Hamburg

Quatuor Ébène: Ein Quartett wie das Leben

Das Ensemble Quatuor Ébène feiert gerade seinen  sechsteiligen Beethoven-Zyklus in der Laeiszhalle.

Das Ensemble Quatuor Ébène feiert gerade seinen sechsteiligen Beethoven-Zyklus in der Laeiszhalle.

Foto: Julien Mignot

Das Quatuor Ébène zündet am dritten Abend in der Laeiszhalle seines Beethoven-Zyklus zwei der erschütternden Spätwerke.

Hamburg.  Beethovens Streichquartette werden traditionell in drei Phasen eingeteilt. Da sind die sechs frühen Quartette op. 18, die sich bei aller Experimentierfreude noch deutlich an den klassischen Vorbildern orientieren. Da sind die fünf Werke der mittleren Periode, mit denen Beethoven das zeitgenössische Publikum befremdete (man darf vermuten, dass er das zumindest in Kauf nahm). In der späten Phase schließlich lässt der Komponist auch noch den letzten Rest Konvention hinter sich, sprengt Formen, schneidet Passagen unvermittelt gegeneinander, kehrt sein zerklüftetes Inneres nach außen.

Das Quatuor Ébène, das gerade seinen sechsteiligen Beethoven-Zyklus in der Laeiszhalle feiert, hat die ersten drei Abende jeweils mit einem Werk aus der Gruppe op. 18 begonnen und dann entweder zwei mittlere oder zwei späte Quartette folgen lassen. So macht jedes Programm für sich die enorme Entwicklung hörbar, die Beethovens Quartettschaffen genommen hat.

Nie wirkt diese Vielgestaltigkeit aufgesetzt

Der dritte Abend nun beginnt mit einem Vogelzwitschern in der Dämmerung, so scheint es: Die erste Geige schwingt sich trällernd aufwärts, lässt sich nieder, die anderen antworten ihr, die Stimmung ist aufgeräumt. Aber nur ein paar Takte lang, dann bricht das unschuldige Anfangsmotiv urplötzlich forte über die Anwesenden herein. Solche Schreckmomente gehören schon im frühen G-Dur-Quartett op. 18 Nr. 2 zu Beethovens Tonsprache. Ein reines Idyll ist bei ihm nicht zu haben. Jedenfalls nicht mit dem Quatuor Ébène.

Wer wäre berufener, diese seelischen Schwankungen in Klang zu fassen, als dieses Ensemble? Auch an diesem Abend spüren die vier den feinsten Empfindungsnuancen nach, halten innerhalb eines Takts sacht inne und stürmen dann wieder los. Nie wirkt diese Vielgestaltigkeit aufgesetzt. Und auch die zweifellos atemberaubenden Tempi, ob im Mittelteil des Adagio cantabile oder im Schlusssatz, sind kein Selbstzweck.

Die Musik ist unnachgiebig streng und dann wieder so zärtlich, dass es einem die Tränen in die Augen treibt

Zu Beginn von op. 135 in F-Dur, Beethovens letztem Quartett überhaupt, lässt er einen ganzen Reigen an Charakteren auftreten: Da äußert die Bratsche einen Zweifel, und die anderen Stimmen fahren ihr über den Mund. Vereinigen sich dann zum eigentlichen Kopfmotiv des Allegretto – aber statt dass das beschwingte Thema Fahrt aufnimmt, spielen die vier plötzlich unisono fast zusammenhanglos erscheinende Töne. Und so geht es weiter. Wenn das Cello wie besessen dieselben fünf Töne wiederholt und die oberen Streicher sich viele Takte lang nicht aus deren Bannkreis befreien können, kann man kaum umhin, Beethovens Verzweiflung über seine innere Einsamkeit zu hören. Die Ébènes fesseln das Publikum, ungeachtet einiger winziger Intonationstrübungen, über die ganze Strecke.

Und die ist lang. Den Schluss macht das siebensätzige op. 131 cis-Moll, ein Werk wie eine Lebensbeschreibung. Eine langsame Fuge bohrt sich über Minuten in die Gemüter, danach wechseln die Stimmungen so plötzlich wie das Wetter im Gebirge. Es tanzen die Geister zu irrlichternden Klangeffekten, die Musik rast vor Zorn und Verzweiflung, sie ist unnachgiebig streng und dann wieder so zärtlich, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.

Kein Huster, nirgends – bis zum entfesselten Schlussapplaus. Am 17. November treffen zwei der „frühen“ Quartette auf op. 127 Es-Dur. Was für ein Kosmos.