Hamburg

Abend mit Nobelpreisträgerin im Thalia Theater

Olga Tokarczuk, Autorin, Pilzesammlerin, Exzentrikerin. Markenzeichen: der kunstvoll gelegte Zopf.

Olga Tokarczuk, Autorin, Pilzesammlerin, Exzentrikerin. Markenzeichen: der kunstvoll gelegte Zopf.

Foto: Fabian Hammerl

Schriftstellerin Olga Tokarczuk diskutierte und Ensemblemitglied Rafael Stachowiak las aus „Die grünen Kinder“.

Hamburg.  2019 erhielt die polnische Autorin Olga Tokarczuk den Literaturnobelpreis. Das ging im deutschsprachigen Raum ein wenig unter, weil im selben Jahr auch Peter Handke geehrt wurde, und zu dieser umstrittenen Entscheidung hatte so ziemlich jeder eine Meinung. Am Thalia Theater aber hat man Tokarczuk im Blick: Nächstes Frühjahr wird Ewelina Marciniak hier den Roman „Die Jakobsbücher“ ihrer Landsfrau inszenieren. Und vergangenen Dienstag war Tokarczuk ans Alstertor eingeladen, zu ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten.

Thema war ihre jüngst auf Deutsch erschienene Erzählung „Die grünen Kinder“, in der ein schottischer Botaniker im Jahr 1656 ins zwischen den Weltmächten zerriebene Polen reist und dort ein eigenartiges Naturphänomen entdeckt, das sich zur gesellschaftlichen Utopie auswächst. Gelesen wurde der deutsche Text von Thalia-Ensemblemitglied Rafael Stachowiak, geboren im oberschlesischen Sosnowiec und so in der Lage, die polnischen Namen korrekt auszusprechen. Und zwischen den Passagen diskutierten Tokarczuk und ihre Lektorin Olga Mannheimer, im unkonventionellen Wechsel zwischen Polnisch und Deutsch. Immerhin: Im Publikum saßen viele des Polnischen mächtige Zuhörer.

Tokarczuk ist Exzentrikerin

Eine echte Lesung war der Abend nicht: Tokarczuk und Mannheimer führten ein Gespräch, das einerseits wiederkehrende Motive in der Literatur der 58-Jährigen thematisierte, andererseits ihre Position im politisch repressiven Polen der Gegenwart in den Blick nahm. Und Stachowiak las den literarischen Text vor allem zur Konkretisierung der diskutierten Aspekte – um tatsächlich einen umfassenden Einblick in Tokarczuks Werk zu erhalten, waren die 90 Minuten zu kurz. Und in Teilen auch zu kurzweilig, als mäanderndes Gespräch, das von Carl Gustav Jungs Konzept der „Heldenreise“ (Tokarczuk ist studierte Psychologin) problemlos auf den Symbolgehalt von Frisuren kommen konnte.

Aber: Frisuren sind wichtig, auch in „Die grünen Kinder“, wo der Protagonist lang über die „Plica polonica“, den „Weichselzopf“, als Ausdruck der polnischen Volksseele räsoniert. Auch Mannheimer bezeichnete Tokarczuks auffällige Frisur als Markenzeichen der Autorin: einen kunstvoll geflochtenen, vogelnestartigen Zopf, den die Lektorin als „hexenhaft“ beschrieb – und bemerkte, dass sich an dieser Frisur Animositäten der polnischen Öffentlichkeit gegenüber der Nobelpreisträgerin entzündeten. Tokarczuk ist Exzentrikerin, und Exzentrikerinnen mag eine autoritäre Gesellschaft nicht. Dass sie in ihren Texten auch Spitzen gegen Kirche und konservative Politik versteckt, tut ihr Übriges.

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Doch was heißt das: Exzentrikerin? Im klug geführten Gespräch wurde die Bewegung „aus dem Zentrum“ als wichtigstes Element von Tokarczuks Literatur deutlich. „Einst lag die Mitte der Welt in Griechenland“, glaubt der Protagonist in „Die grünen Kinder“, „heute ist sie zweifellos in Frankreich zu finden.“ Und von Paris aus gesehen ist die polnische Provinz weit weg von dieser Mitte der Welt – ein Ort, an dem die Realität brüchig wird. Aber auch ein Ort, an dem Mannheimer unkonventionelles Denken vermutete: „Das Zentrum ist ein Ort der festgefahrenen Überzeugungen, die Peripherie stellt diese Überzeugungen infrage.“ Und Tokarczuk bestätigte, dass „Die grünen Kinder“ ein „Lob der Randgebiete“ sei, „nicht nur im geografischen Sinne, sondern auch als Grenzregion unseres Verstandes, den wir nicht immer ganz ausschöpfen“.

Zur Person:

  • Die Schriftstellerin und Psychologin Olga Tokarczuk, Jahrgang 1962, erhielt im Herbst 2019 den Nobelpreis rückwirkend für das Jahr 2018, in dem die Verleihung ausgefallen war. Ins Deutsche übersetzt sind u. a. ihre Romane „Gesang der Fledermäuse“ und „Die Jakobsbücher“, ein fast 1200 Seiten starkes Werk über die polnisch-litauische Adelsrepublik des 18. Jahrhunderts. Tokarczuks „Opus magnum“ soll, inszeniert von der polnischen Regisseurin Ewelina Marciniak, im März am Thalia Theater herauskommen.

In solch einer Grenzregion lebt auch Tokarczuk selbst: nicht in der Hauptstadt Warschau, sondern in einem Außenbezirk von Breslau. Außerdem habe sie ein Landhaus im Eulengebirge, erzählte Mannheimer, nahe der tschechischen Grenze, und diese Grenze überquere sie manchmal beim Pilzesammeln. Ein schönes Bild: eine hexenhafte Nobelpreisträgerin, die sich auf der Suche nach Pilzen aus dem Zentrum herausbewegt. Und das polnischkundige Publikum lachte – lange bevor der Satz übersetzt war.