Hamburg

Bach-Wochen: Frischer Wind für die Kirchenmusik

Trotz des Plexiglases zwischen den Sängern, heikler Michel-Akustik und wenig Publikum gelingt das Konzert erstaunlich gut.

Trotz des Plexiglases zwischen den Sängern, heikler Michel-Akustik und wenig Publikum gelingt das Konzert erstaunlich gut.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Chor- und Barockorchester St. Michaelis unter Jörg Endebrock überzeugen bei Eröffnung der Bach-Wochen in Hamburg.

Hamburg.  Draußen eine lange Schlange vor dem Nordportal am Michel. Da halten sich die Besucher des Eröffnungskonzertes der Bach-Wochen (noch) an den Corona-Abstand. Drinnen muss man schon mal den einen oder anderen Gedankenlosen ein bisschen streng um den Abstand bitten. Der Chor und die Solisten auf der Nordempore haben da weniger Probleme. Plexiglastrennwände schützen die Sänger. Für den neuen Michel-Kantor Jörg Endebrock ist es das erste große Konzert seit seinem Amtsantritt im Januar und nach der großen Corona-Zwangspause. Jetzt dirigiert Endebrock zum Auftakt der jährlichen Bach-Wochen Händels Psalm „Dixit Dominus“ und Bachs „Magnificat“ mit einem klein-besetzten Chor, einem exzellenten Solistenquintett und dem stilkundigen Barockorchester St. Michaelis.

Die Akustik in Hamburgs Hauptkirche war schon immer problematisch. Ein ziemlich langer Nachhall lässt den Klang verschwimmen. Deutlichkeit ist schwer, eigentlich kaum zu erreichen. Am besten hört man noch auf der Südempore direkt gegenüber, im Kirchenschiff muss man Abstriche machen. Normalerweise nützt eine voll besetzte Kirche. Publikum schluckt Schall. Genau das ist zurzeit wegen der Corona-Regeln nicht möglich. Nochmals erschwerte Bedingungen also für Jörg Endebrock, sein Orchester, seine Choristen und Solisten für klare strukturelle Konturen zu sorgen. Aber abzüglich der heiklen Michel-Akustik gelingt das erstaunlich gut! Hilfreich ist dabei, dass der Chor St. Michaelis viel schmaler besetzt ist als sonst, nur zehn Männer und 16 Frauen. Die machen ihre Sache richtig gut.

Ungewöhnlich, aber wirkungsvoll

„Con-quas-sa-bit ca-pi-ta ...“ Zerschmettern wird er die Häupter – wie Peitschenschläge foltert einen der unbarmherzige Rhythmus, die Bässe schießen die Silben wie Munition ab, und langsam baut sich der Klang von unten her auf. Wer Unrecht beging, fand zu Zeiten des Alten Testaments keine Gnade. Eine der eindrücklichsten Stellen in Georg Friedrich Händels Vertonung des Psalm 110 „Dixit Dominus“ (Der Herr sprach). Ein flammendes Plädoyer für die Herrschaft Gottes, auch wenn Feinde allerorten ihr Unwesen treiben. Größtmöglicher Kontrast im darauffolgenden Psalmvers: „Aus dem Bach am Weg wird er trinken: Darum wird er erheben das Haupt.“

Weich und leise. Geheimnisvolle, lang gezogene melodische Linien verflechten sich, Töne reiben sich schmerzvoll. Ungewöhnlich, aber wirkungsvoll: Zwei Solo-Sopranistinnen singen mit den Chor-Tenören und -Bässen. Es ist einer der Höhepunkte in der auf spannende Dramatik angelegten Interpretation des Kantors Jörg Endebrock. Zu genauester Text-Artikulation bringt er seine Choristen, mit Gespür für Balance baut er den Klang auf und sorgt dafür, dass nichts forciert und überzogen wirkt.

Jörg Endebrocks Dirigieren wirkt energisch, pulsierend

Diese klare Diktion ist an solchen, klanglich reduzierten Stellen gut möglich. Schwieriger wird es, wenn Chor und Orchester im vollen Tutti singen. Da kämpft fast jeder in der Michel-Akustik um Klarheit. Aber dennoch: Der vor Energie und vorwärtstreibender Motorik nur so strotzende polyphone Anfang des „Dixit Dominus“ gelingt packend. Genauso dazu im Kontrast die homophonen Blöcke, die Händel zur Textverdeutlichung bewusst benutzt: Iuravit Dominus (Der Herr hat es geschworen).

Jörg Endebrocks Dirigieren wirkt energisch, pulsierend. Ein frischer Wind scheint in der Kirchenmusik im Michel zu wehen. Der ist auch im zweiten Werk, Bachs „Magnificat“, zu spüren. „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freuet sich...“ Maria besingt in einem Gebet, dass ihr vom Erzengel Gabriel die Geburt eines Sohnes verkündigt wurde. Bach feiert dies mit festlichen Trompeten und lebendig vorwärtstreibenden Rhythmen. Auch hier überzeugen die 26 St. Michaelis-Choristen mit ihrem Können. Ähnlich wie im „Dixit Dominus“ ist von der Stärke und Barmherzigkeit Gottes die Rede, der die Feinde in Schach hält und sich um die Bedürftigen kümmert. Was Bach musikalisch kon­trastreich umgesetzt hat.

Ein bisschen „Vom Himmel auf Erden“

Wie bei Händel zahlt sich aus, dass fünf hochklassige Gesangssolisten engagiert waren. Dorothee Mields, eine Star-Sopranistin der Alten Musik, macht ihrer Klasse alle Ehre. Tenor Georg Poplutz liefert die scharf angespitzten, zackigen Koloraturen im „Deposuit potentes“ mit Bravour. „Er stößt die Mächtigen vom Thron“ heißt es da. Unglaublich resolut ist Bachs musikalische Geste hier. Voller Hingabe und sanft fließend im Gegensatz dazu das „Esurientes“ (Die Hungrigen füllt er mit Gütern).

Einmal mehr fasziniert der Countertenor Alex Potter, dessen warmes Timbre und brillante Technik und vor allem seine geschmackvolle Musikalität zu den stärksten Momenten des Abends gehören. Ein bisschen „Vom Himmel auf Erden“, so, wie das Motto der kommenden Bach-Wochen im Michel.