Hamburger Quartett

Salut Salon macht mobil – mit Lkw-Konzerten im Fernsehen

Musik für die Kunst in Corona-Zeiten: Die „Truck-Tour“ von Salut Salon macht auch Halt vor der Hamburger Kunsthalle.

Musik für die Kunst in Corona-Zeiten: Die „Truck-Tour“ von Salut Salon macht auch Halt vor der Hamburger Kunsthalle.

Foto: Maria Willer / ZDF und Maria Willer

Statt mit dem neuen Programm im Thalia Premiere zu feiern, ging das Hamburger Kammermusik-Quartett auf „Truck-Tour“ – 3sat sprang auf.

Hamburg. Angelika Bachmann hat in ihrem Leben schon so einiges mitgemacht – nicht nur mit ihrer Freundin Iris Siegfried. Beide kennen sich seit der Schulzeit in den 80er-Jahren, beide haben die halbe Welt bereist, oft zusammen, fast immer mit einer Geige im Gepäck, Bachmann gern auch mal als Solistin.

Es seien bisher gewiss mehr als 100 Länder, rechnet sie ohne Koketterie vor, sogar im ansonsten völlig abgeschotteten Nordkorea hat sie gespielt. Bekannt geworden sind die beiden Hamburgerinnen Bachmann und Siegfried als Gründerinnen und prägende Köpfe des populären Kammermusik-Quartetts Salut Salon. Es tourt seit fast zwei Jahrzehnten, auch international.

„Das letzte Mal, dass wir vor und nicht in einer Konzerthalle gespielt haben, ist über 25 Jahre her“, erinnert sich Angelika Bachmann. „Da waren Iris und ich auf Weltreise und haben vor dem Eingang der Sydney-Oper Straßenmusik gemacht, damit wir uns die Nacht im Backpacker-Hostel leisten konnten.“

Alle Thalia-Termine 2020 sind abgesagt

Daran muss sie denken, als das Thema auf ihr ungewöhnliches, vor einem halben Jahr noch ungeahntes Sommerprojekt 2020 kommt: ein konzertanter Roadtrip durch Hamburg statt der Premiere des neuen Salut-Salon-Programms, das mit schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre im Thalia Theater auf die Bühne kommt. „Die Magie der Träume“ lautet der Titel der neuen Konzertshow. Am 1. Juli wäre Premiere gewesen. Die und alle weiteren Thalia-Termine 2020 wurden abgesagt – Ersatztermine für 2021 noch offen.

Als sich das Coronavirus Ende vergangenen Jahres in China ausbreitete, hatte Angelika Bachmann auf Sri Lanka in einem Projekt der Kindernothilfe gearbeitet. „Nachdem ich gesehen hatte, wie schnell in Asien das öffentliche Leben heruntergefahren wurde und die Infektionszahlen in Deutschland immer höher wurden, war mir ziemlich schnell klar, dass wir unsere Premiere erst einmal verschieben müssen“, erzählt sie.

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Cellistin Anna-Lena Perenthaler verkaufte Spargel

Die Zwangspause traf Bachmann wie viele freischaffende Musiker. Derweil besann sich die Frau mit den vielen Professionen und Neigungen – die 47-Jährige hat außer Musik noch Philosophie, Germanistik und Pädagogik sowie Psychologie studiert – in der Corona-Krise auf ihre Arbeit als Systemischer Business- Coach. Ihre jüngere Cello-Kollegin Anna-Lena Perenthaler indes, erst seit dem Vorjahr Teil von Salut Salon, habe drei Monate lang an einem Stand Spargel verkauft. Keine Auftritte, keine Einnahmen.

„Irgendwann habe ich angefangen, die gespannte Stille im Publikum nach dem letzten Akkord, das kaum wahrnehmbare Knarzen der Stühle, den Spaß, den wir miteinander auf der Bühne haben und sogar das Husten in die Generalpause zu vermissen“, offenbart Angelika Bachmann. Ende Juni trafen sich die singenden Geigerinnen Bachmann und Siegfried, beide aufgrund ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern seit 2011 Trägerinnen des Bundesverdienstkreuzes, mit Perenthaler und Pianistin Olga Shkrygunova erstmals wieder zu einer gemeinsamen Probe, im Atrium vom NewLivingHome war das. Anfang Juli machte Salut Salon dann mobil und setzte an zwei Tagen Bachmanns Idee der „Truck-Tour“ um. Motto: „Wenn das Publikum nicht zu uns kommen kann, dann kommen wir eben zu ihm.“

Lkw wurde „Salut-Salon-gerecht“ umgebaut

Da hatte Angelika Bachmann längst den mehrfach ausgezeichneten Musikfilm- und Opernregisseur Ralf Pleger angerufen. Er hatte bereits Salut Salons Erfolgsprogramm „Karneval der Tiere und andere Phantasien“ auf DVD gebracht. Sie überlegten, wie das Quartett auch mit Flügel an möglichst vielen Orten spielen könnte, immer draußen, ohne dass es zu unerwünschten Menschenansammlungen kommt. Mit Bühnen-Regisseur Franz Wittenbrink suchten sie ein passendes Fahrzeug und ließen es „Salut-Salon-gerecht“ umbauen. Der Sender 3sat sprang buchstäblich auf die Lkw-Konzerte auf. Deren Höhepunkte sind an diesem Sonnabend in einer 45-minütigen Dokumentation zu erleben.

Es sind vier ungewöhnliche Spielorte, etwa vor dem Augustinum in Neumühlen: „Die Senioren waren ja völlig abgeschnitten von ihren Freunden und Familien. Und wir wollten uns gleichzeitig bedanken bei den Pflegern und Mitarbeitern aus der Betreuung für ihren unglaublichen Einsatz“, erläutert Angelika Bachmann diese Wahl. Auch für die Jüngsten gab die Gruppe ein Mini-Konzert.

Hatte Salut Salon vor dem Augustinum Bewährtes wie „La Follia“ (Variationen von Vivaldi bis Rachmaninow) oder mit singender Säge Offenbachs „Barcarole“ gespielt, kamen die „Rabauken“ des FC St. Pauli auf dem Heiligengeistfeld in den Genuss einer doppelten Klassik-Premiere: Vivaldis „La Notte“ und „Hot Canary“ von Paul Nero sind Stücke aus „Die Magie der Träume“. Bachmann: „Wir haben lauter Mini-Premieren gespielt. Alle Stücke aus dem neuen Programm, bei denen es möglich war, den Corona-Abstand einzuhalten.“

Konzert-Polonaise für Tomate, Lauch, Brokkoli - und Cello

Auf einen Gemüsehof muss man respektive frau aber auch erst mal kommen: „Hinter uns sind die Schafe auf dem Deich gelaufen, während wir gespielt haben“, wundert sich Angelika Bachmann beim Betrachten der Bilder. Für den Hof am Moorwerder Deich hatte Salut Salon eine Konzert-Polonaise für Tomate, Lauch, Brokkoli und Cello arrangiert. Der Humor ist den Crossover-Damen trotz Krise nicht abhandengekommen.

Vor der Kunsthalle philosophierten die vier dann beim Stück „Ein Traum im Reisfeld“ mit Zuhörern, ob das Leben ohne Kunst nicht ganz schön trübe sei. „Die Kunst lässt uns träumen. Und Träume sind für den Menschen ja wirklich systemrelevant“, lautet Bachmanns Fazit der Konzert-Reihe made in Hamburg.

Im Ex-Risikogebiet Luxemburg will Salut Salon neu starten

„Unser Trostpflaster für die andauernden Konzertverschiebungen“ nennt Salut Salon die „Truck-Tour“. Vom 3. Oktober an, im Ex-Risikogebiet Luxemburg, hat Salut Salon wieder Konzerte geplant. „Bei einem Marathon weiß man, wie lange er dauert, bei einer Pandemie ja leider nicht“, sinniert Angelika Bachmann. „Wir können es kaum erwarten, wieder ohne Lkw zu spielen. Und ich bin sehr dankbar, dass ich durch meinen anderen Beruf als Psychologin und Business-Coach unsere Salut-Salon-Projekte wie etwa in Kenia auf der Müllkippe weiter finanziell unterstützen kann.“ Wenn sie und ihre Kolleginnen auf Tour sind, sammeln sie nach jedem Konzert Spenden. „Gerade jetzt brauchen die Projekte mehr Unterstützung denn je“, denkt die Künstlerin einmal mehr global.

In jedem Fall hat Salut Salon für Sommer 2021 erneut das Thalia Theater geblockt. Auch wenn das Gastspiel dann wohl „nur“ eine Hamburg-Premiere sein wird.

Salut Salon: „Ein Quartett auf Truck-Tour“ Sa 29.8., 21.15 Uhr, 3sat, auch in der Mediathek; www.salut-salon.com