Ausstellung

Max Beckmann war Vorreiter der Gender-Debatte

Die Ausstellung wird in der Hamburger Kunsthalle am Glockengießerwall präsentiert.

Die Ausstellung wird in der Hamburger Kunsthalle am Glockengießerwall präsentiert.

Foto: Marcelo Hernandez

Die neue Ausstellung „weiblich.männlich“ in der Hamburger Kunsthalle zeigt, wie modern der große Maler wirklich war.

Hamburg. Klassiker kommen nie aus der Mode; sie werden immer nur in neuem Licht gesehen. So ist es auch mit Max Beckmann, dem bedeutenden Maler der Moderne (1884–1950). In der mit großen Erwartungen verknüpften Blockbuster-Schau präsentiert die Hamburger Kunsthalle 140 Werke von privaten und öffentlichen Leihgebern aus dem In- und Ausland, darunter die zentralen Ölgemälde „Das Bad“ (1930) und „Bildnis Ludwig Berger“ (1945) aus dem Saint Louis Art Museum.

Natürlich fehlt auch das berühmte „Selbstbildnis Florenz“ aus dem Jahr 1907 nicht. Es stammt aus dem eigenen, 25 Gemälde umfassenden Beckmann-Bestand der Kunsthalle, die dem Maler mit den Ausstellungen „Selbstbildnisse“ (1993), „Landschaft als Fremde“ (1998) und „Die Stillleben“ (2014) bereits Tribut zollte. Abgeschlossen, so wie viele Künstler der Moderne aus heutiger Sicht erscheinen, ist Beckmann deswegen aber noch lange nicht.

Er entdeckte Zartheit bei Frauen wie bei Männern

Der Fokus bei „weiblich.männlich“ liegt im neuen Zugang zum Werk von Max Beckmann: „Beckmanns Leben und Arbeiten fand zwischen 1900 und 1950 statt. In diesen fünf Jahrzehnten veränderte sich die Gesellschaft gravierend, und auch die Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit begannen zu wanken oder zu verschwimmen“, sagt Kuratorin Karin Schick. „Beckmann hat sich sehr für diesen Wandel interessiert und zahlreiche philosophische, psychologische und okkulte Schriften gelesen.“

Der Maler schrieb Geschlechterrollen fest und öffnete sie zugleich, er entdeckte Zartheit bei Frauen wie bei Männern sowie Schlagkraft bei Helden und Heldinnen. Während er sich mit seiner ersten Frau Minna 1909 noch in einem klassisch-romantischen Gemälde mit verträumtem Blick darstellt, in das man minutenlang versinken kann, ist er im „Doppelbildnis“ mit seiner zweiten Frau Mathilde „Quappi“ im Jahr 1941 der entschlossene, starke Mann.

Beckmann-Enkelin von einer lesbischen Liebesszene überrascht

Interessant ist, welche Rolle Beckmann seinen Figuren zugeschrieben hat: In dem mythologischen Werk „Odysseus und Kalypso“ (1943) ist es die Frau, die den Gott verführt und ihn zehn Jahre lang festhält. Sehr modern und nahezu androgyn sind „Zwei Damen am Fenster“ von 1928. Und das „Bildnis einer Rumänin“ (1922) strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Den homosexuellen Theaterregisseur Ludwig Berger porträtierte der Maler mit großer Sensibilität.

Deshalb bezeichnet Direktor Alexander Klar Beckmann auch als „Vorreiter der Gender-Debatte“. Darüber muss Maja Beckmann, Enkelin des Malers, bei der Pressekonferenz ein bisschen lachen. Als solchen habe sie ihren Großvater, der sich gern als leidenschaftlichen Liebhaber und starke, männliche Persönlichkeit inszenierte, nicht wahrgenommen. Auch sie ist überrascht: „Ich habe in der Ausstellung erstmalig eine lesbische Liebesszene entdeckt.“ An der bekannten Hülle zu kratzen, darin lag für Karin Schick die große Herausforderung: „Ich glaube, der Mythos des starken, entschiedenen Malers, der unerbittlich seine Zeit in Bilder fasst, wandelt sich gerade. Mich selbst beeindrucken die Brüche, die Unsicherheiten und Verschiebungen in seinem Werk viel mehr als das kraftvoll Überzeugende.“

Beeindruckend sind die intensiven, fast schon psychologisch zu deutenden Farben

Wobei es doch auch immer wieder diese Wucht ist, die sich aus dem dynamischen Pinselstrich geriert und die den Betrachter fasziniert. Und da sind die intensiven, fast schon psychologisch zu deutenden Farben in seinen Bildern: „Im Auto“, das die Familie Beckmann 1914 während einer Fahrt zeigt, bleibt der Blick beim irisierend-grünen Hut des Malers hängen. Im Bild „Simson und Delila“ (1912) sind Himmel und Landschaft in ein eigenartiges Türkis getaucht.

Am Ende seines Schaffens schien Max Beckmann ermüdet zu sein von der Suche nach dem typisch Weiblichen und Männlichen. Er kam zu dem Schluss, dass jedes Individuum aus weiblichen und männlichen Anteilen bestehe und die Menschheit aus einem einzigen, an­drogynen Geschlecht entstanden sei. Auf einem Gemälde meint man, ein Glas Champagner (Beckmanns Lieblingsgetränk) zu sehen; es ist aber in Wahrheit die Ursuppe. Beim neuen Format „Blickwechsel“ können sich Besucher jeden Sonntag mit Experten unterschiedlicher Disziplinen über kontroverse Themen wie diese austauschen.

„Max Beckmann. weiblich-männlich“ bis 24.1.2021, Hamburger Kunsthalle (U/S Hauptbahnhof), Glockengießerwall 5, Besuch über Einlassfenster-Tickets, Do bis 21.00, Fr/Sa bis 20.00 geöffnet, Eintritt 14,-/8,- (ermäßigt), www.hamburger-kunsthalle.de