Porträt

„Mad as hell“: Ein zeitloser Wutbürger am Thalia Theater

| Lesedauer: 9 Minuten
Maike Schiller
Der Schauspieler Wolfram Koch probt derzeit am Thalia Theater – am Schauspielhaus war er früher regelmäßig zu Gast.

Der Schauspieler Wolfram Koch probt derzeit am Thalia Theater – am Schauspielhaus war er früher regelmäßig zu Gast.

Foto: Michael Rauhe

„Tatort“-Kommissar Wolfram Koch spielt am Thalia Theater in der Adaption des Kinofilms „Network“. Am Sonnabend ist Premiere.

Hamburg.  Die Demokratie ist ein sterbender Riese, heißt es an einer Stelle in der Mediensatire „Network“ von Sidney Lumet. Etwas pathetisch vielleicht, aber doch hellsichtig. ​1976 war das, vier Oscars gewann der Film damals, einer ging an den Drehbuchautor Paddy Chayefsky, einer an die junge Faye Dunaway und einer posthum an den Schauspieler Peter Finch. Finch spielte einen von seinem amerikanischen Sender zunächst abgesägten Nachrichtenmoderator, Howard Beale, der vor laufender Kamera seinen eigenen Suizid ankündigt und aufgrund der daraufhin rasant steigenden Quoten seine eigene Fernsehshow bekommt. ​

Dass das Theater den Stoff erst kürzlich entdeckte, mehr als vierzig Jahre später, ist eigentlich erstaunlich. Die Bühnenfassung von Lee Hall kam 2018 mit Bryan Cranston („Breaking Bad“) in London heraus, wo Thalia-Intendant Joachim Lux das Stück sah und sicherte. Am kommenden Sonnabend findet – nach einer coronabedingten Verschiebung der Premiere aus dem Mai – nun die deutsche Erstaufführung in Hamburg statt, das Ensemble steckt mitten in den Endproben.

Koch alias „Tatort“-Kommissar Brix spielt am Thalia

Wolfram Koch sitzt auf der Terrasse des Café des Artistes hinter dem Thalia Theater. Er hat einen Kaffee und eine Apfelschorle vor sich stehen und bemüht sich, seine Arme halb in die Höhe zu werfen, ohne dabei eine Tasse umzustoßen: „I’m as mad as hell and I can’t take it anymore!“ ruft er, zwar mit leicht gedämpfter Stimme, das Paar am Nebentisch allerdings schaut interessiert herüber. Es ist der Schlachtruf des Anchormans Beale, der mit seiner Wut die Massen vor den Bildschirmen elektrisiert und immer mehr in ein paranoides Prediger-Dasein abgleitet. „Ich bin scheiß-wütend und hab die Schnauze voll!“ Ein Ausbruch, der ankommt. Wolfram Koch – für Sonntagabendfernsehzuschauer: „Tatort“-Kommissar Brix aus Frankfurt – spielt ihn am Thalia.

Sein Howard Beale, was ist das jetzt für einer? Ein Wutbürger? Ein Populist? „Vielleicht ist das dasselbe“, überlegt Koch. „Das ist einer, der nicht ganz eindeutig ist. Ich mag das. Und das ganze Stück passt in die heutige Zeit, es wird ja so viel öffentlich gelogen, ohne Probleme.“

Eigentlich verpflichtet das Thalia selten Gastspieler

An konkretem Gegenwartspersonal wolle sich die Inszenierung von Jan Bosse trotzdem nicht orientieren, sagt Koch. Nicht an Donald Trump jedenfalls – vielleicht sogar, auch wenn Koch das so eindeutig nicht formuliert, vor allem nicht an Trump. Obwohl man bei jemandem, der stellvertretend die Wut der Massen artikuliert, bei dem das Nachrichtengeschäft als skrupelloses Entertainment funktioniert, ja kaum umhin kommt, auch diese Parallele zu ziehen: „Am liebsten will ich aber den Namen gar nicht sagen“, winkt Wolfram Koch ab. „Ich will dem gar keine Aufmerksamkeit schenken.“ Was ist sein Howard Beale also stattdessen für ein Kerl?

Erst kürzlich war Koch am Schauspiel Frankfurt als Shakespeares „Richard III.“ zu sehen, auch in einer Bosse-Inszenierung, und mit „Network“ gebe es da durchaus Überschneidungen. „Der Richard ist auch sehr öffentlichkeitsbewusst, das ist ein höchst manipulativer Typ. Dem geht es allerdings um Macht – Howard Beale, der Nachrichtensprecher, will keine Macht. Der will einfach laut herausschreien, wie komplett beschissen das alles ist.“

Eine „kleine Bewusstseinsverschiebung“ attestiert ihm Koch, „er ist schon ein bisschen verrückt. Seine Gedanken werden zwar immer kruder, aber was er erzählt, ist zum Teil sehr wahr. Unfassbar aktuell. Und dann gibt es Momente, in denen man plötzlich das Gefühl hat, da geht es in Richtung AfD.“ Koch lehnt sich vor. „Da muss man höllisch aufpassen.“

Schauspieler und Intendant kennen sich schon lange

Eigentlich verpflichtet das Thalia Theater selten Gastspieler, schon gar nicht der Bildschirm-Berühmtheit wegen. Mit Wolfram Koch, den er seit Jahrzehnten kennt, hat Joachim Lux eine Ausnahme gemacht: „Ich bin sehr glücklich über diese Lösung“, betont der Intendant. „Es gibt auf dem Theater nahezu keine Stoffe, die sich mit der sogenannten vierten Gewalt, mit den Medien also, auseinandersetzen. Es war daher ein außerordentlich dringlicher Wunsch von mir, diesen Stoff auf die Thalia-Bühne zu bringen. Allerdings haben wir leider keinen Schauspieler in unserem Ensemble, der diesen 60-jährigen Anchorman spielen könnte.“ Wolfram Koch passe „seiner inneren Haltung nach perfekt zur sozialen Idee des Ensembles und tritt hier nicht als Star oder Diva an“.

Das lässt sich auch beim Gespräch im Theater-Café gut beobachten. Wolfram Koch grüßt nach links und rechts und vorn und hinten, der Regisseur Jan Bosse schlendert vorbei, Felix Knopp, der erst kürzlich wieder ins Thalia-Ensemble zurückgekehrt ist. Mit dem Bühnenbildner Stéphane Laimé wechselt Wolfram Koch rasch ein paar Worte auf Französisch, er ist 1962 in Paris geboren. Günter Märtens, der Große bei den Rhythmus Boys und in „Network“ als Theatermusiker engagiert, radelt über den Gerhart-Hauptmann-Platz, man verabredet ein baldiges Backfischessen und einen Schnappschuss in Kostümen – für den gemeinsamen Freund Ulrich Tukur, den anderen Frankfurter „Tatort“-Kommissar.

Verrisse schweißen Koch und Bosse zusammen

Koch, vor Jahren ein regelmäßiger Gast des Schauspielhaus-Ensembles unter Tom Stromberg, hat sich bewusst für ein freischaffendes Künstler-Dasein entschieden und braucht doch feste künstlerische Bindungen. „Ich will den Regisseuren hinterher reisen können, mit denen ich arbeiten möchte“, erklärt er das. Wie Dimiter Gotscheff, dem auch Joachim Lux bis zu dessen Tod eng verbunden war.

Und wie Jan Bosse, der am Deutschen Schauspielhaus einst einen fantastischen „Faust“ inszenierte, aber auch ein Stück unter dem Titel „Haltestelle. Geister“, das so hemmungslos durchfiel bei Kritik und Publikum, dass es die Freundschaft zwischen Koch und Bosse erst recht festigte: „Ich glaube, wir hatten insgesamt 36 Verrisse“, sagt Koch und lacht, „36 Kritiken und alles Verrisse! Das schweißt zusammen.“

Ein „Ausnahmespieler und ein Ensembletier gleichzeitig“ sei Wolfram Koch, findet Jan Bosse, der den Schauspieler auch als „klugen Mitdenker“ schätzt. „Begnadete Clownerie und traurige Härte sind bei ihm nur zwei Seiten der selben zutiefst menschlichen Kompliziertheit. Und Wolfram ist ein Mensch, mit dem man einfach auch sehr gerne sehr viel Zeit verbringt.“

Das gilt auch für sein Publikum. Seine Figuren prägen sich ein. In Stefan Puchers Pop-„Othello“, noch so eine legendäre Inszenierung aus Tom Strombergs wildem letzten Intendantenjahr, war Koch neben Alexander Scheer, der die Titelrolle spielte, der zynisch-schillernde Bösewicht Jago. Die Inszenierung führte damals auf die Kirchenallee vor dem Theater, wo Koch an manchen Abenden fast Prügel kassierte, „weil die Junkies am Hauptbahnhof gedacht haben, sie müssten in die Szene einsteigen!“ Auch Christiane von Poelnitz, die jetzt in „Network“ den Faye-Dunaway-Part probt, war unter Stromberg am Schauspielhaus. „Haben alle hierher rübergemacht“, lacht Koch und erzählt, dass auch das Schauspielhaus ihn kürzlich wieder angefragt habe, für Karin Beiers Rainald-Götz-Erstaufführung „Reich des Todes“. „Aber da hatte ich schon am Thalia zugesagt.“

Als würde Ulrich Wickert ins Team Hildmann wechseln?

Seit 2015 ermittelt der Schauspieler zudem als Kriminalhauptkommissar gemeinsam mit Margarita Broich im Frankfurt-„Tatort“. Den „Tatort“ als letztes gemeinschaftliches Fernsehereignis der Woche (in Zeiten von „Network“ war so etwas noch eine Selbstverständlichkeit) mag er, besonders dann, wenn das Format sich was traut. Auf der Bühne sei das eigentlich ganz ähnlich. „Was ich an Theater geil finde, ist, dass man manchmal einfach reingeht. Kamikaze. Das kann dann schonmal in die Hose gehen, auch beim ,Tatort’ übrigens. Gefällt dann nicht allen. Aber man hat mal was gewagt, ist doch toll, wenn das geht.“

Einfach mal was wagen, das ist vielleicht auch der Zugang, den Wolfram Koch zu seiner „Network“-Figur findet. Also noch ein letzter Vergleichsversuch: Howard Beale, ist das, als würde Ulrich Wickert plötzlich ins Team Attila Hildmann wechseln? „Höchstens ein Hauch“, findet Koch. „Dieser Hildmann verbreitet ja sehr drastische Verschwörungstheorien. Bei Howard Beale gibt es aber einige ziemlich tolle Reden, wirklich toll. Der nimmt einfach kein Blatt mehr vor den Mund. Wie der Narr, der plötzlich als einziger die Wahrheit ausspricht. Bis auch das irgendwann kippt.“ Wenn man aber schon 1976 solche Mechanismen so genau beobachtet hat, was sagt das über die Gegenwart aus? Wolfram Koch überlegt kurz. „Vielleicht“, sagt er dann, „haben wir es nicht anders verdient.“

„Network“, Thalia Theater (Alstertor), die Premiere am 24.10. ist ausverkauft, Vorstellungen gibt es wieder am 31.10, 15 und 20 Uhr (Restkarten) und am 1.11., 19 Uhr und 6./7.11., 20 Uhr. Karten unter T. 328 14-444 und online unter www.thalia-theater.de