Regisseurin Julia von Heinz

„Die Demokratie ist stark, aber wir müssen wachsam sein“

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
Regisseurin Julia von Heinz wurde 1976 in Berlin geboren und wuchs in Bonn auf.

Regisseurin Julia von Heinz wurde 1976 in Berlin geboren und wuchs in Bonn auf.

Foto: picture alliance

Gespräch über ihre Zeit in der Antifa, den Rechtsruck und den Mangel an zeitpolitischen Kinofilmen. Neues Werk geht ins Oscar-Rennen.

Regisseurin Julia von Heinz wurde durch die Hape-Kerkeling-Verfilmung „Ich bin dann mal weg“ bekannt. Ihr neuer Kinofilm „Und morgen die ganze Welt“ erzählt eine dramatische Geschichte aus der Antifa-Bewegung und geht für Deutschland ins Oscar-Rennen, wie gestern bekannt gegeben wurde.

Hamburger Abendblatt: Ihr Film feierte Premiere in Venedig. Wie war das unter den strengen Corona-Regeln?

Julia von Heinz: Im Nachhinein kommt es mir fast vor wie ein kleines Fenster, das noch einmal kurz offen war, bevor es sich für einen langen Winter wieder schließt. Mit einer großen Offenheit für Begegnungen und Gespräche. Denn so habe ich es erlebt. Aber ich habe gar nicht den Vergleich. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt zum zehnten Mal im Wettbewerb eines A-Festivals vertreten war. Für mich war das als Erlebnis überwältigend. Deshalb habe ich es nur positiv wahrnehmen können.

Sie bezeichnen „Und morgen die ganze Welt“ als Ihren persönlichsten Film. Wie persönlich ist er denn, womöglich autobiografisch?

Von Heinz: Persönlich ist das richtigere Wort. Mein Leben eignet sich nicht für eine Filmerzählung, ich habe nicht mit einem Gewehr geschossen oder Sprengstoff gefunden. Mein Leben hat nichts zu bieten, was im Sinne einer Filmhandlung Spannung erzeugen könnte. Ich habe aber vieles ähnlich erlebt wie meine Hauptfigur Luisa. Ich wollte Teil einer Antifa-Gruppe werden, ich habe mich dort auch behaupten müssen und musste erkennen, dass meine anfängliche Begeisterung sich veränderte, als ich erlebte, wie die Gruppe sich dividiert und ich mich positionieren musste. Ich habe das aber über eine ganze Dekade erlebt, von ca. 1991 bis 2001, und nicht, wie Luisa im Film, verdichtet in einem halben Jahr.

Im Film geht es immer wieder darum, wie weit man gehen kann. Wo ziehen Sie die Grenze?

Von Heinz: Die Frage haben wir uns damals sehr stark gestellt. Und sie wird im Moment wieder aktuell. „Gewalt ist keine Lösung“, dieser Satz kann auch schnell zur Phrase verkommen, wenn man damit eine gewaltsame Umgebung zulässt. Und das zeigt der Film ja: dass faschistische Stimmen so laut werden, dass ein menschliches Miteinander schwierig werden könnte. Dann kann man sich nicht mehr auf eine bequeme „Gewaltfreiheit“ zurückziehen.

Wir erleben derzeit einen starken Rechtsruck. Ist unsere Demokratie noch stark genug, kann sie sich selbst behaupten – oder muss jeder Einzelne selbst sie aktiv verteidigen?

Von Heinz: Ich glaube, dass unsere Demokratie stark genug ist. Trotzdem müssen wir wieder wachsamer werden. Weil staatliche Organe wie Verfassungsschutz, Polizei und Bundeswehr zu viele enge Verbindungen zu rechten Strukturen unterhalten – davon lesen wir im Moment fast täglich –, als sei das Gewaltmonopol gerade in parteiischen Händen. Das muss man zumindest scharf beobachten und immer wieder beim Namen nennen. Und das tun ja zum Glück auch Politiker. Allzu oft wird es aber noch als Einzelfall eingestuft. In der Häufung aber könnte man es allmählich als strukturelles Problem erkennen.

Der Film hat eine lange Genese. Als Sie begannen, am Drehbuch zu schreiben, gab es noch keine AfD, auch noch nicht diesen starken Rechtsruck. Bestätigen die jetzigen Verhältnisse Ihr Drehbuch von damals – oder überholen sie den Film gar?

Von Heinz: Sie übertrumpfen ihn, ganz klar. Die erste Fassung habe ich schon im Jahr 2000 geschrieben, als ich selber noch aktiv war. Damals wäre es noch nicht vorstellbar gewesen, dass die Republikaner sich öffentliche Veranstaltungshallen mieten. Heute stehen so viele draußen und demonstrieren dagegen, wie Leute hineingehen. Dass die Menschen offen da hineinmarschieren und Herrn Höcke mal zuhören wollen, das ist neu. Das wäre in den 90ern nicht möglich gewesen, da war man noch eher verschämt rechts. Da mussten die Plakate von DVU und Republikanern immer ganz hoch hängen, weil die sonst zerrissen worden wären. Als wir vor fünf Jahren den Film in die Gegenwart verlegt haben, haben wir gemerkt, dass der Stoff aktueller wird, dass sich das zuspitzt. Aber als ich dann beim Schnitt saß, wurde Walter Lübcke erschossen, da gab es die Anschläge in Hanau und Halle. Das hätten wir uns in unseren düstersten Albträumen nicht ausgemalt.

Immer wieder wird erhitzt debattiert, ob man die Antifa verbieten müsste. Wie stehen Sie dazu?

Von Heinz: Die Antifa kann man gar nicht verbieten. Es ist nun mal keine Organisation mit einer Mitgliederkartei. Das ist auch gut. Denn die neue Entwicklung ist ja, dass die Antifa eine immer breitere Akzeptanz findet. Auch die Omas gegen rechts leisten eine ganz tolle Arbeit, und wenn fünf Dorfjugendliche die Antifa Buxtehude ausrufen: All das ist Antifa. Wir haben damals mit der antifaschistischen Aktion – eine bundesweite Organisation, die sich 2001 aufgelöst hat – versucht, dem eine straffere Struktur zu geben, wirklich eine politische Stimme zu sein. Damals hätte man das einfacher verbieten können. Heute ist die Antifa nicht greifbar, insofern ist sie auch nicht zu verbieten. Und im Übrigen fände ich es auch ein ganz falsches Signal, gerade heute antifaschistische Stimmen mit Repressionen zu überziehen.

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Es gab bereits erste Kritik an Ihrem Film, nicht nur von rechts, das war ja zu erwarten, sondern auch von links. Hat Sie das getroffen?

Von Heinz: Es hat mich überrascht. Es hat mir auch wehgetan. Ich glaube aber, das wird wieder abebben. Viele haben erst mal auf den Trailer reagiert, den wir bewusst zugespitzt haben. Weil wir auf ein breites Publikum abzielen. Ich stehe hinter diesem Trailer. Der hat den Verdacht ausgelöst, wir könnten die Hufeisen-Theorie bebildern. Sie wissen schon: Wir haben wir eine demokratische Mitte und rechts und links gleich böse, undemokratische Kräfte. Das ist eine in meinen Augen ganz zynische Theorie, die ich gerade nicht erzähle, sondern hoffentlich mit meinem Film widerlege. Ich bin froh, dass ich mich bei vielen Mitstreitern aus der Antifa noch mal vergewissert habe, ob das ein Film in unser aller Sinne ist. Und dass mich viele aus dieser Szene auch nach Venedig begleitet haben.

Es gibt nur wenige zeitpolitische Filme, vor allem im deutschen Kino ...

Von Heinz: Es gibt wirklich viel zu wenige davon. Diese wenigen habe ich immer wieder studiert mit meinem Drehbuchautor John Quester, um zu verstehen und zu lernen. „Die bleierne Zeit“ etwa von Margarethe von Trotta. Auch „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin oder jetzt „Wintermärchen“ von Jan Bonny. Aber das war’s doch fast schon. Es gibt auch ein paar Versuche, komödiantisch mit politischen Themen umzugehen. Aber das ist nicht immer ganz gelungen, und auch da gibt es nur wenige Beispiele.