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Hundertjährige und Sonderlinge: Die Methode Jonas Jonasson

Der Autor Jonas Jonasson in der Wohnhalle des Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg

Der Autor Jonas Jonasson in der Wohnhalle des Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg

Foto: Roland Magunia

Wer die Romane des schwedischen Bestsellerautors mochte, dem wird auch „Der Massai, der in Schweden noch ...“ gefallen.

Hamburg.  Atombomben kommen im neuen Roman von Jonas Jonasson nicht vor. Und die Welt muss auch keiner seiner Protagonisten retten. Dieses Mal geht es dem schwedischen Bestseller-Autoren um die Kunst. Eine einfache Liebeserklärung an die Freiheit der Kunst wollte er mit „Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte“ schreiben. Sein fünfter Roman strotzt nur so vor Anspielungen auf die Moderne, besonders geht es Jonasson jedoch um die deutsch-jüdische Emigrantin Irma Stern (1894-1966), die als bedeutendste Malerin Südafrikas gilt. Die Expressionistin, in den 20er-Jahren eng mit Max Pechstein befreundet, hat schon sehr früh beeindruckende Porträts indigener Afrikaner gemalt. Ihrem Leben spürt Jonasson nach und entwirft dafür wieder ein Tableau von Figuren, die man getrost als Sonderlinge bezeichnen darf.

Da gibt es den Hochstapler und Erbschleicher Victor Alderheim, der es mit Beharrlichkeit schafft, sich eine Kunsthandlung unter den Nagel zu reißen, in dem er die Tochter des Kunsthändlers heiratet, um sich nach dem Tod des Seniors von dieser Jenny sofort scheiden zu lassen. Seinen unehelichen Sohn Kevin, Spross aus einer Verbindung mit einer schwarzen Prostituierten, schickt er im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste. Kevin wächst in einem Massai-Dorf in Kenia auf, wird zum Krieger erzogen, doch vor der finalen Initiation – einer Beschneidung – nimmt er Reißaus und kehrt nach Stockholm zurück. Zu den Hauptpersonen gehören außerdem der geschäftstüchtige Hugo Hamlin, der mit seiner Firma „Rache ist süß GmbH“ Kränkungen jeder Art nach dem Prinzip des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ löst.

Die Hauptfigur ist ein Schelm nach typischer Jonasson-Art

Die Hauptperson des Romans ist jedoch der afrikanische Medizinmann Ole Mbatian der Jüngere. Er ist der Adoptivvater von Kevin und reist ihm nach Skandinavien hinterher. Als Weltmann geht er nicht gerade durch, vielmehr lebt er in einem Tal der Ahnungslosen, in dem es keine Elektrizität und deshalb auch kein Internet gibt. Ole Mbatian passt genau in die Riege von Schelmen, die Jonassons Romane auszeichnen, seit er mit „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ auf der literarischen Szene erschien. Mit seiner freundlichen Naivität gerät Ole immer wieder in absurde Situationen.

Schon das Einchecken am Flughafen von Nairobi läuft nicht ganz glatt, denn mit einem Speer auf dem Rücken und einem großen Messer im Gürtel kommt er nicht durch die Sicherheitsschleuse. Und auch die Sandalen und der dünne traditionelle Shuka-Überwurf sind bei Minus 15 Grad in Stockholm keine angemessene Kleidung. Auch Bargeld oder Kreditkarten kennt Ole nicht, zu Hause wird mit Schafen oder Kühen bezahlt.

Der Aufenthalt des Medizinmannes im Norden Europas wird zu einem Slapstick, als er an den geldgierigen Victor Alderheim gerät. Jonasson schafft einen krassen Gegensatz zwischen dem verbohrten rassistischen Nationalisten Alderheim und dem arglosen Gutmenschen Mbatian. So komisch sich viele Szenen in diesem 400-seitigen Kultur-Clash lesen, so ernsthaft benennt Jonasson immer wieder nationalistische und repressive Auswüchse von der Bücherverbrennung der Nazis im Jahr 1933 bis zu Eingriffen polnischer und ungarischer Staatsorgane in Universitäten, Medien und Kultur.

Wer die vorangegangenen Romane von Jonas Jonasson mag, dem wird auch sein neues Werk gefallen, denn die Methode bleibt die Gleiche. Jonasson gerät schnell ins Fabulieren, schafft immer wieder absurde Situationen, beschreibt seine Nebenpersonen ausführlich und zieht abwegige Erzählstränge ein, die den Plot nicht voranbringen. Aber seine Bücher sind ja auch keine Krimis. Spannung erreicht er dennoch durch die kurzen Kapitel und die oft lakonische Sprache; immer neue Überraschungen gelingen ihm durch die Zufälle und schicksalhaften Begegnungen, die ebenfalls zu seinem Stil gehören.

Ein Massai-Dorf wird zum Kunstzentrum und Tourismus-Ort

Bei all den Turbulenzen geht der Fokus auf die Kunst mitunter etwas verloren. Doch am Ende dieses amüsanten Romans entdecken Hugo Hamlin, Ole Mbatian und sein Gefolge die Strahlkraft afrikanischer Gegenwartskunst. Das Massai-Dorf wird ganz im Sinne Irma Sterns zum Kunstzentrum mit einer Dauerausstellung und einem boomenden Tourismus. Ein besonderer Lichtblick ist dabei die Installation einer Rolltreppe, die in der Serengeti zwar keinen Sinn macht, aber Kunstliebhaber aus aller Welt anlockt, nachdem ein Foto auf Facebook gepostet worden ist. Sie ist ein weiteres Beispiel für den skurrilen Witz in Jonassons verrückter Welt.