Ausstellungen

Bilder eines anderen Amerikas in den Deichtorhallen

Jerry Berndt, selbst Teil der Protestbewegung, dokumentierte einen Marsch gegen den Vietnam-Krieg in „Detroit, 1970“.

Jerry Berndt, selbst Teil der Protestbewegung, dokumentierte einen Marsch gegen den Vietnam-Krieg in „Detroit, 1970“.

Foto: courtesy The Jerry Berndt Estate 2020

Im US-Wahlkampfjahr zeigen die Deichtorhallen die sozialkritischen Fotografen Jerry Berndt und Matt Black.

Hamburg. Kunst als Antwort auf das Leben als Ganzes – so hatte Intendant Dirk Luckow die Systemrelevanz der Museen in diesen schwierigen Zeiten beschrieben. Mit einem Ausstellungsduo aus dokumentarischer, sozialkritischer Fotografie bezeugen die Deichtorhallen aktuell einmal mehr ihren wichtigen diskursiven Beitrag zu gesellschaftspolitischen Themen. Im brisanten Wahlkampfjahr blickt die Welt auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Zwei Fotografen haben genauer hingesehen und den Finger in die Wunden gelegt: Jerry Berndt (1943–2013) und Matt Black (Jahrgang 1970).

Jerry Berndts Ausstellung „Beautiful America“ führt in die jüngste Vergangenheit des Landes. Der amerikanische Fotograf und Fotojournalist dokumentierte wie kein anderer die soziale Verfassung seiner Heimat in der Zeit zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren. Auf einem Plakat prangert ein kleiner schwarzer Junge die tödliche Polizeigewalt gegen schwarze Häftlinge beim Gefängnisaufstand in Attica an. Dem Bild gegenübergestellt sind zwei FBI-Beamte, die während einer Parade die amerikanische Flagge kampflustig schwenken; ihr Hemdkragen ziert das Ungleich-Zeichen. Wir sehen demonstrierende Vietnam-Veteranen und daneben einen Soldaten, der ein Kriegsgrab bewacht.

Berndt, der in der amerikanischen Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg, gegen Rassismus und Atomkraft aktiv war und selbst eine Zeit lang vom FBI verfolgt wurde, offenbarte in seinen Bildern ungelöste Konflikte des Landes. Er porträtierte die Menschen der Mittel- und Arbeiterklasse und die Bewohner der oft ignorierten Gettos. Er wollte mit seinen Bildern dafür sorgen, dass Massenmedien anders, nämlich wahrheits­getreu, berichten. Das Erschreckende: Die Schwarz-Weiß-Fotografien haben nichts von ihrer Aktualität verloren; noch immer ist das Land von Rassismus, sozialer Ungleichheit und der Macht­losigkeit der Schwächeren geprägt.

Die Schönheit der USA, buchstäblich gebrochen

Kuratorin Sabine Schnakenberg faszinieren vor allem die Stillleben – triste, verwahrloste Straßenzüge, darin verlorene Menschen. „Jerry Berndts sensible und empathische Blickweise legt sich wie ein Schleier der Melancholie über typisch amerikanische Szenerien in Autohäusern, Diner und bei Schönheitswettbewerben. Wir sehen durch ihn ein anderes Amerika.“ „Beautiful America“ zeigt die buchstäbliche und ironisch gebrochene Schönheit der USA.

Wie sich politischer Protest heute weltweit formiert, zeigt der Exkurs „#Protestgoesviral. Bilder des Aktivismus auf Instagram“. „Durch Hashtags, die Verschlagwortung in bildbasierten sozialen Medien, können sich User gezielt informieren und beteiligen“, so Projektleiterin Paula Michalk. Flat Screens zeigen akute Themen von „Fake News“ über „Climate Strike“ bis zu „Black Lives Matter“. Instagram-Posts werden zu Zeitdokumenten erhoben, die dokumentarische Fotografie wird zu einem der wichtigsten Kommunikationsmittel.

Dokumentarfotografie entfaltet kraftvolle Geschichten

„Baywatch, Disneyland, Silicon Valley und Hollywood sind großartig, aber nicht da, wo ich bin.“ Der Schlüssel zu Matt Blacks großangelegter Reportagereise durch 46 US-Bundesstaaten ist seine Herkunft, ein – wie er sagt – „verfallener Landstrich in Kalifornien“. Für „American Geography“ besuchte der vielfach ausgezeichnete Magnum-Fotograf Gemeinden, deren Armutsquote über 20 Prozent liegt und die sich geografisch miteinander verbinden lassen.

Armut und Chancenlosigkeit als kollektive Elemente der Menschen in den USA – Blacks bebilderte „Landkarte“, die durch Tagebucheinträge und persönliche Fundstücke ergänzt wird, zeigt das ganze Ausmaß des Problems, im Obdachlosen-Camp von Fresno, in einem vom Schnee zerstörten Haus in Michigan, in einer verdörrten Landschaft in Allensworth. „Mit seinen großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern und überwältigenden Landschaftspanoramen zeigt uns Black ein Land fern der unbegrenzten Möglichkeiten“, sagt Ingo Taubhorn, der mit Matt Black per Zoom kuratiert hat.

Lesen Sie auch:

Es ist die Kraft der Geschichten, die sich durch die emotionale und politisch engagierte Dokumentarfotografie beider Fotografen in den Räumen entfaltet und den Betrachter vor nicht weniger als die Frage stellt: Wie wollen wir in Zukunft leben?

„Matt Black. American Geography“, Jerry Berndt. Beautiful America“, „#Protestgoesviral. Bilder des Aktivismus auf Instagram“, 25.9. bis 3.1.2021, Haus der Photographie/Deichtorhallen (U Steinstraße, Meßberg), Deichtorstraße 1-2, Di–So 11.00–18.00, jeden 1. Do im Monat 11.00–21.00, Eintritt 12,-/7,- (ermäßigt), www.deichtorhallen.de