Hamburg

Kopf-Kino in der Staatsoper: Nichts ist unmöglich!

| Lesedauer: 4 Minuten
Joachim Mischke
Luis August Krawen ist Artist in Residence an den Münchner Kammerspielen.

Luis August Krawen ist Artist in Residence an den Münchner Kammerspielen.

Foto: Agnes Thomas

Der Video-Künstler Luis August Krawen befilmt „Pierrot lunaire“. „Keine Oper, kein ganz normales Kino, irgendwo dazwischen.“

Hamburg. Eine Leinwand, eine Darstellerin, dazu Musik. Das könnten Zutaten für eine mehr oder weniger konventionelle Opern-Inszenierung sein, wenn auch noch ein reales Bühnenbild vorkäme, ein leibhaftig betretbarer Raum. Doch weil sich in Schönbergs Melodram „Pierrot lunaire“ all das, was letztlich keine erkennbare Handlung ergibt, im Kopf-Kino abspielt, ist dort so ziemlich nichts unmöglich. Und alles möglich, erst recht, wenn das Stück seine eigene Welt bekommt.

Schönberg hat 1912 knapp zwei Dutzend surreale Gedichte von Albert Giraud atonal vertont und nach 40 Proben in Berlin uraufgeführt. Die Gralshüter vom Schönberg Center in Wien schrieben Exemplarisches über dieses Stück: „Die Interpretation der irrealen Pierrot-Figur entzieht sich einer gängigen Verstehensroutine und bleibt weitgehend Aufgabe unserer Fantasie.“ Mehr Freifahrtschein ins Undefinierte geht also kaum.

Der „Videast“ Luis August Krawen nimmt nun, mehr als 100 Jahre später, diese Vorlage als Folie und mal mehr, mal weniger vage als Anregung für einen 3-D-animierten Film von der Festplatte. Eine Musiktheater-Regie im klassischen Sinne habe er für dieses Experiment nicht geliefert, erklärt der 25-Jährige Krawen, der in dieser Saison Artist in Residence an den Münchner Kammerspielen ist. „Es wird eine Kinosituation sein und bei diesem Film habe ich die Regie geführt. Das ist ein Hybrid. Keine Oper, kein ganz normales Kino, irgendwo dazwischen.“

Schönbergs „Pierrot lunaire“ ist ein widerspenstiges Stück

Und Anja Silja, die längst legendäre So­pranistin, wird als eine von drei Frauengestalten in diesem Teil des Abends angeleuchtet auf einem Podest vor der Leinwand stehen und ihren Part, wie von Schönberg minuziös vornotiert, sprechsingen. Kaum ein anderes Werk – gern in Verbindung mit Poulencs „La voix humaine“, einem weiteren Eine-Frau-Stück – wurde in den letzten Monaten so oft auf den Spielplan gestellt wie Schönbergs traurig mondsüchtige Clowns­gestalt. Kleinst besetzt, sehr kurz und wirklich speziell. Teil zwei der Doppel-Realisierung übernahm Opern-Intendant George Delnon, an der Befilmung der ersten Hälfte hat Krawen seit Ende Juli tagtäglich am Rechner gearbeitet.

Wie fand er sich in Schönbergs Klang- und Gedankenwelt zurecht? Das Reinkommen sei schon sehr schwierig gewesen, weil das Stück so widerspenstig sei. „Die Pierrot-Figur der zugrunde liegenden Gedichte ist im popkulturellen Universum am ehesten mit dem Joker aus der Batman-Reihe vergleichbar“, meint Krawen. Auch ohne Handlung gäbe es einen Dramaturgie-Bogen: „Im ersten Teil geht es viel um Ekstase, im zweiten um Gewalt, im dritten gibt es das Moment der Heimkehr und Nostalgie. Das findet sich so auch im Film wieder. Es geht um eine sich auflösende Welt.“

Schönberg als ein Stück zur Pandemie-Krise

Wenn die Regie nicht weiterweiß, greift sie gern zum Trockeneis, hieß es früher gehässig über Bühnen-Belebungsmaßnahmen. Hauptsache, irgendwas flimmert hinten noch? Ein Vorwurf, den Krawen so pauschal auf seinem Medium nicht sitzen lassen möchte. Sicher gäbe es Stücke, in denen Video nichts bereichert und nur Spielerei ist. „So sollte es natürlich nicht sein – wird es aber wohl immer geben, wie es auch schlechtes Schauspiel gibt. Ein gutes Video ist etwas, das das Stück so bereichert, dass man es nicht wegdenken kann.“

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Schönberg als ein Stück zur Pandemie-Krise und Video als Hilfsmittel; wer momentan keinen Chor auf eine Bühne stellen kann, der rendert sich jetzt eben einen? „Ja, finde ich durchaus, warum nicht? Es muss aber auch immer ein Live-Moment geben und das ist bei uns durch die Sängerin und das Orchester gewährleistet.“

„Pierrot lunaire“ / „Le voix humaine“, Dirigent: Kent Nagano, Premiere: 11.10., 18 Uhr, weitere Termine: 15./17./23./24.10. und 17./21.11. Karten unter T. 35 68 68, weitere Informationen und Trailer: www.staatsoper-hamburg.de