Neu im Kino

Wenn der Kampf gegen rechts aus dem Ruder läuft

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Luisa (Mala Emde) hat sich der Antifa angeschlossen.

Luisa (Mala Emde) hat sich der Antifa angeschlossen.

Foto: - / dpa

Antifa-Drama „Und morgen die ganze Welt“: Regisseurin Julia von Heinz war selbst zehn Jahre lang in der Antifa aktiv.

Es ist selten, dass ein Kinofilm mit dem Grundgesetz beginnt und damit auch endet. Doch gleich im Vorspann von „Und morgen die ganze Welt“ ist Absatz 4 des Artikels 20 zu lesen, und am Ende wird er sogar noch einmal zitiert: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Was folgt, ist aber keine nüchterne Abhandlung in sprödem Juristendeutsch, sondern ein energisches, kämpferisches auch wütendes Drama, das den Zuschauer zu einer Haltung zwingt.

Es ist die Geschichte von Luisa (Mala Emde), einer jungen Jurastudentin. Im adeligen Elternhaus pflegt man traditionelle Werte und trifft sich regelmäßig zur Jagd. Die Tochter war früher die beste Schützin. Aber schon in der Schule hat sie eine Antifa-Gruppe gegründet. Und jetzt wird sie von ihrer Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) in eine linke Kommune eingeführt, wo Lisa ihre Herkunft verschämt verschleiert. Morgens studiert sie brav die Gesetzeslage, mittags jedoch demonstriert sie gegen eine rechte Bewegung, die im Film einen Fantasienamen trägt, aber an ihren Parteifarben klar zu erkennen ist.

„Bitte, bitte friedlich gegen die Arschlöcher demonstrieren“

„Bitte, bitte friedlich gegen die Arschlöcher demonstrieren“, ist der Appell der Antifa-Gruppe. Aber was tun, wenn die Gegner brutal auf einen einschlagen? Der rätselhafte Alfa (Noah Saavedra) kommt Luisa in einer solchen Situation zu Hilfe. Das Trauma radikalisiert sie. Dem jungen Mann möchte sie auch gefallen. Und so steht sie immer mehr zu dem deutlich aggressiveren Vorgehen des Alfa-Männchens – und entfremdet sich zunehmend von ihrer Freundin.

Wie weit darf man gehen im Kampf gegen rechts? Das ist die Frage, die dieser Film verhandelt. Eine andere wird dagegen von Anfang an klar beantwortet: Es reicht nicht, zu hoffen, dass der rechte Spuk einmal von selbst aufhört. Man muss aktiv dagegen vorgehen und die Demokratie verteidigen.

Die Filmemacherin war selbst viele Jahre in der Antifa aktiv

Julia von Heinz weiß, wovon sie da erzählt. Die Berliner Filmemacherin war selbst zehn Jahre lang in der Antifa aktiv. Vieles, was Luisa im Film widerfährt, hat sie selbst erlebt. Etwa wie sie sich dort zu behaupten hatte, wie die Gruppe sich langsam auseinander dividierte und sie Stellung beziehen musste. Autobiografisch sei der Film aber nicht, betont die 44-Jährige.

Dennoch ist es ihr persönlichster Film. Für den hat sie mit ihrem Mann und Drehbuchautor John Quester auch lange kämpfen müssen. Ein erster Entwurf entstand schon 2001, als Julia von Heinz noch bei der Antifa aktiv war. Dann musste sie das Script immer wieder in die Schublade legen. Und sich erst einmal einen Namen machen mit Erfolgsfilmen wie der Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ oder dem TV-Film „Katharina Luther“. Aber selbst danach war es noch schwer, Geldgeber für das Herzensprojekt zu gewinnen. Politische Filme haben es im deutschen Kino, das überwiegend auf Unterhaltung setzt, ohnehin nicht leicht. Wie ist das erst, wenn es um eine Idealisierung linksradikaler Kräfte gehen könnte?

Der Film genießt eine große Medienaufmerksamkeit

Genau das aber hatte Julia von Heinz nicht im Sinn. Sie negiert mit Nachdruck die sogenannte Hufeisentheorie, wonach es eine bürgerliche Mitte in Deutschland gibt und an den Rändern radikale Kräfte. Die Regisseurin zeigt vielmehr, wie gewaltbereite Rechte die Demokratie attackieren, während die Ordnungsmacht wegschaut. Die Mehrheit, das weiß sie, ist gegen rechts. Aber man müsse mehr Haltung zeigen.

„Und morgen die ganze Welt“ kommt erst am heutigen Donnerstag in die Kinos, genießt aber längst eine große Medienaufmerksamkeit. Der Film lief auf den Filmfestspielen von Venedig, dem ersten großen Festival nach dem Lockdown im Frühjahr, im Wettbewerb. Hauptdarstellerin Mala Emde bekam dort einen Schauspielpreis. Der Film hat jüngst auch das Filmfest in Hof eröffnet und ist einer von zehn Kandidaten im Rennen um den deutschen Oscar-Anwärter.

„Und morgen die ganze Welt“ 111 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im 3001, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Koralle, Passage, Zeise