Kino

Die Utopie einer besseren Gesellschaft

David Copperfield wird von „Slumdog Millionär“-Star Dev Patel gespielt.

David Copperfield wird von „Slumdog Millionär“-Star Dev Patel gespielt.

Foto: Entertainment One

„David Copperfield“ ist hier im besten Sinn farbenblind – ein temporeicher, toll besetzter Film voll Schrulligkeit.

Hamburg. Mit eiligen Schritten hastet die schrullige Dame zu ihrer Schwester, um deren frisch geborenes Kind in die Arme zu schließen. Sie hat sich schon so auf ihre Nichte gefreut. Alle Hinweise, dass das Kind kein Mädchen, sondern ein Junge ist, werden von ihr geflissentlich überhört. Wie groß aber ist das Entsetzen, als die Tante das Baby in Händen hält! Mit genau so eiligen Schritten hastet sie wieder davon. Dabei müsste eine andere Erkenntnis sie viel mehr erschüttern: Das Baby ist dunkelhäutig, während die Eltern doch beide weiß sind.

Das ist der Clou der bereits 18. Verfilmung des Charles-Dickens-Klassikers „David Copperfield“: Die Titelfigur wird von „Slumdog Millionär“-Star Dev Patel verkörpert. Erst jüngst hat Burhan Qurbani in seiner Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ allein durch die Besetzung der Hauptfigur mit einem Schwarzen dessen Stigmatisierung und Ausweglosigkeit radikal auf heutige Verhältnisse übertragen. Regisseur Armando Iannucci, der für Politsatiren wie „Veep“ oder „The Death of Stalin“ bekannt ist, „erklärt“ die Besetzung in seinem „David Copperfield“ dagegen nie, nimmt sie im Gegenteil einfach für gegeben hin.

Der Cast ist konsequent ethnisch divers

Auch sonst ist der Cast konsequent ethnisch divers. Asiaten, Schwarze und Weiße spielen wie selbstverständlich in einem Kostümfilm der viktorianischen Zeit; einer Epoche, die nicht nur durch strengsten Klassendünkel geprägt war, sondern erst recht durch Kolonialismus und Ausbeutung vermeintlich niederer Rassen. Und während farbige Schauspieler in Kostümfilmen sonst meist nur dienende Rollen abkriegen, spielt hier mit der Nigerianerin Nikki Amuka-Brid ausgerechnet eine Schwarze die arroganteste, auf Klassenbewusstsein pochende Mutter von Copperfields – weißem – Mitstudenten Steerforth: überkommene Weltbilder, ins Absurde gesteigert.

„David Copperfield“ könnte somit als erster im besten Wortsinn farbenblinder, also ethnien-neutraler Film in die Geschichte eingehen. Immer öfter gab es in den letzten Jahren Shitstorms wegen „Whitewashing“, wenn farbige Rollen, wie früher selbstverständlich, von weißen Stars gespielt wurden. Andererseits wurde applaudiert, wenn schwarze oder asiatische Schauspieler Figuren spielten, bei denen im Drehbuch keinerlei Migrationshintergrund stand.

„David Copperfield“ war immer Dickens’ Lieblingswerk

Iannucci aber geht einen entscheidenden Schritt weiter: weil er diese „Farbenblindheit“ zum Konzept erhebt. So wird Martin Luther Kings berühmte Rede von dem Traum, dass seine Kinder einmal nicht mehr nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden, eingelöst. Damit ist „David Copperfield“ auch ein Film der Stunde zur derzeitigen „Black lives Matter“-Bewegung und der neu aufgeflammten Rassismus-Debatte. Und hat dabei genau die richtige Fallhöhe: Ist Dickens doch der Klassiker des englischsprachigen Kulturraums, der in all seinen Büchern die sozialen Missstände seiner Zeit anprangerte und als Gegenmodell die Utopie einer besseren Gesellschaft entwarf.

„David Copperfield“ war dabei immer Dickens’ Lieblingswerk, weil der Autor hier eigene Jugendtraumata verarbeitete (die Familie im Schuldnerhaus, er selbst Kinderarbeiter in einer Fabrik), aber auch seinen Werdegang als Schriftsteller. Auch Dickens war zunächst ein Underdog der britischen Gesellschaft. Wenn nun Dev Patel dessen Alter Ego spielt, variiert er damit seinen Slumdog. Und wie Dickens’ Ich-Erzähler im Roman sein Leben immer selbstironisch kommentiert, so steht Dev Patel als Copperfield anfangs in einem Saal des frühen 19. Jahrhunderts vor Leuten in historischen Gewändern – und hält einen modernen Filmvortrag über sein Leben.

Eine lebendige, verspielte, ideenreiche Verfilmung

Dabei greift Patel nicht nur ständig als Erzähler aus dem Off ein, er läuft auch selbst durch die Filmszenen, schaut sich etwa als Erwachsener bei der eigenen Geburt zu. Manchmal zeichnen sich die nächsten Szenen schon als Bilder auf der Wand ab – oder werden wie missglückte Manuskriptseiten zerknüllt.

Eine äußert lebendige, verspielte, tempo- und ideenreiche Verfilmung. Bei der bis in kleinste Rollen Stars wie Tilda Swinton und Ben Whishaw und Serien-Prominente wie Hugh Laurie („Dr. House“) oder Peter Capaldi („Dr. Who“) mitwirken. Die sich alle an der Lust zur Schrulligkeit schier überbieten wollen.

Eine der schönsten Bilder-Ideen ist die, wenn Patels Copperfield dem leidgeplagten Mr. Dick (Laurie) hilft. Dem schwirren permanent die Gedanken des geköpften Karl I. durch den Kopf, die er notorisch aufschreiben muss. Copperfield aber nimmt all diese Notizzettel, bastelt daraus einen Papierdrachen und lässt ihn in die Luft steigen: damit der Arme seinen Kopf freikriegt. Auch Iannucci lässt mit seinem Film solch einen Drachen steigen und hofft auf Nachahmung: weg mit allem Standes- und Rassendünkel. Kopf frei für Neues.

„David Copperfield“ 120 Minuten, ab 6 Jahren, läuft im Blankeneser, Savoy, UCI Mundsburg, Astor