Kolonialismus

Ausstellung blickt kritisch auf Hamburger Stadtgeschichte

Das Museum der Arbeit in Hamburg.

Das Museum der Arbeit in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez

Die Besucher werden mit dem Schicksal unzähliger Menschen konfrontiert, die unter Zwangsarbeit, Gewalt und Hunger litten.

Hamburg.  Wer denkt bei einem Hartgummikamm schon an Plantagen in Kamerun, wer sieht in der Margarine oder der Christbaumkerze eine Verbindung zu Nigeria, wer erkennt in der Seife einen Bezug zu Samoa? Über historische sowie aktuelle Dinge des täglichen Lebens wird der Besucher in die Ausstellung „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ gezogen.

Insbesondere ab dem 19. Jahrhundert war die industrielle Entwicklung in Deutschland und Europa stark von der Verarbeitung von Rohstoffen wie Palm- und Kokosöl, Kautschuk, Kakao und Elfenbein aus kolonisierten Gebieten in Afrika, Ozeanien und Nordostchina geprägt. Mit der Fertigstellung des Hamburger Hafens siedelten sich auch in Hamburg viele verarbeitende Unternehmen an, die von herrschaftlichen Strukturen und Zwangsarbeit profitierten und auf diese Weise Rassismus förderten.

Lebensgroße Porträts kolonialer und postkolonialer Widerstandskämpfer

„Inwieweit war und ist Hamburg mit der europäischen Kolonialgeschichte verflochten?“, lautete die zentrale Frage, die sich Rita Müller, Direktorin des Museums der Arbeit, und ihr Team stellten, ausgehend vom Standort des Museums, an dem einst die New-York Hamburger Gummiwaaren-Fabrik ansässig war. Doch anstatt Hamburger Kaufleute vorzustellen, konfrontiert die Ausstellung die Besucher durch Texte und Fotografien mit dem Schicksal unzähliger Menschen, die in den Fabriken und Plantagen der Kolonien unter Zwangsarbeit, Gewalt und Hunger litten.

Auf Fahnen im Raum sind lebensgroß die Porträts kolonialer und postkolonialer Widerstandskämpfer abgebildet, die den weißen Herrschern entgegentraten oder sich bis heute für die Rechte der Unterdrückten einsetzen. Kurz: Es findet ein Perspektivwechsel statt, der den Betrachter herausfordert, die rein europäische Sicht zu hinterfragen.

Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg

Für umfangreiche Recherchen arbeitete man mit der Universität Hamburg und – erstmals – mit Experten aus der Zivilgesellschaft zusammen. So wurde 2018 gemeinsam mit der Forschungsstelle postkoloniales Erbe ein Beirat gebildet, der maßgeblich an der Ausstellungskonzeption beteiligt war. Darunter Kodjo Valentin Gläser von der Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“. Er fordert, dass Museen sich öffnen, Partizipationsstrukturen neu gedacht werden. „Dekolonisierung ist nicht kostenfrei. Sie ist ein Prozess, der dringend aufgearbeitet werden muss, damit wir unsere Zukunft gemeinsam auf Augenhöhe gestalten können.“

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Hans-Jörg Czech, Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH), nimmt diese Aufforderung ernst. „Wir wollen unseren Beitrag für den Umgang der Stadt mit ihrer kolonialen Geschichte und zur Diskussion über die Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen für unsere globalisierte Ökonomie leisten.“ Damit das Thema bei möglichst vielen Menschen ankommt, gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm für Schulklassen sowie Antirassismus-Workshops und begleitende Kurse an der Volkshochschule.

„Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ 30.9.–11.4.2021, Museum der Arbeit (U/S Barmbek), Wiesendamm 3, Mo 10.00–21.00, Mi–Fr 10.00–17.00, Sa/So 10.00–18.00, Eintritt 8,50/5,- (ermäßigt). (Hinweis: Wegen der vom 2. bis einschließlich 30. November geltenden Corona-Beschränkungen kann es zu Änderungen oder vorübergehenden Schließungen kommen)