Premierenkritik

Mit „Strump“ im Ohnsorg: Dümmer, als die Polizei erlaubt

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Reckziegel
„Twee as Bonnie un Clyde“ im Ohnsorg: Ein etwas anderer Mund-Nasen-Schutz: Chantal (Birte Kretschmer) und Manni (Erkki Hopf) üben das Wichtigste, den „Överfall“.

„Twee as Bonnie un Clyde“ im Ohnsorg: Ein etwas anderer Mund-Nasen-Schutz: Chantal (Birte Kretschmer) und Manni (Erkki Hopf) üben das Wichtigste, den „Överfall“.

Foto: Oliver Fantitsch

Die Gaunerkomödie „Twee as Bonnie un Clyde“ eröffnet die Spielzeit 2020/21. Kultursenator Carsten Brosda bekam großen Applaus.

Hamburg. „Kleine handliche Produktionen“, die hatten Intendant Michael Lang und Oberspielleiter Murat Yeginer Anfang Juli bei der Vorstellung der von Corona dominierten neuen Spielzeit des Ohnsorg-Theaters angekündigt. Heißt im Fall der niederdeutschen Bühne: auch mal nur ein Schauspieler wie Oskar Ketelhut bei der Wiederaufnahme des skurrilen Kunst-Monologs „Nipplejesus“ vom kommenden Donnerstag an im kleinen Ohnsorg-Studio, maximal fünf Akteure im Großen Haus. Das Ohnsorg werde „zu einer Art Theaterlabor“, sagte Lang.

Das Hygiene- und Sicherheitskonzept des Ohnsorg hat sich in diesem Sommer bei der musikalischen Komödie „Tussipark“ und dem Gastspiel des Hamburger Musik-Comedy-Trios Bidla Buh bereits bewährt. Für ein Gaunerpärchen braucht es nur zwei Leute – „Twee as Bonnie un Clyde“. Am vergangenen Premieren-Wochenende zeigte sich: Selbst ein noch so stümperhaft agierendes Paar kann ausgeklügelte Sicherheitsauflagen nicht über den Haufen werfen geschweige denn schießen, ohne dass Lacher zu kurz kommen. 120 Besucher – mehr sind im 428-Plätze-Saal aktuell nicht erlaubt – applaudierten langanhaltend, als wäre das Haus pickepackevoll. So wie ein Geldbeutel nach einem Banküberfall.

Das Stück im Ohnsorg, eingedampft auf gut 70 Minuten

Dabei hat die Gaunerkomödie – hochdeutscher Titel: „Bonnie und Clyde – … denn sie wissen nicht, wo sind sie“ – vom Autorenduo Sabine Misiorny und Tom Müller bereits mehr als zwei Jahrzehnte auf dem Buckel. Auch die plattdeutsche Erstaufführung im Stadttheater Schleswig liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Normalerweise ein Stück fürs Tourneetheater – in Zeiten von Corona auch eines fürs Ohnsorg, übrigens wie alle weiteren Stücke für das Haus bis Januar zunächst eingedampft auf gut 70 Minuten ohne Pause.

Regisseur und Ex-Oberspielleiter Frank Grupe kann sich in dieser Zwei-Personen-Komödie in Person von Erkki Hopf und Birte Kretschmer auf zwei Ensemble-Mitglieder verlassen, die alle Facetten des komödiantischen Spiels beherrschen. Da braucht Hopf alias Manni eigentlich weder einen Geigenkasten noch eine Taschenlampe. Mit seiner Braut Chantal dringt er in ein Haus ein, das sich als ehemaliges Schuhlager entpuppt. Beide wollen es als sicheres Versteck für die Beute ihres ersten Banküberfalls nutzen.

Manni und Chantal, ein Möchtegern-Gaunerpaar

Zunächst macht sich Manni beim Hören der Radionachrichten lauthals über zwei Bankräuber lustig, die den Geldbeutel mit dem Einkaufsbeutel einer Kundin vertauscht haben. Als Chantal jedoch aus dem „Büdel“ nur Lebensmittel statt Zaster schüttelt, fällt Manni die Kinnlade runter – und Publikumsliebling Hopf kann in seiner Rolle einmal mehr den großen Meister des Scheiterns im Kleinen fein und ausgefeilt zeichnen. Birte Kretschmer füllt die Rolle des naiv-tapsigen Blondchens immer mehr mit Leben bis hin zu ungewollter Raffinesse. Macht Übung bei Manni und Chantal doch noch den Räuber?

„Kaamt wi to’t Allerwichtigste: de Överfall!“, mahnt er. „Ik will, dat dat ok allens klappt dütmol. Anners büst du wedder böös!“, entgegnet sie. Das Möchtegern-Gaunerpaar startet zwischen Neumünster und Kaltenkirchen weitere Überfälle – ist aber immer dümmer, als die Polizei erlaubt, wenn Chantal etwa versehentlich statt reißfeste blickdichte „Strump“ kauft, Manni darauf in der Bank zunächst im Dunkeln tappt und sich dann unfreiwillig demaskiert.

Stepptanz-Einlage und Flamenco-Schritte

Stets wahren Hopf und Birte Kretschmer in ihrem schnieken 30er-Jahre-Look den (Sicherheits-)Abstand. Regisseur Grupe gewährt ihm zur Auflockerung auch mal eine kurze Stepptanz-Einlage und ihr ein paar feurige Flamenco-Schritte bei den Gedanken an Rente auf Hawaii oder Heirat in „Los Vegas“. Gern noch etwas mehr davon, auch wenn zum Ende hin in Stephanie Kniesbecks Schuhlager-Kulisse noch mal richtig Bewegung kommt.

Plattdeutsch-Puristen haben bei „Twee as Bonnie un Clyde“ an Sprache und Slapstick gewiss ihren Spaß, an ausgewählten Terminen will das Ohnsorg zusätzlich einige Vorstellungen mit hochdeutschen Übertiteln anbieten.

Brosda, ein Freund von Paar-Stücken?

Am vergangenen Sonnabend saß Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in Reihe eins. „Er kommt offenbar besonders gern zu Paar-Stücken“, erinnerte Intendant Michael Lang nach Ende der Premiere auf der Bühne lächelnd daran, dass der SPD-Politiker vor drei Jahren bei „Romeo un Julia“ auch ganz vorn dabei war, damals beim Ohnsorg-Regiedebüt des jetzigen Oberspielleiters Murat Yeginer.

Solch ein großer Wurf kann eine Zwei-Personen-Gaunerkomödie in diesen schwierigen Corona-Zeiten kaum sein. Lang dankte Brosda und dessen Behörde jedoch ausdrücklich dafür, dass sie auch die Privattheater finanziell unterstützt. „Auch in der Krise soll auf den Bühnen Lustvolles und Kreatives passieren.“ Der Applaus dafür war fast so groß wie für das Ensemble.

„Twee as Bonnie un Clyde“ wieder Mi 2.9., 20.00, Sa/So, demnächst auch Mi zusätzlich 16.00, bis 30.9., Ohnsorg-Theater (U/S Hbf.), Heidi-Kabel-Platz 1, Karten ab 24,- unter T. 35 08 03 21; www.ohnsorg.de

Im Theater-Podcast „Saisonstart“ spricht Ohnsorg-Intendant Michael Lang über Planungen und Herausforderungen der Spielzeit; kostenlos unter www.abendblatt.de/podcast/saisonstart