Hamburg

Keine Rock- und Popkonzerte mehr bis Mitte 2021?

Wird es im Sommer 2021 wieder Festivals wie das Hurricane geben?

Wird es im Sommer 2021 wieder Festivals wie das Hurricane geben?

Foto: dpa Picture-Alliance / Jazz Archiv/Rainer Merkel

Konzertveranstalter ohne Illusionen: Karsten Jahnke und Co. erzählen, warum sie vergleichsweise gut durch die Corona-Krise kommen.

Hamburg. Klassik- und Jazzkonzerte, bei denen gesessen wird, konnten nach dem ersten Corona-Lockdown unter strengen Auflagen wieder stattfinden, aber Rock und Pop in proppevollen Hallen und Clubs, mit jubelnden, tanzenden, schwitzenden Fans: undenkbar. Von der erneuten Schließung der Kulturorte im November sind große Hamburger Veranstalter wie die Karsten Jahnke Konzertdirektion oder FKP Scorpio kaum betroffen, sie hatten zeitnah ohnehin fast keine Veranstaltungen mehr geplant. Aber wie sieht es perspektivisch aus? Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Karsten Jahnke, Ben Mitha (KJ Konzertdirektion) und Stephan Thanscheidt (FKP Scorpio).

Wegen der steigenden Infektionszahlen werden Kulturveranstaltungen mit Besuchern zunächst bis Ende November verboten. Haben Sie Verständnis für die Entscheidung?

Stephan Thanscheidt Wir tragen die beschlossenen Maßnahmen mit, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen, aber uns muss von Seiten der Politik auch geholfen werden. Für uns bedeutet die jetzige Situation faktisch ein Berufsverbot.

Ben Mitha Wir verstehen, dass es gerade schwierig ist, tausende Menschen an einem Ort zusammenkommen zu lassen. Andererseits: Bei allen Konzerten, die wir in den vergangenen Monaten gemacht haben, ist unser Hygienekonzept aufgegangen. Wir haben nirgendwo ein Infektionsgeschehen gehabt. In gewisser Weise sind wir ein Kollateralschaden, weil es derzeit schwierig ist, den Menschen zu vermitteln, dass man zwar das gesellschaftliche Leben runterfährt, Konzertbesuche aber weiterhin möglich und sicher sind.

Wie schätzen Sie die Situation ein: Wird es im Herbst und Winter Rock- und Popkonzerte geben?

Karsten Jahnke Ich mache mir keine Illusionen, dass in diesem Jahr noch etwas stattfindet.

Thanscheidt Ich gehe inzwischen nicht einmal mehr von Veranstaltungen in der ersten Hälfte 2021 aus.

Kauft denn aktuell überhaupt jemand Konzertkarten?

Mitha Wenn der Ticketverkauf für ein Konzert beginnt, kaufen jüngere Fans, die unbedingt dabei sein wollen, aber das flacht dann sehr schnell wieder ab. In der Regel lassen sich derzeit pro Woche nur noch zehn bis 100 Tickets für eine geplante Tour absetzen.

Thanscheidt Bei Künstlern, die ein älteres Publikum haben, ist es sogar noch schwieriger.

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Vertrauen die Kartenkäufer Ihnen noch? Geplante Konzerte sind schließlich vielfach erst vom Frühjahr in den Herbst und jetzt auf einen Termin in 2021 verlegt worden…

Mitha Momentan erfahren wir noch viel Solidarität. Die Kartenrückgabequote bei den Shows, die wir verlegt haben, bewegt sich zwischen fünf und zehn Prozent. Aber irgendwann kann man es dem Konsumenten natürlich nicht mehr verübeln, dass er nach mehrmaligen Verschiebungen das Vertrauen verliert und seine Tickets zurückgibt.

Thanscheidt Bei unseren Festivals wie dem Hurricane, Southside oder Deichbrand haben 85 bis 90 Prozent der Kartenkäufer ihre Tickets behalten.

Klingt so, als seien die finanziellen Probleme überschaubar…

Thanscheidt Wir haben gut gewirtschaftet in den vergangenen Jahren und können uns dank Kurzarbeit und Kostenminimierung noch eine Weile über Wasser halten. Auch wenn wir 2020 und 2021 viele Millionen Euro verlieren, wird uns das nicht das Genick brechen. Geld, das wir eigentlich für neue Projekte vorgesehen hatten, wird jetzt für das Überleben eingesetzt. Neue Festivals, die schon in Planung waren, werden erst einmal hintan gestellt, bis wir wieder besser planen können. Große Probleme sehe ich aber auf Dauer bei all den Firmen, die wir zur Durchführung der Konzerte beauftragen: Licht und Technik, Catering, Security…

Jahnke Durch gute Jahre und kluges Wirtschaften sind auch wir derzeit nicht existenziell bedroht, aber uns fehlen in diesem Jahr etwa 50 Millionen Euro Umsatz. Sorgen machen auch wir uns vor allem um die zahlreichen Firmen, die an den Konzerten als Dienstleister dranhängen.

Thanscheidt Der Umsatz der FKP Scorpio-Gruppe in Europa liegt bei knapp über 200 Millionen Euro. Davon fallen etwa 90 Prozent weg.

Hilft Ihnen das Förderprogramm des Bundes, die so genannte Grütters-Milliarde?

Thanscheidt Davon sind am Ende etwa 80 Millionen bei den Veranstaltern angekommen. Aber: Das Geld kann nicht verwendet werden, um bereits entstandene Defizite auszugleichen, sondern muss in Zukunftsprojekte investiert werden.

Warten Sie jetzt darauf, dass ein Impfstoff kommt und Konzerte irgendwann wieder wie vor der Pandemie stattfinden können?

Mitha Da wir die Entwicklung der Pandemie nicht absehen können, planen wir derzeit für 2021 zweigleisig: Corona konforme Konzerte mit Abständen und reduzierten Kapazitäten, aber auch den Normalbetrieb. Viele unserer Künstler sind für die Open Airs im Sommer gebucht. Wenn die nicht stattfinden dürfen, müssen wir uns um Alternativen kümmern, etwa um Picknick- und Strandkorbkonzerte. Wir haben Konzepte, aber da es jede Woche Änderungen bei den Vorgaben gibt, können wir nur auf Sicht fahren. Es ist und bleibt eine emotionale Berg- und Talfahrt.

Thanscheidt Wir sind in einer Taskforce aktiv, in der sich europaweit die großen Veranstalter mit Hygienikern und Virologen zusammengetan haben, um Veranstaltungskonzepte zu entwickeln. Da gibt es zum Beispiel die Idee einer „Safe Bubble“: Man macht ein Konzert oder Festival in einer Arena und beim Einlass gibt es für jeden Besucher einen obligatorischen Corona-Schnelltest. Hier warten wir vor allem auf schnellere, günstigere und sicherere Tests als die derzeit vorhandenen. Eine mögliche Corona-Impfung wird für die Festivalsaison 2021 auf jeden Fall zu spät kommen, es müssen ja laut Jens Spahn erst einmal 55 bis 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, bevor eventuell ohne weitere Auflagen veranstaltet werden könnte.

Sie haben im Sommer zahlreiche Konzerte veranstaltet, im Stadtpark, aber auch in der Elbphilharmonie, jeweils mit stark reduzierten Besucherkapazitäten. Hat sich das finanziell gelohnt?

Mitha Wir haben das gemacht, um die Kultur am Leben zu erhalten und unseren Dienstleistern ein wenig Einkommen zu bescheren. Auch bei unseren Autokino- und Open-Air-Konzerten in Steinwerder war es nicht möglich, einen Gewinn zu erzielen.

Thanscheidt Es gibt sogar Veranstalter, die mit ihren Konzerten Geld verloren haben. Wenn mal ein kleiner Gewinn heraus kam, dann nur, weil finanzkräftige Sponsoren im Boot waren.

Bedeutet die Coronasituation mit ihren eingeschränkten Reisemöglichkeiten, dass Sie künftig vor allem auf europäische, vielleicht sogar auf nationale Künstler setzen?

Thanscheidt Nein, denn die Künstler würden wir in Verbindung mit den entsprechenden Corona-Testungen schon nach Deutschland bekommen und hier vor und nach dem Auftritt entsprechend isolieren.

Mitha Wir haben unsere Zusammenarbeit mit nationalen Künstlern schon vor Corona ausgebaut. Aber natürlich wollen wir auch künftig unsere internationalen Künstler nach Deutschland bringen und dafür wird es Wege geben, da bin ich ganz zuversichtlich.

Dominiert auch bei Ihren Mitarbeitern die Zuversicht?

Thanscheidt Mir persönlich geht es vergleichsweise gut, ich arbeite immer noch bis zu zehn Stunden am Tag, aber 85 bis 90 Prozent unseres Team ist in Kurzarbeit, die Leute hängen seit mehr als einem halben Jahr in der Luft und sind beschäftigungslos. Im Sommer war das vielleicht noch nicht so schlimm, aber jetzt geht es mehr denn je darum, sich um die Stimmungslage zu kümmern, deshalb machen wir zum Beispiel viele Fortbildungsangebote.

Jahnke Wir haben sogar nahezu die gesamt Mitarbeiterschaft in Kurzarbeit. Auch wir sind bemüht, ihre Zeit mit sinnvollen Beschäftigungen zu füllen und alle gut durch den Winter zu bringen. Manchen fällt inzwischen einfach die Decke auf den Kopf.

Das sagen die Club-Betreiber

Ulrike Lorenz, Fabrik: „Das beschlossene Veranstaltungsverbot kam nicht unerwartet. Trotzdem ist es natürlich ex­trem bedauerlich, dass wir nun wieder alle Veranstaltungen verschieben oder absagen müssen, nachdem wir unter großen Kraftanstrengungen den Veranstaltungsbetrieb im September erst wieder aufgenommen haben. Kultur ist Nahrung für die Seele. Aber die gegenwärtige Situation lässt uns allen keine Wahl. Es geht nun darum, solidarisch zu sein und gemeinsam das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Alexander Kulick, Moondoo in the Park: „Wir sind dankbar dafür, dass wir bis zum Lockdown mithilfe der Kulturbehörde sechs Clubkonzerte veranstalten konnten. Die Rückmeldungen der Künstlerinnen, Künstler und Gäste waren sehr gut. Aber der Wert solcher geförderter Projekte geht weit über den finanziellen Aspekt hinaus. Für die Live- und Clubkultur sind sie überlebensnotwendig.

Dieter Roloff, Cotton Club: „Wir halten durch.“

Constantin von Twickel, Nochtspeicher: „Der erneute Lockdown ist ein harter Schlag für uns Live Musik Clubs. Seit acht Wochen veranstalten wir verantwortungsvoll und mit einem äußerst durchdachten Hygienekonzept. Ohne einen bekannten Infektionsfall! Die Gesundheit Aller ist oberstes Gebot, jedoch ist die Wertschätzung der Bundesregierung für Kulturschaffende gleich null.“