Ausstellung in Hamburg

Ist das noch Kunst oder schon Pornografie?

Anonymisierte Fotografie aus der Ausstellung „FSK ab 18“: der weibliche Körper als perfekte Projektionsfläche.

Anonymisierte Fotografie aus der Ausstellung „FSK ab 18“: der weibliche Körper als perfekte Projektionsfläche.

Foto: Evelyn Drewes Galerie

Galeristin Evelyn Drewes zeigt in Rothenburgsort die Ausstellung „FSK ab 18“ mit vielen namhaften Fotografinnen und Fotografen.

Hamburg. Peter Lindbergh im Museum für Kunst und Gewerbe, Helmut Newton in Wedel, „Max Beckmann. weiblich/männlich“ in der Kunsthalle – so viel Frau und weibliche Inszenierung gab es schon lange nicht mehr wie in diesem Museumsjahr. Die „Nudes“ und Newtons oftmals mehr entblößende als Mode zeigende Fotografie zwar auszustellen, aber nicht einzuordnen, hinterlässt ein ungutes Gefühl. Auch der ewig als Model-Freund gepriesene Lindbergh bewegte sich manchmal an der Grenze zwischen Intimität und Respektlosigkeit.

Etwas mehr kommentierenden Hintergrund wie bei Beckmann hätte man sich gewünscht. Denn nackte Haut und sich räkelnde Körper „einfach so“ zu zeigen, passt heute nicht mehr. Der Sexismus-Vorwurf steht im Raum, vor allem Frauen fühlen sich bisweilen auf Klischees reduziert.

Die Galerie in Rothenburgsort wird zum Grenzgebiet

Was Evelyn Drewes sich mit ihrer aktuellen Ausstellung traut, zeugt von Mut. Oder auch von der Lust an der Provokation: An den Wänden ihrer großflächigen Galerie in Rothenburgsort sehen wir Körper in lustvoller Ekstase, Genitalien, Brüste, Hintern, züngelnde Münder, Frauen und Männer in allen möglichen Stellungen, mal eingetaucht in rotes Sexshop-Licht, mal in Schwarz-Weiß-Ästhetik fotografiert, privat oder öffentlich. Intim zu zweit oder gruppenorgiastisch. Unscharf-scharf.

Eine nackte, sich lasziv auf dem Bauch räkelnde Frau ist zum Ausstellungsplakat erhoben worden, auf ihrem Po ist der Titel eingeblendet: „FSK ab 18“. Die Galerie als Grenzgebiet zwischen Erotik und Pornografie.

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Aber wo verläuft die Grenze zwischen ästhetisch inszenierter Erotik und voyeuristischer Pornografie? Wer oder was prägt unsere Wahrnehmung von Schönheit, Reiz und Verführung? Was ist guter oder schlechter Geschmack? Wer urteilt über unsere Sexualität? Warum empfinden wir es heute als sexistisch, wenn im Krimiklassiker „Der Malteser Falke“ eine Frau als schlank und langbeinig beschrieben wird und der Held sie mit „Schätzchen“ ansäuselt? Wird das, was damals vielleicht als Kompliment aufgefasst wurde, durch den gesellschaftlichen Wandel automatisch zur Beleidigung?

Alte Hasen und Newcomer zeigen erotische Fotokunst

Wo endet künstlerische Freiheit? Und was reizt die Galeristin an diesem Thema? „,FSK ab 18‘ entstand aus der Idee der neuen Prüderie“, sagt Evelyn Drewes. „Durch die Zensur auf Social-Media-Plattformen, in Werbung und Medien ist der öffentliche Rahmen für Erotik beziehungsweise Pornografie recht klein geworden. Gerade in der Kunst ist der Umgang mit diesem Feld oft zögerlich, was uns den Anlass gab, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.“

Die Ausstellung vereint namhafte Künstlerinnen und Künstler aus fünf Jahrzehnten und zeigt deren Interpretation von Erotik in der Fotokunst, darunter Szenegesichter, alte Hasen und Newcomer: Esther Haase, Anatol Kotte, Andreas Mühe, Gabo, Walter Schels, Ivo von Renner, Carsten Witte, Kate Bellm, Oliver Blohm, Hans-Jürgen Burkhard, Asja Caspari, Marieli Fröhlich, Ruediger Glatz, Peter Hönnemann, Bob Leinders, Bartosz Ludwinski, Jan-Holger Mauss, Jesus Pastor, Jaques Schumacher, Maša Stanic, Alfred Steffen und Karin Szé­kessy.

Dem üblichen Reflex der Betrachter, automatisch den Produzenten zum jeweiligen Bild ausfindig machen zu wollen, um mehr darüber zu erfahren, es einordnen zu können, verweigert sich die Schau. Die Werke bleiben anonym. „Fotografien im Bereich der Erotik oder Pornografie werden häufig falsch verstanden beziehungsweise den falschen Kategorien zugeordnet. Bei ,FSK ab 18‘ zeigen wir eine Auswahl an Fotografinnen und Fotografen aus unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel Porträtfotografie, Journalismus oder bildende Kunst. Das Ausstellungskonzept der anonymen Teilhabe öffnet den Zugang zur Erotikfotografie, unabhängig von ihrer ursprünglichen Kategorie“, sagt Evelyn Drewes.

Betrachter sollen aus ihrer Komfortzone gelockt werden

Das Interessante an diesem ungewöhnlichen Dialog mit den Bildern ist, dass sich Nacktheit und Erotik/Pornografie nicht abnutzen; vielmehr intensiviert sich der Blick, differenziert sich die Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Ausstellung regt dazu an, eigene Mechanismen zu hinterfragen, verankerte Klischees zu lösen und vorurteilsfreier an das Thema heranzugehen. Wer will denn schon als prüde gelten?

Die Betrachter aus ihrer Komfortzone zu locken, eine tiefere Begegnung mit den Arbeiten zu ermöglichen, ist die Intention der Ausstellung: „Die versuchte Zuordnung der Namen zu den Werken regt zum Grübeln über Ursprungsort und Geschlecht des Urhebers an und löst so ganz unübliche Gedanken über Pornografie aus“, sagt die Galeristin, die nicht nur thematisch, sondern auch geografisch Mut bewiesen hat und mit ihrer Galerie aus der Innenstadt in eine ehemalige Wollfabrik ins Industriegebiet gezogen ist. Die Reaktionen des Publikums bisher? „Außerordentlich positiv!“

„FSK ab 18. Fotografie an der Grenze zwischen Erotik und Pornografie“ bis 22.11., Evelyn Drewes Galerie (U Elbbrücken, Bus Billhorner Brückenstraße), Brandshofer Deich 52, Di–Fr 14.00–18.00 und nach Vereinbarung, Eintritt frei, www.evelyndrewes.de