Jazz-Geschichte

Charlie Parker: Der Mann, der das Publikum zur Ekstase trieb

Charlie Parker im Jahr 1945 in New York.

Charlie Parker im Jahr 1945 in New York.

Foto: Michael Ochs Archives

Der mythenumrankte Saxofonist wäre am Sonnabend 100 Jahre alt geworden. Eine Erinnerung an das tragische Genie Charlie Parker.

„Was hast du denn gedacht, was ich tue?“ Charlie Parker ist verzweifelt und den Tränen nahe, als seine Lebensgefährtin Chan voller Angst ins Kinderzimmer stürmt, in das er gelaufen ist, weil ihr gemeinsamer Sohn weinend im Bett steht. Gerade noch hat Parker in einem New Yorker Jazzclub das Publikum mit seinen irrwitzigen Saxofonläufen in Ekstase versetzt, war euphorisch bis an den Rand der Manie.

Dann der Stimmungsumschwung: Auf Aggression folgt Depression, wenig später versucht er, sich mit Jod zu vergiften und wird in die Psychiatrie eingewiesen. So beginnt Clint Eastwoods „Bird“, eine Spielfilm-Hommage an die ganz große Legende des Jazz. An diesem Sonnabend wäre Parker 100 Jahre alt geworden.

Charlie Parker: Mehrere Todesursachen

Jedoch: Er schafft nicht einmal die Hälfte und stirbt im Alter von 34 Jahren, als Todesursache werden 1955 gleichermaßen Herzinfarkt, Lungenentzündung, Leberzirrhose und ein Magendurchbruch angegeben. Ein totales Organversagen nach einem Leben voller künstlerischer Höhe- und psychischer Tiefpunkte. Zu Beginn des Eastwood-Films hören wir ein furioses „Lester Leaps In“ vom Album „Bird Is Free“, doch wirklich frei war Charlie Parker wohl nie.

Aufgewachsen im Kansas City der 20er- und 30er-Jahre, erlebt Parker eine Ära, in der Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution die Stadt prägen. Für Musiker bieten die Clubs reichlich Arbeitsmöglichkeiten, aber die Konkurrenz ist groß und Zeitzeugen berichten später immer wieder vom Wettkampfcharakter vieler Jazz-Sessions. Als Charlie Parker seine ersten Schritte in die Szene wagt, ist er noch ein Jugendlicher und eine berühmte Anekdote erzählt davon, wie Count Basies Schlagzeuger Jo Jones ein Becken nach dem Neuling warf, um ihn von der Bühne zu vertreiben.

Sein Idol Lester Young lässt er schnell hinter sich

Doch Parker bleibt hartnäckig und arbeitet sich in der Hierarchie hoch. Er spielt in verschiedenen Bigbands und entwickelt dabei zunehmend einen eigenen Stil, mit dem er später zu einem der Wegbereiter des Bebop wird. Sein Vorbild ist Saxofonist Lester Young, doch dessen eher kühlen Stil lässt Parker bald hinter sich und wird immer expressiver. Seine Virtuosität ist atemberaubend, sein Ton voller Leidenschaft, aber nie melancholisch übersättigt. Parker kann mit seinen Läufen härtesten Stahl schneiden, so scheint es manchmal, und gäbe es eine Jazz-Olympiade, er stünde beim Sprint wie beim Marathon, beim Hoch- wie beim Weitsprung auf dem Siegerpodest.

„Manchmal war die Schnelligkeit, mit der er spielte, fast schon todesmutig“, wird Trompeter Dizzy Gillespie in Wolfram Knauers sehr lesenswerter Charlie-Parker-Biografie (Reclam) zitiert.

Unvorbereitet, aber bahnbrechende Studio-Aufnahmen

Später, als er mit seinen eigenen Bands zum Star geworden ist und eine Platte nach der anderen einspielt, kommt er bisweilen unvorbereitet ins Aufnahmestudio und liefert doch Bahnbrechendes ab. Manche seiner Stücke, die sich immer wieder auf Jazz-Standards oder Musical-Melodien gründen, schreibt er in wenigen Minuten auf dem Rücksitz eines Taxis, anderes entsteht unter Zeitdruck in der Sessionsituation selbst.

Die Ära, in der Jazz vor allem Tanzmusik war, ist vorbei. Parker, der sich auch sehr für klassische Komponisten wie Bartók und Strawinsky interessiert, zwingt zum genauen Hinhören, seine Musik lebt von der Improvisation, vom spontanen Einfall. Akribisch werden
Musikwissenschaftler später seine Soli transkribieren, geradezu besessen werden andere Musiker sie nachspielen, doch da ist noch etwas zwischen den Noten, das sich nicht fassen, nicht kopieren lässt. Vielleicht eine Form von Spiritu­alität, die später auch zum Kern des Oeuvres von John Coltrane, dem zweiten Giganten des Jazz, wird.

Schon mit 15 Heroin konsumiert

Manch Zeitgenosse hat indes eine andere Erklärung. Parker spiele so gut, weil er immer high sei, heißt es. Und tatsächlich sind Drogen ein ständiger Begleiter. Schon mit 15 kommt er an Heroin und wird abhängig. Er nimmt Aufputschmittel, raucht Marihuana und trinkt in späteren Jahren immer mehr Alkohol – auch, um Heroin-Entzugserscheinungen zu mildern. Wegen seiner Launenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit hat er ständig Streit mit Clubbesitzern, verliert seine „Cabaret Card“ und kann nicht mehr auftreten, hinzu kommen psychische Probleme und ein schwerer Schicksalsschlag: 1954 stirbt seine Tochter Pree im Alter von zwei Jahren. Da ist Charlie Parker längst in einer Abwärtsspirale gefangen, auch wenn die Mitschnitte aus dieser Zeit das nicht hören lassen.

Am 5. März 1955 tritt Charlie Parker ein letztes Mal im New Yorker „Birdland“ auf, dem Club, der nach ihm benannt ist. An seiner Seite: Charles Mingus, Art Blakey, Bud Powell und Kenny Dorham. Eine Woche später ist er tot.

"Bird": Fernab der Swing-Gemütlichkeit

Natürlich wäre die Geschichte des Jazz ohne ihn eine ganz andere, nicht nur, weil Parker ewige Standards wie „Ornithology“, „Chasin’ The Bird“ oder „Scrapple From The Apple“ geschrieben hat. Ihm gelang es, fernab der Swing-Gemütlichkeit, das Tempo des modernen Lebens in Töne zu kleiden und einen Sound zu schaffen, dem sich bis heute kein Jazzfan entziehen kann.

„Musik beruht auf deinen eigenen Erfahrungen“, hat er einmal gesagt. „Was du nicht selbst erlebt hast, kann auch nicht aus deinem Instrument kommen.“ Wie viel er erlebt hat, davon künden Parkers Aufnahmen auch noch 65 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod.