Pohlmann

„Ich stand heulend da mit einem Schrauber in der Hand“

Ingo Pohlmann, 1972 in Rheda-Wiedenbrück geboren, veröffentlichte 2006 sein erstes Album: „Zwischen Heimweh und Fernsucht“.

Ingo Pohlmann, 1972 in Rheda-Wiedenbrück geboren, veröffentlichte 2006 sein erstes Album: „Zwischen Heimweh und Fernsucht“.

Foto: Benedikt Schnermann

Der Hamburger Sänger Ingo Pohlmann spricht über sein neues Album „Falschgoldrichtig“, Stimmen im Kopf und späte Abschiede.

Hamburg.  Es ist nicht nur wegen Corona nicht gerade das beste Jahr für den Hamburger Songschreiber Ingo Pohlmann. Privat und gesundheitlich waren einige Krisen zu meistern, wie auf seinem neuen Album „Falschgoldrichtig“ zu hören ist. Zudem wurde bei einem Einbruch die Figurensammlung des großen „Star Wars“-Fans gestohlen. Die Yoda-Weisheit „Lernen, loszulassen du musst“ gilt in diesem Falle nicht: In Pohlmanns Büro in Altona stehen schon neue Kartons mit „Star Wars“-Fanartikeln. Eine neue Hoffnung.

Hamburger Abendblatt: Herr Pohlmann, beim „Einer kommt, alle machen mit“-Benefizkonzert im Juni traten Sie trotz eines Hörsturzes in der Elbphilharmonie auf. Haben Sie den überstanden?

Ingo Pohlmann: Leider nicht. Ich hatte vier Hörstürze im vergangenen halben Jahr, die immer zu neuen Tinnitusformen führten, zu Cortison-, Chiropraktiker- und Physiotherapien. Mittlerweile habe ich keinen kleinen Mann, sondern ein ganzes Orchester im Kopf.

Das klingt jetzt nicht nach idealen Arbeitsbedingungen für einen Musiker.

Pohlmann: Das Arbeiten ist nicht das Problem, aber wie will man so leben? Ich hatte einige private Herausforderungen, die ich versteckt habe, um sie später zu lösen. Daher fand ich auch Corona und die ausgefallenen Konzerte anfangs nicht so schlimm und freute mich auf eine Entschleunigung. Stattdessen hat sich doch viel Druck in mir aufgebaut.

Da überrascht es nicht, wenn das neue Album mit den sehr schattigen Songs „Dunkle Gedanken“, „In deinen Schuhen“ und „Noch kann ich verstehen“ beginnt.

Pohlmann: Auf der Platte werden verschiedene Erlebnisse betrachtet, das geht vom Tod über die Flüchtlingskrise bis zum überarbeiteten DHL-Boten, der gegen den Baum fährt. Aber ich singe auch über einen schönen Spaziergang mit meiner Tochter in „Der Fluss“ und die Liebe, die ich für sie empfinde. Ich war eigentlich immer ein Zweifler und Grübler, aber immer mit Licht am Ende des Tunnels. Sonst könnte ich ja gar nicht auf die Bühne gehen, wer will denn zu einer depressiven Show kommen?

„Selbstmitleid ist nicht mein Ding“ singen Sie ja auch.

Pohlmann: Künstler arbeiten immer daran, sich gut darzustellen, auch vor sich selbst. Es ist zwar wichtig, sich auch mal selber zu bedauern und in den Arm zu nehmen, aber das Schwert, was man gegen sich selber führt, ist immer sehr scharf.

Sie teilen sehr viel auf diesem Album über sich selber mit, zum Beispiel in „Schulweg“: Haben Sie früher auf die Nase bekommen?

Pohlmann: (lacht) Durchaus habe ich die eine oder andere Schelle gefangen. Aber ich hatte auch immer starke Beschützer, auf die ich mich verlassen konnte. Einer davon gehörte auch zu den Schlägertypen, mochte mich aber, obwohl ich ein ziemlicher Hänfling war. Leider wurde ich später nicht 1,90 Meter groß wie eines der anderen Opfer, das dann mit 16 alte Rechnungen beglichen und die bösen Jungs durchgeknetet hat.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Applaus ist auch ein Brot des Künstlers, davon ist derzeit aber wenig zu haben.

Pohlmann: Ein Schauspieler hat mir mal gesagt: „Ihr Musiker, Schweinebande, kriegt nach jedem Lied Applaus. Dafür muss ich 90 Minuten Theater spielen und am Ende zweimal den Rücken krumm machen.“ Da hat er recht, alle vier Minuten kriege ich einen wahnsinnigen Adrenalinschub, und ich hoffe, dass ich bald wieder regelmäßig Konzerte geben kann und die Energie, die Band und die Menschen auch meine Ohren wieder richten.

Ein bemerkenswertes Lied ist „Unterwasser atmen“, wo Sie in Monologform einen Tag in Ihrem Leben nacherzählen, von einem Blick auf ein Bild Ihrer Tochter geht es in die Elbphilharmonie und in den Stadtpark und dann mit einem Date durch Kiezkneipen, zum Elbstrand und zu einer gemeinsamen Nacht. Haben Sie Ihr Tagebuch vertont?

Pohlmann: Die Idee hatte mein Produzent Philipp Schwär, der mich fragte, ob ich Tagebuch schreibe. Ich verneinte, dafür bin ich zu faul. Er bat mich, als Hausaufgabe zwei Seiten über irgendeinen Tag aufzuschreiben. Und da habe ich diesen irren Tag mit zwei Konzerten genommen, wo ich nach neun Jahren Beziehung als Solo-Typ aus einem Tunnel gekommen bin. Es war so toll wie in dem Niels-Frevert-Lied: (singt) „Und vom Himmel her seufzten die Geigen.“

Wie viele Songideen wie „Taxischein“ entstehen bei Taxifahrten?

Pohlmann: Oh, einige. In Münster bin ich mal mit einer ganzkörpertätowierten Frau gefahren, die in den 70ern aus Udo Lindenbergs Paniktruppe geworfen wurde. Aber der Fahrer in „Taxischein“ hat mir die Augen geöffnet. Kommt aus Afghanistan, kann nach einem halben Jahr Deutsch und hat ein Taxischein. Als ich sagte, dass ich kaum nach einem halben Jahr in Kabul Paschtunisch sprechen und alle Straßen kennen könnte, sagte er: „Taxischein ist einfach bei uns, wo keine Straßen sind, gibt es auch keine Straßennamen.“

Haben Sie lange mit dem Lied gehadert?

Pohlmann: Ja, wenn du ein Lied über Flüchtlinge schreibst, über ein Kind, dass über Bord geht, das ist so heftig und ernsthaft, das mich das selber jedes Mal hart erwischt. Trotzdem bin ich ein Künstler, ich mache das zu Geld, da habe ich sehr mit mir gerungen. Aber letztendlich bilde ich nur die Welt ab, in der wir leben. Und das habe ich musikalisch auf jedem meiner Alben umgesetzt.

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Es gab bei Ihnen immer mehr zu hören als Luftig-Leichtes wie „Wenn jetzt Sommer wär“, politisch wie persönlich. Zum Beispiel nehmen Sie jetzt nach mehr als 20 Jahren mit „In deinen Schuhen“ Abschied von Ihrem gestorbenen Bruder.

Pohlmann: „Wenn jetzt Sommer wär“ erlaubt mir bis heute, zu singen und zu texten, was ich will. Aber manches braucht seine Zeit. Ich war im Baumarkt, und dort lief im Radio „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer über seine gestorbene Frau. Alles kam hoch, ich stand heulend da mit einem Schrauber in der Hand und habe dann in zehn Minuten „In deinen Schuhen“ geschrieben, so schnell wie „Wenn jetzt Sommer wär“.

Pohlmann live: Do 10.9., 20.00, Musikpavillon Planten un Blomen, Jungiusstraße, Karten 28,50 im Vvk. unter www.draussenimgruenen.de