Auf die Ohren

Drei Hamburger Stimmen von Pop über Soul bis Folk

Viel Elektronik, etwas Trap, so klingt sehr gut gemachter, moderner und urbaner Pop aus Hamburg.

Hamburg. Dass Anna-Maria Nemetz alias Annama keine Berührungsängste hat und gern ans Limit geht, sieht man schon im Video zur Single „Rockstar“: Gedreht wurde es im Normalbetrieb im Goldenen Handschuh! Respekt, das darf nicht jeder. Auch das Solo-Debütalbum „Track No. 12“ (Alienpunk) des ehemaligen Models, das in der Fashionista-Band B.O.X.E.R. sang, ist ein fettes Ausrufezeichen. Mit markerschütternden Beats, Top-Produktion und plakativ vorlauten Texten gehen Songs wie „Fehler“, „Bitte tu mir weh“, „Benzin“ oder „Lass uns nochmal miteinander schlafen“ auch in den langsamen Abschnitten ungebremst nach vorne.

Viel Elektronik, etwas Trap, so klingt sehr gut gemachter, moderner und urbaner Pop aus Hamburg. Einen Nachteil hat das zeitgeistige „Track No. 12“ allerdings: Kaum ein Lied knackt die Dreiminutengrenze, ist wohl so ein Spotify-Ding. Der absolute Höhepunkt des Albums, das zugedröhnte, herzzerfetzend gesungene „Hackedicht“, endet sogar schon nach 1:58 Minuten. Trotzdem will er drei-, viermal hintereinander angehört werden. Drehortvorschläge für das Video dazu: „Elbschlosskeller“, „Knallermann“ oder „Hausverbot“.

Von Modern geht es zu Retro zu einer der schönsten Stimmen zwischen Elbe und Rio de la Plata, die sich auch maximal engagiert für die Musikerinnen der Stadt (nicht nur) in Corona-Zeiten einsetzt: Die gute Miu hat sich nach ihrem fantastischen Doppelalbum „Modern Retro Soul“ (2019) durch das Virus keine Zwangspause auferlegen lassen und mit Abstand, aber mit Band die EP „Corona Tapes“ (Blue-Eyed-Soul) aufgenommen.

Hörbar funkiger und entgegen den Umständen bestens gelaunt besingt die auf dem Cover schutzmaskierte Miu in sieben Songs über Antriebslosigkeit („Everybody Dances But Me“), Herumhängen zwischen vier Wänden und den Folien von Schokoweihnachtsmännern („Chocolate Santa“) den derzeit wachsenden Berg von – schon wieder Folien – Aluhüten („Mount Stupid“) und die lichten Schattenseiten der Isolation („Stuck“). Ein tolles Beispiel für Inspiration und Optimismus in einer Krise, die Miu mehr als 40 Konzerte kostete. Finanziert wurden die „Corona Tapes“ wie schon „Modern Retro Soul“ durch Crowdfunding. Erneut eine gute Investition für alle, die der „Corona Blues“ so nervt wie „Yoko Ono“, um es mit Mius Songs zu sagen.

„Und all die Angst, die vorher war ist plötzlich nicht mehr da“: Nach sieben langen Jahren ist Alin Coen endlich wieder da mit einem Album, das nicht nur im Titel ein aktuell großes Bedürfnis beschreibt: „Nah“ (Pflanz einen Baum). Dabei wollte die Sängerin und Songschreiberin, die zum ersten Mal ihre Lieder im Alleingang komponierte, eigentlich mal was „Vernünftiges“ statt Musik machen: Sie studierte Land and Water Management in den Niederlanden.

Aber zum Glück bleibt sie auch auf ihrem Comeback ein Garant für mal geerdete und ruhige sowie emotionale, nah am Wasser gebaute Folk-Pop-Kleinode. „Entflammbar“ zum Beispiel ist ein guter Trost für alle, die in der Rückschau auf persönliche Enttäuschungen und schmerzhafte Einsichten gefangen sind. Die Schwerkraft von Alin Coens Schwermut zieht in den Bann, der mit dem fröhlichen Handclap-Soul-Stück „Bei Dir“ seine heitere Erlösung findet. „Du bist so schön“ heißt der erste Song des Albums, der die ganze Platte gut beschreibt. Schön. Sehr schön, dass Alin Coen wieder unvernünftig ist.