Kampnagel

„Burning issues“: Brennende Fragen auf den Bühnen

Das Kulturzentrum Kampnagel in Winterhude (Archivbild).

Das Kulturzentrum Kampnagel in Winterhude (Archivbild).

Foto: imago/Chris Emil Janßen

Veranstaltung will Forum sein, das Theater gerechter zu gestalten und gegen Barrieren und Ungerechtigkeit die Stimme zu erheben.

Hamburg. Geschlechtergerechtigkeit ist weiterhin ein Thema. Das wurde sehr schnell deutlich in den ersten Reden auf dem Kongress „Burning Issues“ zum Thema „Performing Equality“, den die Initiatorinnen Lisa Jopt (Schauspielerin) und Nicola Bramkamp (Theater- und Festivalleiterin) am Wochenende auf Kampnagel und online durchgeführt haben. Die „Burning Issues“, also die „Brennenden Fragen“, wollen ein Forum sein, das Theater gerechter zu gestalten und gegen Barrieren, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit jeder Art die Stimme zu erheben.

Zu den großen Fragen nach strukturellem Rassismus und Sexismus im Kulturbetrieb gesellten sich schon in den Grußworten auch Sorgen im Angesicht der pandemiebedingten, bundesweiten Theaterschließungen im November. Die Schließung bedeute ein Nehmen von Sichtbarkeit, von immateriellen Werten, von der Möglichkeit einer kulturellen und künstlerischen Wertebildung. Lisa Jopt richtete den Appell an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Solidarität mit den freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern zu zeigen.

Kämpferische Vorträge

Theater sollten es sich zur Aufgabe machen, sich gegen alle Diskriminierungsformen einzusetzen, so Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard. Es gelte nun, die Zeit der Schließung zu nutzen, darüber nachzudenken, wie die Theater vielfältiger werden könnten, im Publikum, auf und hinter der Bühne.

Der Sonnabend stand ganz im Zeichen zweier kämpferischer Vorträge. Die Kommunikationssoziologin, Künstlerin und schwarze Feministin Natasha A. Kelly rief dazu auf, gängige Geschlechterrollenklischees zu hinterfragen, es sei dabei wichtig, dass schwarze Frauen ihre Geschichten selbst erzählten. Aus dem kanadischen Toronto per Video zugeschaltet ging es auch der Schauspielerin Benita Bailey darum, neue Erzählweisen zu finden und herrschende Muster in der Rollenbesetzung zu durchbrechen. Sie wolle nicht nur für Geschichten von Flucht oder „Exotik“ besetzt werden, sondern für jede Rolle infrage kommen.

Frage der Gerechtigkeit beginnt bei der Ausbildung

„Ein Stift kann eine Bühne sein“, nannte die Filmregisseurin und Autorin Doris Dörrie („Männer“) ihren Vortrag und offenbarte, dass sie als Jugendliche noch glaubte, dass sie niemals benachteiligt werden würde, weil sie eine Frau sei. Sie habe sich als Autorin hinter ihren Filmen gut verstecken können, denn sich selbst als Regisseurin zu bezeichnen wäre in ihren Anfängen eine Anmaßung gewesen. Dörries kraftvolle Botschaft: Jeder ist ein Geschichtenerzähler. Und jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden.

Die Frage der Gerechtigkeit beginnt natürlich schon bei der Ausbildung, Und bereits hier gelte es Hierarchien aufzubrechen, angstfreies Handeln zu ermöglichen und ein neues, widerständiges Wissen zu generieren, sagte Sabina Dhein, Leiterin der Theaterakademie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

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Das Thema der Gerechtigkeit in der Kunst dürfte sich – leider – auch mit diesem inhaltlich ausgesprochen reichen und gehaltvollen Kongress noch nicht erledigt haben.