Erstaufführung

Ein Coup für das Theater im Zimmer

Der britische Mathematiker Alan Turing (hinten) wird im Stück von Axel Holst (r.) verkörpert. Raphael Dwinger spielt gleich mehrere Rollen.

Der britische Mathematiker Alan Turing (hinten) wird im Stück von Axel Holst (r.) verkörpert. Raphael Dwinger spielt gleich mehrere Rollen.

Foto: Theater im Zimmer

Das Stück „Die Turing-Maschine“ feiert an der kleinen Bühne Erstaufführung. Es geht um ein Computer-Genie.

Hamburg. Es gibt Menschen, die fast im Verborgenen arbeiten, dabei jedoch viel bewegen. Sowohl in der Wissenschaft als auch im Theater. In der Forschung finden sich Genies nicht immer in der ersten Reihe – wie auf und hinter der Bühne die Dramaturgen. Zur zweiten Spezies zählt die Hamburgerin Sonja Valentin. Im Frühjahr 2019 bekam die beflissene Dramaturgin („Ich habe sehr gute Drähte zu Verlagen“) eine Stückfassung vom Litag Theaterverlag aus München. „Ich las das und erinnerte mich an ,Breaking The Code‘“, erzählt sie. Das einige Jahrzehnte alte Stück handelte von Alan Turing (1912–1954). Einem britischen Mathematiker, dessen Entdeckungen aber Grundlagen der Informatik bildeten und der im Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle spielte.

Spätestens als Benoit Solès’ „Die Turing-Maschine“ im Vorjahr nach der Uraufführung in Paris vier der renommierten „Molière“-Theaterpreise gewann, überlegte Valentin, auf welch hiesige Bühne das neue Stück passen könnte – und kam auf das Theater im Zimmer. Dass sich dessen Intendantin Martha Kunicki für ihre englische Magister-Arbeit in Philosophie an der Berliner Humboldt-Uni mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ befasste, passte.

Turings Leistung blieb jahrzehntelang verborgen

Die beiden Frauen sind nun verantwortlich, dass „Die Turing-Maschine“ am kommenden Wochenende in der denkmalgeschützten Villa in Harvestehude deutschsprachige Erstaufführung hat. Ein Coup, aber auch ein Wagnis in schwieriger Zeit für das kleine, unsubventionierte und familiengeführte The­ater (120 Plätze). Es bietet zurzeit maximal 50 Besuchern Platz, verfügt über eine moderne Lüftung sowie über multimediale Videoprojektions-Technik.

Die sollte Jean-Claude Berutti zu nutzen wissen. Der Regisseur, Operndirektor am Theater Trier, hat in Altona schon Aldous Huxleys Dystopie „Schöne neue Welt“ sowie an den Kammerspielen die französischen Komödien „Ziemlich beste Freunde“ und „Die Nervensäge“ inszeniert. Komische Elemente habe auch „Die Turing-Maschine“, sagt Sonja Valentin. Das Leben des Mathematikers verlief aber tragisch: Obwohl er eine Denkmaschine entwickelte, mit dem die Briten 1941 den Enigma-Code der Wehrmacht entschlüsselten, blieb Turings Leistung jahrzehntelang verborgen. Um seine Person wurde ein Geheimnis gemacht: Eine Grund war seine – damals strafbare – Homosexualität. Turing fühlte sich einsam, kurz vor seinem Selbstmord entwickelte er noch eines der ersten Schachprogramme.

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Erst 2013 sprach die Queen ein „Royal Pardon“ aus. Zwei Jahre zuvor hatte Barack Obama Alan Turing auf eine Stufe mit Größen wie Newton, Darwin und Einstein gestellt. Immerhin: Ende 2021 will die Bank of England Turing mit seinem Konterfei auf 50-Pfund-Noten ehren.

„Die Turing-Maschine“ A-Premiere Fr 30.10., B: Sa 31.10., bis 13.12., Fr/Sa je 19.00, So 18.00, TiZ (Bus 19), Alsterchaussee 30, Karten zu 49,-: T. 44 88 44; www.theater-im-zimmer.de