Ein Film wie ein lebendig gewordenes Stillleben

Der Schwede Roy Andersson („Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“) stellt in seinen existenzialistischen Filmen gerne viele Fragen. Über den Sinn des Lebens und die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins. Er erzählt von verzweifelten Menschen, deren kleiner Überlebenskampf immer auch absurde Züge annimmt und von purer Schönheit vor dem Hintergrund größter historischer Tragik.

So schwebt in seinem neuen, gerade einmal 76 Minuten langen Werk „Über die Unendlichkeit“ ein eng umschlungenes Liebespaar über den Wolken einer kriegszerstörten Stadt. Adolf Hitler (Magnus Wallgren) wird in einer anderen, nennen wir sie filmischen Miniatur, im Führerbunker mit einem sehr müden „Sieg Heil“ begrüßt. Eine geschlagene Armee zieht in einem anderen Bild Richtung Gefangenschaft. Diese drei Vignetten könnte man nun zu einem Gesamtbild fügen. Muss man aber nicht. Willkommen also in Anderssons assoziativem Kopfkino!

Der mehrfach preisgekrönte Regisseur verzichtet auf eine klassische Erzählung, er bietet keine gängige filmische Dramaturgie von Konflikt und Lösung, er bietet auch keine Identifikation mit einem Protagonisten an. Sondern? Er malt nicht wie ein Maler ein großes Bild, sondern setzt vielmehr kleine, einzelne Farbtupfer. Verbinden darf sie dann der Zuschauer. Zu seinem ganz persönlichen Bild. Beispiele? In einem weitgehend leeren, sicherlich eleganten Restaurant gießt ein tütteliger Kellner viel zu viel Rotwein in das kleine Glas eines Zeitung lesenden Gastes. Ein Mann kommt in einen weitgehend leeren Raum und sucht nach einer bestimmten Frau. Als er sie nicht findet, geht er einfach wieder. Ein Mann ohrfeigt in einer Markthalle unversehens eine Frau. Dann sagt er, dass er ohne sie nicht leben kann.

Lebendig gewordene Stillleben dies alles, betont langsam gespielt und arrangiert wie ein Gemälde von Edward Hopper. Es gibt eben keine einfache Lösung in diesem Film, der anspruchsvoll ist und leicht zugleich.

„Über die Unendlichkeit“ 76 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton, Koralle, Zeise