger Erzähler.

Hamburg. Christian Berkel schreibt wieder über sich. Und wieder in der Ich-Form. Aber diesmal nicht als er selbst, sondern als seine fiktive Schwester. Und deren Blick auf ihn ist keineswegs schmeichelhaft.

„Ada“ beginnt 1989. Am Abend des 9. November schaut sich Ada ihren Bruder, den Schauspieler, den sie seit Jahren nicht gesehen hat, auf der Bühne an. Im Schiller Theater. „Maß für Maß“. Den Bruder empfindet Ada als eitlen Pfau. Auch als er nach der Aufführung, die wegen der Nachricht des Mauerfalls unterbrochen wird, in seinen Sportwagen springt und davonbraust, hält sie ihn nicht auf, gibt sie sich nicht zu erkennen. Wenn man Schauspielern sonst gern Narzissmus unterstellt: Berkel kann man dies angesichts dieser – freundlich gesagt – distanziert-kühlen Schilderung nicht vorwerfen.

Zwei Jahre ist es her, dass der Schauspieler sein Romandebüt „Der Apfelbaum“ vorgelegt hat

Zwei Jahre ist es her, dass der Schauspieler sein Romandebüt „Der Apfelbaum“ vorgelegt hat. Jahrelang sei er vor seiner Geschichte davongelaufen, bekannte Berkel damals, dann habe er sie neu erfunden. Mit eindringlichen Bildern und literarischer Sprachgewalt erzählte er die unmögliche Liebesgeschichte seiner Eltern, die von der Weltgeschichte fast zermalmt wurden: von Sala, die als Jüdin in ein Lager deportiert wird, fliehen kann und mit falscher Identität im Nazi-Reich untertaucht, und Otto, der als Sanitätsarzt in den Krieg ziehen muss. Erst 1954 sehen sich die beiden wieder, er erkennt sie kaum, fragt, ob sie etwas verbinden würde. Und sie meint: Ich glaube, ja. Eine Tochter.

So endete der erste Roman. Und das lesen wir nun wieder im zweiten, der eine Fortsetzung ist. Und doch eine ganz eigenständige Geschichte erzählt, zu der die Lektüre des „Apfelbaums“ nicht zwingend nötig ist. Im ersten Buch fungierte Berkel noch selbst als Erzähler. In der Rahmenhandlung, indem er seine demente Mutter über ihr Leben befragt – und was sie davon noch weiß.

„Ada“ erzählt auch die Geschichte der jungen BRD

In „Ada“ geht er nun einen entscheidenden Schritt weiter. Mit dem Perspektivensprung, dass er diesmal aus weiblicher Sicht schreibt. Und seine eigene Persona dabei zur gockelhaften Randfigur degradiert. Mit dieser Distanz – und Selbstironie – wächst Berkel als Autor. „Ada“ ist mehr Fiktion als „Der Apfelbaum“ und weniger Familiengeschichte denn ein Roman der jungen Bundesrepublik.

Er beginnt in jener schicksalhaften Nacht des Mauerfalls. Das könnte man als Anbiederung an das jüngste Wiedervereinigungs-Jubiläum missverstehen. Doch nichts wäre falscher. Während alle Deutschen in dieser Nacht im Einheitstaumel feiern (auch der geckenhafte Bruder), sucht Ada einen Therapeuten auf, um endlich ihr Leben aufzuarbeiten.

Ada – der Leser des „Apfelbaums“ wird sich erinnern, dem Therapeuten (und dem Neuleser) wird es noch mal geschildert – ist einst als Zwilling geboren, der bei der Geburt den Bruder erdrückte. Plattmachte, wie sie selber sagt. Als Kind hat sie deshalb viele Jahre nicht gesprochen. Die Mutter hat sie nach dem Krieg mit nach Buenos Aires genommen, weil sie Deutschland nicht mehr ertrug. Und jetzt kehrt Ada, als Neunjährige, mit ihr zurück in dieses Land, das ihr fremd ist. Und fremd bleibt. In dem die Sonne nicht scheint und die Städte in Trümmern liegen. „Das Leben“, meint Ada, „war dort viel schöner als in Deutschland. Das Wetter war schöner, die Menschen waren schöner, alles war schöner.“

Ein Kind aus der Fremde, das nie eine Heimat findet, das immer fremd bleib

Plötzlich hat sie auch einen Vater. Es gibt sogar gleich zwei zur Auswahl. Denn neben Otto ist da noch Hannes. Die Mutter scheint selbst nicht so genau zu wissen, wer von beiden der Erzeuger ist. Und überlässt lachend der Tochter die Wahl. Die entscheidet sich für Otto. Und wird sich später ständig vorwerfen, dass sie es vielleicht nur getan hat, weil der ihr ein Fahrrad schenkte. Ada wird sich immer fremd fühlen in ihrem Elternhaus. Erst recht, als der ungeliebte Bruder auf die Welt kommt, 1957, wenige Tage nach dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten, weshalb nicht nur die Hebamme den Knaben „Sputnik“ nennt, sondern bald auch die ganze Familie. Bei Sputnik ist die Vaterschaft eindeutig, hier entsteht ein Familienzusammenhalt, den Ada nie erfahren hat. Und aus dem sie auch ausgeschlossen wird, weil sie auf ein Internat gehen muss, „aussortiert“ wird, wie sie es nennt.

Ein Kind aus der Fremde, das nie eine Heimat findet, das immer fremd bleibt: Das ist die Geschichte von Ada und damit ein Migrantenschicksal, das ganz aktuell erscheint. Auch wenn es unverbrüchlich mit den Aufbaujahren der Bundesrepublik zusammenhängt. Ihren ersten Kuss wird Ada am Tag des Mauerbaus erleben – und auch gleich ihre Unschuld verlieren. Als Studentin wird sie einen jungen Kommunarden lieben und mit ihm das berühmte Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne miterleben, die in Trümmer gelegt wird. Sie wird bei den Studentenunruhen mitmarschieren, wird, typisch für die 68er-Generation, alle Älteren „Mörder“ nennen. Und auch in nächster Nähe stehen, als Benno Ohnesorg erschossen wird.

Das Woodstock-Festival sorgt für ein Erweckungserlebnis

Erst bei der Tante in Paris wird sie auf ihr Judentum stoßen und in Woodstock noch mal eine Erweckung erleben. Das alles sind Reizdaten der jüngeren Zeitgeschichte. So knapp zusammengefasst mag sich das nach billigem Kolportage-Roman anhören. Doch nichts läge ferner. Es gibt zwar viele Schauspieler, die anfangen, Romane zu schreiben. Und durch den coronabedingten Lockdown werden es wohl noch einige mehr geworden sein. Aber nur wenige erweisen sich dabei als so überzeugende und sprachgewaltige Fabulierer wie Christian Berkel.

Das Schreiben aus weiblicher Per­spektive ist hier nicht nur ein Rollenspiel. Berkel überprüft die ganze jüngere Geschichte mit starken poetischen Bildern und mal pastösen, mal lakonischen Schilderungen. Da wird, auch für Nachgeborene, eine ganze Ära wiedererlebbar, das verlogene, verleugnende Wirtschaftswunderland, jäh in zwei Hälften zerrissen. Und dazwischen eine ohnmächtige Protagonistin, immerzu um ihre eigene Geschichte betrogen.

Ursprünglich sollte schon „Der Apfelbaum“ bis ins Jahr 1989 reichen. Doch Berkel erkannte, dass das voluminöse Ausmaße erreichen und ihn, den Debütanten, vielleicht aus der Kurve tragen würde. Er tat gut daran, den zweiten Teil auszukoppeln, denn er hat ihn zu etwas ganz Eigenem gemacht. Als Autor ist der 63-Jährige noch souveräner und stilsicherer geworden. Berkel will, das hat er schon angekündigt, weiter Bücher schreiben. Der nächste logische Schritt wäre dann wohl, sich ganz von der eigenen Vita zu lösen.