Kampnagel

Sommerfestival: Utopie trotz Corona-Pandemie

Ein bisschen Party, ein bisschen Flitter, ein bisschen Kunst: Vor dem „Migrantpolitan“ tummelt sich das Festivalvolk und bleibt doch weitgehend auf Abstand. Das „Solicasino“ im Zentrum des lauschigen Außengeländes am Kanal ist ein fester Bestandteil des Sommerfestivals.

Ein bisschen Party, ein bisschen Flitter, ein bisschen Kunst: Vor dem „Migrantpolitan“ tummelt sich das Festivalvolk und bleibt doch weitgehend auf Abstand. Das „Solicasino“ im Zentrum des lauschigen Außengeländes am Kanal ist ein fester Bestandteil des Sommerfestivals.

Foto: Marcelo Hernandez

Abstand und kontrollierte Grenzüberschreitungen – Kampnagel zeigt, wie man unter schwierigen Bedingungen eine Eröffnung feiert.

Hamburg.  Halsweh habe er übrigens nicht, beteuert Sommerfestivalchef András Siebold zur Eröffnung gleich mehrfach. Das bunte Schaltuch, zu erstehen auch am Fanartikelstand, ist sein Mund-Nasen-Schutz, in Innenräumen und auf den Gängen Pflicht. Auch Kultursenator Carsten Brosda erinnert an den solidarischen Sinn der Maske: „Ich mach das nicht für mich. Ich mach das für alle um mich herum.“ Das erklärte Gegenwartsfestival auf Kampnagel will zuständig sein „für die Frischluft in der deutschen Theaterszene“ – und ist es in diesem Jahr gleich auf mehreren Ebenen.

Im „Avant-Garten“, dem traditionell lauschigen Gelände der Kulturfabrik, hängen die Lichterketten in den Bäumen, über dem „Soli-Casino“ baumelt die Discokugel und funkelt in den August. In einer Ecke zeltet die Künstlergruppe JAJAJA, in einer anderen singt die indonesische Musiktruppe Toffi Hamburg, ihren Hornisten haben sie acht Meter links von der Bühne platziert. Infektionsschutz. Gleich drei Freiluftbühnen laden zum Flanieren zwischen Hallen, Gastro-Tischen, Kunst-Containern und einer gelben Retro-Telefonzelle, in der die „Klingelstreiche beim Kapitalismus“ der Aktivistengruppe Peng! Collective in Endlosschleife laufen.

Der Auftakt des Sommerfestivals hat es in sich

Der Kultursenator spricht über „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard), und da muss mancher eine Runde länger drüber nachdenken. Alles eigentlich wie immer, möchte man fast sagen. Aber es ist auch leer. Nur 450 Plätze werden im Garten angeboten, nur 300 Besucher dürfen zunächst auf das Gelände. Von sonst 840 Plätzen in der großen Halle k6 sind nach den Abstandsregeln nur rund 250 übrig. Das kann man ein bisschen traurig finden – oder unendlich beglückend, denn die wichtige Nachricht ist ja: Das Festival findet tatsächlich statt. Und was zum Auftakt geboten wird, hat es schon ziemlich in sich.

Es war immer das Ziel des Internationalen Sommerfestivals, die Kunst nicht aus einer weiteren Auslegung klassischer Texte zu gewinnen, sondern eng mit aktuellen Lebenswelten kurzzuschließen. Mit dem klassischen Kulturerbe haben die Darbietungen am Eröffnungsabend der „Special Edition“ gleichwohl eine Menge zu tun.

Am frühen Abend lädt die Hamburger Radio-Gruppe Ligna zur Weltpremiere ihres neuen – garantiert virenfreien – Audio-Walks „Ulysses 2.0“. Ausgerüstet mit Kopfhörer und Abspielgerät startet jeder Besucher für sich allein im Lohmühlenpark, der an diesem Tag bevölkert ist von Kindern und turtelnden Paaren der diversen Nachbarschaft. Wie Ulysses in James Joyces mäanderndem Roman und in Anlehnung an Odysseus, den berühmten Irrfahrer der griechischen Mythologie, streift man vorbei an geschlossenen Clubs des beliebten Ausgehviertels und an gentrifizierten Altbaureihen.

Synonym für die schwebende, zarte, weibliche Unschuld

Dazu die angenehmen Stimmen unter anderem von Samuel Weiss und Josefine Israel aus dem Schauspielhaus-Ensemble im Ohr, die über die Zukunft der Menschheit philosophieren, über Bakterien und Sirenen, über die Stadtgesellschaft und den Kapitalismus. Allerdings kommt der Spaziergang diesmal ohne konkrete Wegbeschreibung aus, was ihn doch arg beliebig macht. „Wie der blinde Zyklop zärtlich die Haare des Widders ertastete, so tasten Sie im Fell der Stadt“, raunt Israels Stimme, während man recht richtungslos durch die Straßen streift. Zum Glück dauert der Irrgang nicht zehn Jahre wie bei Odysseus, sondern nur eine Stunde.

Kurz genug, um sich rechtzeitig zum Eröffnungsstück in der großen Kampnagelhalle einzufinden. Auch in Florentina Holzingers „Tanz“ geht es um einen Klassiker. „La Sylphide“ von 1832, Inbegriff des neoklassischen Ballett-Kanons, Synonym für die schwebende, zarte, weibliche Unschuld. Die gefeierte – und für ihre Hemmungslosigkeit gefürchtete – österreichische Choreografin lässt ebenfalls ihre Tänzerinnen schweben – allerdings ganz direkt, in schwindelnden Bühnenhöhen räkelnd auf Cross-Motorrädern und ziemlich schmerzhaft nackt an Fleischerhaken emporgezogen.

Konfrontation mit dem Unbekannten

Holzinger findet mit ihrem zehnköpfigen, rein weiblichen Ensemble, unerbittliche, aber auch sehr poetische Bilder für ihre feministische Auseinandersetzung mit Körperbildern und Kasteiungen zugunsten des Schönen und Erhabenen. Die Mühen der Ballett-Kunst exerziert textilfrei und doch würdevoll die 79-jährige legendäre Neumeier-Veteranin Beatrice Cordua mit sonoren Ansagen zum Stangentraining; 1972 schon war sie nackt in John Neumeiers „Le sacre du printemps“-Adaption zu bestaunen. Nun doziert sie sich langsam in Ekstase angesichts der bald ebenfalls nackten jungen Leiber.

Das Sylphide-Märchen kommt in kurzen drastischen Zitaten vor (ein gepfählter Wolf, eine ertränkte Babypuppe). Holzinger entlarvt die Entmenschlichung des weiblichen Körpers als Projektionsfläche für männliche Spitzentanz-Machtfantasien mit den Mitteln des Splatter, des Zirkus, mit einem Hauch italienischen 70er-Jahre-Horrors und mit viel Kunstblut. Das ist mitunter anstrengend – und ja, es gibt auch Längen. Aber das Gros der Zuschauer hält durch – auch dank der aparten zuvor verteilten Flaschen mit Frischwasser-Gesichts-spray.

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Das Internationale Sommerfestival erfindet sich in dieser „Special Edition“ neu und ist mehr denn je ein Ort der Utopie auf Zeit, an dem man in – möglichst sicherer – Gemeinschaft endlich wieder Grenzüberschreitung und die Konfrontation mit dem Unbekannten erfahren darf.

Internationales Sommerfestival, bis 30.8., Kampnagel, Jarrestraße 20–24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de