Hamburg

Gefährliche Pointe: Bestürzt verließ man das Allee Theater

Unter der Regie Alfonso Romero Moras wird eine modernisierte „Carmen“ zum verstörend unbefriedigenden Erlebnis .

Unter der Regie Alfonso Romero Moras wird eine modernisierte „Carmen“ zum verstörend unbefriedigenden Erlebnis .

Foto: Fluegel Joachim Sodentwiete 3, 22337 Hamburg 040505025 / Fluegel Joachim

Unter der Regie Alfonso Romero Moras wird eine modernisierte „Carmen“ zum verstörend unbefriedigenden Erlebnis .

Hamburg.  Georges Bizets „Carmen“ eignet sich besonders gut für reduzierte Kammerfassungen ohne Chöre und ohne Nebenrollen im Solistenensemble, denn die Handlung konzentriert sich im Wesentlichen auf vier Hauptpersonen. Selbst das Klangfarben-reiche Orchester mit Kastagnetten und Tamburins lässt sich durch ein kammermusikalisches Instrumentaltrio ersetzen, wie es die Hamburger Kammeroper bei ihrer Premiere von „Carmen – eine neue Passion“ am Freitag bewiesen hat.

Das Wörtchen „Passion“ und die damit verbundenen Assoziationen zur Leidensgeschichte Jesu im Titel der Bearbeitung konnte aber stutzig machen. Erst recht, nachdem klar wurde, dass die Inszenierung nicht der Originalgeschichte folgte, sondern vom spanischen Regisseur Alfonso Romero Mora ins Spanien der Gegenwart verlagert wurde und mit Klischees in alle (Weltreligions-)Richtungen nur so um sich warf.

Carmen als Drogendealerin, die sich selbst befriedigt

An die Stelle des Volksvergnügens Stierkampf, das das Kolorit dieser Oper ja so prägt, treten in Moras Fassung für vier Sänger gesellschaftliche Kämpfe, denen wir heute in einer Multikulti-Bevölkerung ausgeliefert sind. Carmen ist keine Zigeunerin, sondern eine Studentin, die sich zu Beginn benimmt wie eine durchgeknallte deutsche Touristin an ihrem ersten Urlaubstag. Ihr späterer Geliebter Don José heißt Yussef und stammt aus den Maghreb-Staaten wie die ihm nach arabischer Sitte versprochene Braut Malak, die natürlich ein Kopftuch trägt. Yussef betreibt einen Andenkenladen, wie es Touristen von spanischen Strandpromenaden kennen, und lässt sich von Carmen verführen, die sich allerdings als Drogendealerin entpuppt. M

an hätte aus dieser Idee ja was machen können, wenn man die Geschichte konsequent weitererzählt und die ausgewählten Arien besser auf Französisch statt auf Deutsch in holpriger Neudichtung von Barbara Hass gesungen hätte. Stattdessen verloren sich diese Figuren im Eifersuchtsdrama, im Sex and Crime; wir mussten mit ansehen, wie sich Carmen kurz vor Escammillos Torero-Arie selbst befriedigte.

Feline Knabe der Carmen-Partie kaum gewachsen

Sängerisch und schauspielerisch war Feline Knabe der Carmen-Partie nur mäßiggewachsen. Ihr fehlten der Charme und die Aura einer Verführungskünstlerin, was sie durch grimmige Unzufriedenheit und Wutausbrüche zu ersetzen suchte. Weil ein ursprünglich für die Partie des José/Yussef engagierter Tenor verhindert war, sprang anstelle eines Ersatz-Tenors der Bariton Robert Elibay-Hartog kurzfristig in die Bresche und scheiterte kläglich. Einen guten Eindruck machte dafür die Sopranistin Natascha Dwulecki mit ihrer bewegend lyrischen Zeichnung der Malak. Unbestritten der Beste war aber Titus Witt, der mit seinem kraftvollen Bassbariton die fehlende Wucht des großen Orchesters voll und ganz zu ersetzen verstand.

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Schockierend, ja gefährlich war allerdings Regisseur Moras unverständ­liche Schlusspointe. Yussef streitet mit Carmen, erschlägt aber eine Schaufensterpuppe ausgerechnet mit dem Schaft einer spanischen Flagge. Daraufhin breitet Carmen mit dem Rücken zur Wand ihre Arme aus wie der gekreuzigte Jesus und wird von Malak mit einer Pistole erschossen. Was sollte das bedeuten? Carmen als Christin und Opfer, die an Liebe zugrunde geht, und eine Muslima als Mörderin und Rächerin?

Bestürzt verließ man das Allee The­ater!