Hamburg

Staatsoper, Schauspielhaus, Thalia – die wichtigsten Termine

Lesedauer: 3 Minuten
Das Schauspielhaus-Ensemble um Sandra Gerling (vorne Mitte) probt den Abstand mit Schwimmnudeln.

Das Schauspielhaus-Ensemble um Sandra Gerling (vorne Mitte) probt den Abstand mit Schwimmnudeln.

Foto: Arno Declair

Die Hamburger Musik- und Theater-Saison 2020/2021 ist eine besondere. Hier finden Sie Highlights im Überblick.

Hamburg. Der Name des Autors Rainald Goetz ist mit der Geschichte des Deutschen Schauspielhauses eng verwoben. Bereits in den 1980er-Jahren hat Goetz hier mit Uraufführungen von Stücken wie „Irre“ Erfolge gefeiert. Unvergessen ist bis heute die Uraufführung von „Jeff Koons“ durch Stefan Bachmann vor über 20 Jahren. Doch danach kehrte der Autor dem Hamburger Haus erst einmal den Rücken. Bis jetzt.

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Nun ist an dieser bedeutsamen Stätte sein Stück „Reich des Todes“ zu sehen, eine seismografisch genaue Beobachtung von Zerrüttungen der Menschlichkeit. Regie führt die Hausherrin Karin Beier, das Ensemble ist mit Darstellern wie Sandra Gerling und Markus John glänzend besetzt, ergänzt um Stars wie Sebastian Blomberg und Burghart Klaußner.

Ausführliche Schilderung der historischen Ereignisse

Der Zuschauer blickt auf eine krisengeschüttelte Welt. Das Geschehen spielt in den Nullerjahren, der Ort wird als „im Krieg“ angegeben. Der erste Akt spielt in der „Schlucht“ und verweist auf den gleich­namigen Werkzyklus, an dem Götz seit 2007 schreibt und der die erste Dekade des 21. Jahrhunderts verarbeitet.

Das eigentliche „Reich des Todes“ setzt mit den einstürzenden Twin Towers am 11. September 2001 ein. Er stellt Bezüge her zum „Krieg gegen den Terror“, wie ihn George W. Bush nach den Terroranschlägen des 11. September proklamierte. Mit all ihren Geheimdienstoperationen und Foltermethoden und manchem Aushebeln des Völkerrechts – etwa im Irakkrieg. Die historischen Ereignisse samt der mühsamen Aufarbeitung schildert der Abend in aller Ausführlichkeit.

Lebendiges Theater

Goetz belässt es aber nicht dabei, vielmehr nimmt er den Sündenfall des Westens, die Folter, zum Anlass, durch die Geschichte der Jahrhunderte zu navigieren und anhand der Namen der vorgeführten Administrationen Assoziationen vom preußischen Kriegsminister Roon bis zum ehemaligen Hamburger Innensenator Roland Schill aufzurufen. Das anspielungsreiche Stück dient ihm zur Untermauerung seiner gewichtigen politischen These: Krisen können Autokraten und Diktatoren in die Hände spielen und Demokratie-Prozesse aushebeln.

Das Stück sei auf den ersten Blick ein Lesedrama, das durchaus nerven könne, äußerte sich Rita Thiele, Chefdramaturgin des Schauspielhauses im Vorfeld, allerdings entwickle es bei genauerer Lektüre eine Energie, die Spaß mache. Die Energie ist in der Inszenierung, die vor allem im ersten Teil virtuos mit Körpereinsatz, Text, Tanz, Video und Musik jongliert, spürbar. Die Schauspieler rennen, springen, fallen, tanzen, und singen, dass der Abend trotz des beklemmenden Themas und zahlreicher Gewaltschilderungen zu lebendigem Theater findet.

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Rainald Goetz, promovierter Althistoriker und Arzt, machte sich als Autor der Techno-Bewegung wie der Popliteratur der 1980er- und 1990er-Jahre einen Namen. Zuletzt hatte Goetz, der in Berlin lebt, mit seinem Internet-Tagebuch „Abfall für alle“ Aufsehen erregt. Der Weg von „Reich des Todes“ setzt mit jenem ersten Projekt 2007 ein, mündete in einen regelmäßigen Besuch der Pressetribüne des Bundestages und einem exakten Sezieren des politischen Betriebes.

Davon kündet der sehr analytische, und mitunter überfordernde zweite Teil des sich über vier Stunden erstreckenden Abends, wenn die Handelnden in langen Monologen und in Gestalt eines mit Wucht präsentierten Oratoriums mit der Aufarbeitung der Verbrechen beginnen.

„Reich des Todes“ 19.9., 2.10., 15.10., 30.10., jeweils 19.30, Schauspielhaus. Karten zu 15,- bis 74,- unter T. 24 87 13