Hamburger Filmszene

Lisa Blumenberg ist die Film-Frau hinter den Kulissen

Lisa Blumenberg, Filmproduzentin  aus Hamburg

Lisa Blumenberg, Filmproduzentin aus Hamburg

Foto: Lisa Blumenberg

Als Produzentin ist sie für Hits wie „Bad Banks“ und manchen „Tatort“ verantwortlich. Jetzt dreht sie mit der Emmy-Gewinnerin.

Hamburg. Der britische Physiker Stephen Hawking – er starb 2018 – hatte seine Mitmenschen noch gewarnt: „Die Roboter könnten die Kontrolle übernehmen und einen Punkt erreichen, an dem sie selbst produzieren können.“ Aber Filmemacher schlagen solche Warnungen natürlich in den Wind und machen sich ihren eigenen Reim auf die Sache mit der künstlichen Intelligenz.

Zurzeit laufen die Dreharbeiten für den Fernsehfilm „Ich bin dein Mensch“. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem humanoiden Roboter. Dahinter steht eine von Deutschlands erfolgreichsten Produzentinnen: die Hamburgerin Lisa Blumenberg, die für die Letterbox Filmproduktion arbeitet, eine Firma der Studio Hamburg Produktion Gruppe. Blumenberg war unter anderem verantwortlich für die erfolgreiche Serie „Bad Banks“ und arbeitet nun mit Maria Schrader zusammen, die gerade einen wichtigen Filmpreis gewonnen hat.

Blumenberg dreht einen neuen Film

Wir treffen uns an einem der letzten heißen Sommertage. Auf Bodo’s Bootssteg ist die Situation entspannt. Blumenberg kommt mit dem Fahrrad, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit umgeknickt ist und deshalb eine Knöchelschiene tragen muss. Nachdem wir ein schattiges Plätzchen gefunden haben, erzählt sie begeistert von ihrem aktuellen Projekt. „Meine Urlaubspläne hat Corona nicht torpediert. Ich drehe einen Film“, sagt sie und beschreibt den Roboter, der auf die Bedürfnisse einer jungen Frau hin konfiguriert wurde. „Die Heldin, Alma, muss an einer Teststudie teilnehmen, obwohl sie das eigentlich gar nicht will. Unser Roboter sieht nicht wie R2-D2 aus ,Star Wars‘ aus, sondern wie ein sehr perfekter Mensch.“

Die Geschichte klingt wie ferne Science-Fiction, spielt aber in der nahen Zukunft. Die Namen der Mitwirkenden machen schon jetzt neugierig auf das Ergebnis der romantischen Liebesgeschichte: Maren Eggert verkörpert Alma. „Mit der großartigen Maren, die wahrscheinlich viele noch vom Thalia Theater kennen“, sagt Blumenberg, „verbindet mich ein für uns beide wichtiger Film, der große Resonanz und Wertschätzung fand und für den ich mit einem wichtigen Produzentenpreis ausgezeichnet wurde – ,Die Frau am Ende der Straße‘. Das war eine ganz andere Rolle als jetzt. Maren spielte eine zunehmend von Ängsten und Psychosen geplagte Frau, mit einer Intensität, die einem unter die Haut ging. Wir haben uns nie ganz aus den Augen verloren, aber es hat lang gedauert, bis wir wieder zusammenkamen.“

Regie führt Maria Schrader nach einem Drehbuch von Jan Schomburg

Aber auch ihr Gegenspieler ist sorgfältig ausgesucht worden. „Für die Rolle des Roboters hatten wir von Anfang einen Schauspieler aus dem Ausland im Sinn. Die Figur soll etwas Fremdes mitbringen. Wir wollten, dass die Zuschauer in ihren Köpfen freier sind und nicht gleich denken: Aha, ein ,Tatort‘-Kommissar.“ Dan Stevens, bekannt aus „Downton Abbey“ und der Disney-Neuverfilmung „The Beauty And The Beast“, spielt den Roboter, auch der Hamburger Hans Löw ist mit dabei. Regie führt Maria Schrader nach einem Drehbuch von Jan Schomburg.

Die Regisseurin, die immer wieder im Schauspielhaus auf der Bühne steht, hat schon mehrfach bewiesen, dass sie auch viel von der Arbeit hinter der Kamera versteht („Liebesleben“, „Vor der Morgenröte“). Für die von ihr inszenierte Netflix-Serie „Unorthodox“ hat sie vor wenigen Tagen erst einen Emmy gewonnen. Blumenberg hält große Stücke auf Schrader. „Ich finde alle Filme, die Maria bisher als Regisseurin gemacht hat, besonders und von herausragender Qualität. Sie hat einen sehr präzisen Blick und geht hervorragend mit ihren Schauspielern um.“

Der Dreh war ursprünglich für den August geplant. Als der Lockdown dann im März kam, herrschte in der gesamten Branche eine tiefe Verunsicherung. „Ich war dankbar, dass ich in der Zeit keine laufenden Dreharbeiten hatte. Das Drehen wurde zwar offiziell nie verboten, aber niemand wusste damals, wie es konkret weitergehen sollte.“

Das Drehbuch wurde nicht umgeschrieben

Von anderen Filmproduktionen hört man, dass die Drehbücher der neuen Situation angepasst und umgeschrieben werden mussten. „Das haben wir nicht gemacht. Inhaltlich wollten und konnten wir keine Kompromisse eingehen. Eine Liebesgeschichte zu erzählen, ohne dass Menschen körperlichen Kontakt haben, das geht einfach nicht. Wir haben uns damals natürlich gefragt: Wie kann das überhaupt funktionieren?“ Schließlich fanden die Beteiligten eine Lösung aus Tests und Quarantäne.

Beim Drehbuch hatten SWR und NDR zudem neue Wege beschritten, um an Geschichten zu kommen. Beide Sender befragten Autoren, ob sie Erzählungen schreiben könnten, die in der nahen Zukunft spielen. Die Ergebnisse wurden in der Anthologie „2029 – Geschichten von morgen“ bei Suhrkamp veröffentlicht. Der Film geht auf eine dieser Geschichten – von Emma Braslavsky – zurück.

Sie pendelt mit dem Zug: Zurzeit wird in Berlin gedreht

Ganz neu ist die Idee mit den Plots aus der Zukunft nicht, auch wenn sie in Deutschland selten praktiziert wird. Rainer Werner Fassbinder drehte mit „Welt am Draht“ schon 1973 einen Science-Fiction-Film, den Blumenberg sich zur Vorbereitung noch einmal angesehen hat. „Es ist ein Wahnsinn, wie visionär dieser Film ist“, sagt sie.

Wie fast alle Filmproduzenten jongliert auch Blumenberg gleichzeitig mit mehreren Bällen. Sie arbeitet gerade an einer Serie mit Drehbuchautor Alexander Osang. Die ist von einer Reportage inspiriert, die vor zwei Jahren im „Spiegel“ erschienen ist. Es geht um ein junges amerikanisches Paar, das auf Weltreise war, um seine Beziehung auf die nächste Ebene zu hieven. Im Berliner Techno-Club Berghain stirbt die Frau dann an einer Überdosis.

Sowohl der aktuelle Film als auch die anstehende Serie spielen in der Hauptstadt. Für die Hamburgerin Blumenberg bedeutet das regelmäßiges Pendeln. Wie ist das in diesen Zeiten? „Ich bin vorsichtig, denn ich habe Verantwortung für Liebste, das Team und auch für mich. Natürlich werde ich während der Dreharbeiten auch regelmäßig getestet. Ich fahre mit der Bahn, habe keine Angst, achte aber darauf, nicht zu den Hauptgeschäftszeiten unterwegs zu sein.“ Jetzt wieder direkten Kontakt zum Team im Büro zu haben und sich nicht mehr zu Videokonferenzen verabreden zu müssen findet sie schön.

Blumenberg war für mehrere „Tatorte“ verantwortlich

Die Messlatte für Blumenbergs neue Filme liegen hoch, daran ist sie sozusagen „selber schuld“. Ihr letzter großer Erfolg war die Serie „Bad Banks“, es ging um Machenschaften im Finanzgeschäft. Sie konnte in mehr als 40 Länder verkauft werden. Es gibt zurzeit eine Option für ein amerikanisches Remake. Aber auch vorher heimste sie schon viele Lorbeeren ein. Sie war unter anderem verantwortlich für die Serie „Blochin“ und mehrere „Tatorte“. „Die eigenen Ansprüche werden nicht kleiner, aber das entspricht mir auch“, sagt die Produzentin selbstbewusst.

Ende Juni hat sie ihren 56. Geburtstag gefeiert. Normalerweise ist das ein Anlass für eine Reise, gern nach Frankreich, aber das ging in diesem Jahr wegen Corona leider nicht. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Filmkritiker und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg, hatte sie eine andere Idee. „Wir sind 20 Minuten durch die Stadt gereist und haben uns ein Wochenende in Blankenese gegönnt. Es ist in Hamburg faszinierend, dass man nur ein paar Minuten braucht, um in einer völlig anderen Welt zu sein. Wir haben einen Tag auf die Elbe gestarrt und nichts getan. Es war wie Urlaub.“ Und wohl auch Zeit für gutes Essen. Sie mag Salat mit Birne, Roquefort und Walnüssen, geschmorte Kalbsbäckchen, Spaghetti Amatriciana, Vanillequark mit Beeren ...

Blumenberg kommt aus der Theaterwelt

Ursprünglich ist Blumenberg gar keine Filmfanatikerin, sondern kommt von der Bühne. „Ich habe während des Studiums die Theaterwelt entdeckt und am Mainzer Staatstheater stückweise als Regieassistentin gearbeitet. Diese Welt habe ich geliebt und dort mehr über die Menschen gelernt, als in meinem Psychologie-Grundstudium.“ Ursprünglich wollte Blumenberg Journalistin werden. Während ihres Studiums realisierte sie aber auch schon Fernsehbeiträge für den SWR in Mainz. „Gleichzeitig habe ich aber auch das Theater als faszinierende Arbeitswelt entdeckt. In den 90er-Jahren bin ich in ganz Deutschland zu interessanten Theaterpremieren gefahren und war ein richtiger Theater-Freak.“

Seit 23 Jahren lebt die gebürtige Saarländerin nun schon in Hamburg. „Wenn man das objektivieren kann, würde ich schon sagen: Hamburg ist die schönste Stadt Deutschlands. Eigentlich nutze ich es viel zu wenig, was diese Stadt so speziell macht.“ Aber manchmal schafft sie es doch noch und geht sogar mal wieder ins Theater. Das letzte Stück, das sie sich angesehen hat, war Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im Schauspielhaus – natürlich mit Maria Schrader.

Berufsbedingt muss Blumenberg sich in letzter Zeit sehr viel in Mediatheken und Streamingdiensten tummeln. Das war einmal etwas anders. „Früher habe ich an jedem Wochenende mit meinem Mann zwei Filme hintereinander im Kino gesehen. Wir haben inzwischen ein Ritual entwickelt: Zwischen Weihnachten und der ersten Januarwoche versuche ich immer Urlaub zu nehmen. Wir machen uns dann ein paar asoziale Tage, sind immer zu Hause, und mein Mann hat eine sozusagen von ihm kuratierte Top-Auswahl von neuesten Serien zum Sehen für mich vorbereitet. Das beginnt dann meistens schon mittags um 14 Uhr und geht oft bis 3 Uhr nachts. Das liebe ich.“