Hamburg

Heiligabend mit frivolen Spielen und Witzen hart am Klamauk

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele
Die Komödie Winterhuder Fährhaus läutet mit „Swinging Bells“ die Saison ein und lässt dabei wenig Klischees aus.

Die Komödie Winterhuder Fährhaus läutet mit „Swinging Bells“ die Saison ein und lässt dabei wenig Klischees aus.

Foto: Oliver Fantitisch

Die Komödie Winterhuder Fährhaus läutet mit „Swinging Bells“ die Saison ein und lässt dabei wenig Klischees aus.

Hamburg. Wie inszeniert man in diesen Zeiten eine Beziehungskomödie? Für die Uraufführung von „Swinging Bells“ nach dem gleichnamigen Roman von René Freund hat sich Regisseurin Constanze Behrends in der Komödie Winterhuder Fährhaus für eine Plexiglasscheibe entschieden, die ein Sofa genau in der Mitte teilt.

Im Laufe des Abends muss sie so manchen Kuss aushalten. Auch Begegnungen mit Mundschutz gibt es hier zu sehen. Es wird viel gewischt und gewienert und desinfiziert. Manches davon fällt eher in die Kategorie gut gemeint. Immerhin, das Publikum der ersten Abo-Premiere seit Januar im pandemiebedingt ausgedünnten Saal goutiert den Versuch, die Umstände ironisch einzubauen.

Sommer in Hamburg, Weihnachten auf der Bühne

Hamburg steckt derzeit noch mitten im Spätsommer, aber auf der Bühne ist schon Heiligabend. Der geschmückte Weihnachtsbaum (klimaneutral im Topf) steht bereit, der Kühlschrank summt bei geöffneter Tür „Jingle Bells“, und das adrette Mittelschichtspaar um die 40 mit dem Lektor Thomas (Manuel Cortez) und der Religionslehrerin San­dra (Jenny Löffler) trägt schon mal die Rentierpullis (Kostüme: Claudia Töpritz) ein, um sich in Feststimmung zu bringen. Thomas und Sandra wirken wie ein ganz normales Paar in ihrer von Bühnenbildnerin Anja Jungheinrich möblierten Ikea-Wohnung mit abgetrennter Küche. Und sie tun das, was die meisten Paare tun, ein bisschen streiten, ein bisschen den Partner aufziehen, korrigieren. Der impulsive Thomas liebt es, die Grammatik seiner Partnerin zu verbessern. Sie wiederum ist von seiner Schlaumeierei und seinem Bio-Purismus ordentlich genervt.

Frivole Spielchen

Szenenwechsel. Ein zweites Paar, die forsche Elisabeth und ihr Freund Leo sind in einer Straße, die – Achtung Holzhammer – ausgerechnet „Holzweg“ heißt. Sie sind nach einem Internet-Chat auf dem Weg zu einem Paar zum Proseccotrinken, Frivole-Spiele-Spielen und eventuell auch mehr, Marke „Bei Sympathie Partnertausch möglich“. Leider irren sie sich in der Hausnummer und landen bei der weihnachtlich gestressten Sandra im Wohnzimmer, die in ihnen Interessenten für das per Kleinanzeigen zu entsorgende Doppelbett wähnt. So weit ist die Ausgangslage ganz gut ausgedacht im Hinblick auf mancherlei Verwicklungen und Verwechslungen.

Denn der amüsierwillige Besuch wirkt schnell verstörend. Elisabeth (Anna Eger), nach eigener Aussage Bürokraft in der Abfallwirtschaft, trägt unterm Pelz ein tiefes Dekolleté, entledigt sich ihrer Overknees und lümmelt sich bald sehr lasziv auf dem Sofa. Leo, der einen Online-Handel mit Anglerwaren betreibt, war skeptisch, doch jetzt findet er San­dra ganz süß. Das Problem ist, so richtig sympathisch kommt keine der Figuren rüber. Elisabeth ist bei der sonst eher feinnervigen Anna Eger routiniert sinnlich und überheblich. Jaron Löwenbergs Leo wirkt auf unkomplizierte Weise nett, offenbart sich aber als Muttersohn, den seine erste Ehefrau aus Langeweile verlassen hat. Jenny Löffler gibt Sandra viel Natürlichkeit, aber auch Verspanntheit. Und Manuel Cortez muss als Thomas den impulsiven Bücherwurm-Nerd geben.

Witze hart am Klamauk

Man plaudert munter aneinander vorbei. Und langsam steigt die Anspannung. Denn die Situation hat etwas vom Feind im eigenen Haus. Unmerklich rutscht der Dialog unter die Gürtellinie und mit reichlich freudschen Versprechern immer weiter ins kaum mehr verklausulierte Sexuelle. Thomas spricht vom Doppelbett, das einiges zu bieten habe. „Kingsize. Flexibel, hart und sanft zugleich, sehr stabil.“ Leo und Elisabeth verstehen darunter aber etwas ganz anderes. Elisabeth redet von Intimrasur, Sandra von Keksen. „Probiert mal! Iss’n bisschen trocken vielleicht, wie das Leben.“ Manche Witze sind doch hart am Klamauk gebaut. Noch vor der Pause wird das Missverständnis aufgelöst. Damit entfällt aber auch der Kern der Komödiensituation. Was kann da noch folgen? Frivole Spiele spielen.

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Der Rest des Abends ist eigentlich ein verlängertes „Wahrheit oder Pflicht“ oder „Flaschendrehen“, es hagelt Bekenntnisse, ein paar Peinlichkeiten, geheime Sehnsüchte und unbequeme Wahrheiten, Insiderwissen über Spielzeuge, rührende Füße, begehrte Griechen. Meist geht es dabei um Sex, manchmal auch um eine brutal romantisierte Liebe, wie sie eher in Schlagern besungen wird. Und manchmal wird es unverhofft und in einem harten Schnitt ernst, etwa beim Thema Kinderwunsch.

Kein Klischee wird ausgelassen

Und so verliert über dem Swingerclub-Motto „Alles kann, nichts muss“ die Handlung langsam ihren Fokus. Zwar bleibt das Tempo den ganzen Abend über erfreulich hoch. Das Quartett agiert perfekt aufeinander eingespielt. Aber die Anlässe für Erhitzung und Streit wirken teilweise künstlich. Kein Klischee wird ausgelassen, vom nerdigen Germanisten bis zur – natürlich – eher klemmigen Religionslehrerin.

Es steckt natürlich auch Wahrheit in dem Soff. Manchmal sorgt ein Blick nach außen für neuen Schwung in einer festgefahrenen Zweisamkeit. Und immerhin für beschwingt bimmelndes Weihnachten.

„Swinging Bells“ weitere Vorstellungen bis 25.10., Komödie Winterhuder Fährhaus, Hudtwalckerstraße 13, Karten unter T. 48 06 80 80 oder unter www.komoedie-hamburg.de