Thalia-Kritik

Theater spielen, als ginge es ums ganze Leben

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Oda Thormeyer gibt alles in der Thalia-“Opening Night“ auf dem Hof der Gaußstraßen-Spielstätte in Hamburg.

Oda Thormeyer gibt alles in der Thalia-“Opening Night“ auf dem Hof der Gaußstraßen-Spielstätte in Hamburg.

Foto: Krafft Angerer

Die „Opening Night“ im Thalia-Hof ist ein Abend voll rauschhafter Seltsamkeit – ein sich selbst kommentierendes Trash-Musical.

Hamburg. „Mein ganzes verdammtes Leben hängt von diesem Stück hier ab!“ Als Oda Thormeyer in der Rolle der alternden Diva Myrtle diesen Satz ausspuckt, liegen die Ebenen für einen Moment vollkommen klar übereinander. Zwei passgenaue Folien: Stück und Gegenwart, beides eins. Theater und Leben, für manche durchaus dasselbe.

Da steht diese Schauspielerin wieder vor einem Publikum, fünf lange Monate, nachdem die Zukunft plötzlich abbrach. Monate, in denen alles, was das Theater ausmacht, in Frage gestellt wurde, in denen die Menschen sich Nähe abtrainierten, Berührungen vermieden, in denen ausgerechnet das gemeinsame Atmen – elementar für das Zusammenspiel von Text, Schauspiel, Publikum – zur Bedrohung wurde.

Theater nach Corona-Schließungen: "Egal, ob’s ein Erfolg wird!“

Was die erste nun stattfindende Premiere, die sich auch inhaltlich mit dem Theater beschäftigt, mit einer Bedeutung auflädt, der sie kaum gewachsen sein kann. Was ihr andererseits gerade deshalb eine schon anarchische Freiheit schenkt. „Ist mir egal, ob’s ein Erfolg wird!“ sagt der (fiktive) Produzent an einer Stelle, und ganz ähnlich hatte sich auch schon der (echte) Thalia-Intendant geäußert. Scheitern ausdrücklich erlaubt. Hauptsache Theater!

„Opening Night“, einen passenderen Titel kann man ja kaum denken für die erste Staatstheaterinszenierung nach den Corona-Schließungen. Dabei war das gar nicht der Plan, als die junge Regisseurin Charlotte Sprenger den Auftrag übernahm, den Klassiker des Independent-Kinos auf die Thalia-Bühne zu bringen.

Eigentlich sollte die Bearbeitung des John-Cassavetes-Films von 1977 schon Ende April herauskommen, stattdessen wurde per Zoom und unter freiem Himmel geprobt, und die Zuschauer sitzen nun in 1,50-Meter-Vereinzelung auf dem Hof der Gaußstraße verteilt. Diese „Opening Night“ ist auch ein Herantasten an die „neue Normalität“: Gespielt wird noch nicht im, sondern vorerst vor dem Theater.

Eine Frau steht spektakulär im Zentrum herum

Und dennoch: Alle Hoffnungen ruhen auf einer Premiere, und alles dreht sich dabei um Myrtle. Oda Thormeyer – als eine Frau, deren Zeit abzulaufen droht, die eine Frau spielen muss, deren Zeit schon abgelaufen ist – steht dabei im Zentrum. Die Doppelung ist Absicht, und die Darstellerin tut genau das, buchstäblich, über eine ziemlich lange Strecke: spektakulär im Zentrum herumstehen.

Vor großformatigen Schwarz-weiß-Porträts der eigenen, muckschen Jugendschönheit, stets in Sorge und zugleich befeuernd, dass das Publikum nicht mehr zwischen Kunst und Realität unterscheiden kann. Im kanariengelben Wallekleid steht sie da, in einer rotblonden Gena-Rowlands-Perücke, die in dramatischen Filmstarwellen einfach ins Kleid überzugehen scheint.

Überhaupt, die Klamotten! Aleksandra Pavlović staffiert Cassavetes’ Charaktere derart schrill aus, dass die Teile fast ein Eigenleben entwickeln: die flamboyante Gitarrenflatterbluse des angestrengten Regisseurs Manny (Rafael Stachowiak), das aggressive High-Heels-Kostüm von Gabriela Maria Schmeide, der Rüschenanzug von „Produzent“ Tilo Werner, der Existenzialistenrolli und die Supermann-Büx des dauerbeleidigten „Nebendarstellers“ Merlin Sandmeyer.

Myrtle sucht Unsterblichkeit

Wir schauen einem Ensemble dabei zu, wie es eine Uraufführung probt, ein ziemlich inzestuöses Vorhaben übrigens, wie sich herausstellt. Aber es läuft nicht wie es sollte, was vor allem an der Egozentrik der Hauptdarstellerin liegt (der gespielten, nicht der tatsächlichen). Myrtle sucht Unsterblichkeit und landet doch immer wieder nur bei abgeschmackten Kantinenwitzen („Treffen sich zwei Schauspieler...“).

Missverständnisse und Verzweiflungen, Einsamkeiten und Eitelkeiten tragen den immer mehr ins Skurrile kippenden Abend, die fiesesten Sätze gehören dabei der Autorin. Als eine Meisterin der Herablassung spielt Gabriela Maria Schmeide diese Dramatikerin, der zusehends die Kontrolle über ihr eigenes Werk entgleitet. Einen Schauspieler kanzelt sie derart knapp ab („Maurice, komm, geh dich mal abschminken!“), dass man genau diese Formulierung in genau dieser Betonung sofort ins persönliche Süffisanz-Repertoire überführen möchte.

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Die Kostüme blenden jedes eingefahrene Farbempfinden

„Schließen Sie die Augen und genießen Sie Literatur!“ schlägt sie an anderer Stelle dem Publikum vor. Was am Theater natürlich eine beachtliche Unverschämtheit ist und andererseits gerade in Charlotte Sprengers Inszenierung ziemlich komisch. Hier nämlich werden die Inszenierungselemente bewusst überbetont: Die Kostüme blenden jedes eingefahrene Farbempfinden, der Ton kommt fast aufdringlich intim über Kopfhörer (auch um die Nachbarschaft nicht zu ärgern), immer wieder überzuckern Pathos und Musik die Szenen, die „Opening Night“ wird zum sich selbst kommentierenden Trash-Musical, und zur Krönung wankt ein skurriles schwarzes Wuschelwesen mit roten Blinkaugen quer über die Bühnenbreite.

Wessen Wahnsinn hier eigentlich verhandelt wird, ist da längst nicht mehr erkennbar. Jener der Figuren? Der fiktiven Schauspieler, die diese Figuren spielen? Der echten Schauspieler, die die fiktiven Schauspieler spielen? Oder womöglich unser eigener...? Bei dieser Reizüberflutung die Augen zu schließen ist so unmöglich wie bei einem Autounfall (dem im Stück wie im Film ebenfalls eine entscheidende Funktion zufällt).

Myrtle gewinnt ihren Applaus gegen jede Logik

Schon in Cassavetes’ Filmen ist Eindeutigkeit keine hervorstechende Eigenschaft. Da ist eher ein Sog, der entsteht, eine Atmosphäre, die sich transportiert. Charlotte Sprenger treibt die Unschärfe auf die Spitze, was zu Folge hat, dass die Konzentration sich mitunter in den Abendhimmel verabschiedet und Haltungen auch mal bloße Behauptungen bleiben. Das Mäandern und der improvisierte Charakter wirken nicht immer intendiert und sind in ihrer rauschhaften Albernheit durchaus auch anstrengend.

Und trotzdem. Oder: eben deshalb. Myrtle gewinnt ihren Applaus gegen jede Logik und auch die Thalia-„Opening Night“ ist am Ende wahrscheinlich genau richtig so. Das Theater wird zur Kulisse und zum Verhandlungsgegenstand. Die Premiere wird wie ihre Entstehungsgeschichte zur Suche nach einem Weitermachen, nach dem Offenen, aufgeladen mit Emotionen, mit Wagnis, Übermut, anspielungsreich, unsicher, trotzdem lässig, nicht um jeden Preis treffsicher. All das erzählt dieser Abend – und macht die Eröffnungsnacht zu einer sehr berührenden Selbstvergewisserung.