Premierenkritik

Hardy Krüger jr. gibt den todkranken, aber hungrigen Lehrer

Mit Abstand Im Bett: Arthur (Hardy Krüger jr.) weiß nach der Nacht mit Claire (Anna Grisebach) nicht, wo ihm der Kopf steht.

Mit Abstand Im Bett: Arthur (Hardy Krüger jr.) weiß nach der Nacht mit Claire (Anna Grisebach) nicht, wo ihm der Kopf steht.

Foto: Oliver FantitscH / Oliver Fantitsch

Komödie Winterhude gelingt mit „Arthur & Claire“ der Neustart nach einem halben Jahr Pause. Anna Grisebach erweist sich als Gewinn.

Hamburg.  Wie erreicht man zu Corona-Zeiten Nähe trotz Distanz? Diese Frage hat sich auch die Komödie Winterhuder Fährhaus gestellt. Fast ein halbes Jahr lang war die große Hamburger Privatbühne geschlossen. Auf Premierenfeiern müsse man leider vorerst verzichten, erklärt Theaterleiterin Britta Duah den 155 zugelassenen Gästen vor dem Neustart mit „Arthur & Claire“.

35 verschiedene Fotos von Künstlern, die in der kommenden Spielzeit in Winterhude auftreten, sollen auf den frei bleibenden Sitzen im 600-Plätze-Saal dennoch ans Komödien-Motto „Stars hautnah“ erinnern. Auch davon, dass die Schauspieler auf der Bühne den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten müssen, werden die Zuschauer im Stück nichts merken, versichert der künstlerische Direktor Martin Woelffer.

Sie denkt an Selbstmord, er an die Sterbeklinik

Und so nehmen Arthur und Claire das Publikum mit auf einen Trip nach Amsterdam. Beide beziehen zwei getrennte Hotelzimmer, beide wollen ihrem Leben ein Ende setzen. Just als Arthur, Mitte 50, einen Abschiedsbrief an seinen Sohn verfasst, erklingt aus dem Nachbarzimmer laute Musik von Jim Morrison, Sänger von The Doors. Davon genervt, eilt er hinüber und hält Claire davon ab, Selbstmord zu begehen. Der Strick im Fenster hängt schon, sie indes immer noch durch. Die junge Frau hatte vor Jahren bei einem Autounfall Mann und Tochter verloren, findet Arthur heraus.

Dabei wollte er, Sportlehrer, Nichtraucher, an Lungenkrebs erkrankt, bei gutem Rotwein und Essen auf seinem Zimmer gewissermaßen seine Henkersmahlzeit zu sich nehmen – Arthur hat tags drauf einen Termin in der Sterbeklinik.

Josef Hader diente das Stück als Vorlage für Kinofilm

„Arthur & Claire“ ist ein weiteres Stück des österreichischen Vielschreibers Stefan Vögel, dessen Stücke „Achtung Deutsch!“, „Freundschaftsspiel“ oder „Die Niere“ in Hamburg aus der Komödie Winterhude und dem Ohnsorg wohlbekannt sind. In dieser Tragikomödie, die Vögels Landsmann Josef Hader 2017 als Vorlage für seinen Kinofilm diente, schlägt der Theaterautor trotz des ernsten Themas außer nachdenklichen zuweilen sarkastische, aber auch mal anzügliche Töne an.

Über weite Strecken des Fünf-Akters ist Dialogwitz garantiert – nicht erst, als Arthur in seiner letzten Nacht nach einem von Claire initiierten Amsterdam-Bummel mit Kennenlernen, Küche und Kiffen im Bett mit der 25 Jahre Jüngeren landet. „Ich liebe diese Stadt. Ich hätte in keiner anderen sterben wollen“, sagt sie. „Und ich hätte in keiner anderen sterben können“, entgegnet er.

Anna Grisebach zwischen Verzweiflung, Lebenslust und Verführung

TV-Star Hardy Krüger jr. gibt den Arthur bei seinem Winterhuder Debüt durchaus ausdrucksstark, ohne den Bogen komödiantisch zu überspannen, auch mit Sinn für Zwischentöne. Als echter Gewinn erweist sich die für das Hamburger Gastspiel eingesprungene Anna Grisebach: Einfühlsam changiert sie auf der Gefühls-Achterbahn zwischen tiefer Verzweiflung, neu erwachter Lebenslust und frecher Verführung. Als Arthurs im Schlussakt auftauchender Sohn David sollte Nachwuchsmann Ryan Dykes noch etwas an seiner Bühnensprache arbeiten.

Das Premierenpublikum dankte dem Ensemble dennoch mit langanhaltendem kräftigen Applaus. Die Schauspieler und Ute Willing gaben ihn in den nur lückenhaft gefüllten Saal zurück. Die Regisseurin hatte das Stück in der Komödie im Bayerischen Hof bereits 2018 in München inszeniert, hat es Winterhude nun auf (Sicherheits-)Abstand getrimmt. Sogar bei der originellen Bettszene.

„Arthur & Claire“ 4.9.-13.9., 27.10.-8.11., je 19.30, So 18.00, Komödie Winterhude (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 27,64 bis 44,- in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32, T. 30 30 98 98; www.komoedie-hamburg.de